Exklusiv: Daimler Truck-Design

Daimler zeigte dem TRUCKER einige bisher unveröffentlichte Design-Studien
© Foto: Daimler

Daimler lud in die "heiligsten Hallen" nach Sindelfingen und erklärte dort seine "design essentials". Wir haben destilliert, was Fahrer und Transporteure davon haben.


Datum:
16.04.2017
Autor:
Gregor Soller

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Bei Daimler knallten zu Beginn des Jahres die Champagnerkorken: 2016 war man im Pkw-Sektor die beliebteste und absatzstärkste Premiummarke der Welt. Einen Titel, den man gern auch für die Nutzfahrzeuge holen würde, doch da machen eher Chinesen und Schweden das Rennen.

Das zu ändern, obliegt Daimlers Marketing und Design. Wie wichtig Letzteres für die Nutzfahrzeuge wurde, zeigt sich an den Lkw-Designzentren rund um den Globus: Hier steht es 6:6 für Pkw und Lkw. Anders als die weltweit baugleichen Pkw erhalten Freightliner und Western Star in Portland, Fuso und Bahrat Benz in Kawasaki und Chennai teils eigene Kabinen. Ein Team in Sao Paulo passt Atego, Actros MP 3 und Co. an den regionalen Geschmack Südamerikas an, wie Chefdesigner Gorden Wagener erklärt.

ZETSCHE LEGTE DAS DESIGN ZUSAMMEN - ZUM WOHLE DER NUTZFAHRZEUGE

Die Nutzfahrzeuge haben also noch etwas Potenzial in Sachen "Begehrlichkeit". Doch die kann Martin Bremer, der das Corporate Design für die Daimler-Marken verantwortet, anderswo leichter wecken- vor allem in Bereichen, in denen mehr Geld unterwegs ist. Etwa bei der Produktkommunikation oder mit exklusiven externen Aufträgen wie der Leuchte "Ameluna" für den Lampenhersteller Artemide. Oder der Sportyacht "Arrow 460" für Silver Arrows Marine, von denen eine rund 2,5 Millionen Euro kostet. Außerdem entwirft man edle Interieurs für die Business-Version des Airbus A 320 Neo oder den Airbus-Hubschrauber H145. Und sogar Appartments in London und Singapur richtete Daimler schon ein - abgesehen von der Bühne für die Hauptversammlung.

Wenn Vorstand Dieter Zetsche dort sagt: "Ja, das ist es, hier fühle ich mich ganz bei Mercedes-Benz!", geht das Bremer runter wie Öl. Überhaupt änderte "der Dieter", wie Zetsche konzernintern gern genannt wird, die Unternehmenskultur massiv. Die Trennung der Designabteilungen in Pkw, Lkw und Transporter hob der Vorstand mit dem markanten Schnauzer sofort auf und ließ so frischen "Wind" durch die Hallen wehen, was indirekt auch den Fahrern zugute kam. Denn die Premium-Ausrichtung des Gesamtkonzerns und die enge Zusammenarbeit heben trotz des hohen Kostendrucks die Gestaltungs- und Materialqualität der Lkw und Transporter, die zudem von den Gleichteilen mit den Pkw profitieren. Beispiele dafür sind die Automatikwählhebel und einige Schalter in Vito und V-Klasse, die auch in den teuren Limousinen verbaut werden, oder die teils alubedampften Taster in den schweren Lkw-Baureihen. Dazu bemühen die Designer gern klare, gerundete Formen und edle, sofern möglich, echte Materialien.

DIE AUTONOM FAHRENDEN FAHRZEUGE ERLEICHTERN VIELE ALLTAGS-PROBLEME

Der Rundgang durch Daimlers Zukunftswelt beginnt. Schon der "Vision Van" verrät, wohin die Reise beim künftigen Sprinter geht. Man betritt hier ein großzügiges Interieur, das in Sachen Digitalisierung und Kommunikation die Zukunft des Transporter- respektive KEP-Fahrens 2025 vorwegnimmt: autonom, großzügig und im Daueraustausch mit der Umwelt. Womit wir bei der "Digitalisierungstruppe" von Klaus Frenzel sind, die rund um die Fahrzeuge eine virtuelle Welt programmiert hat. Für den Reporter heißt es jetzt, die Virtual Reality (VR-)Brille aufzusetzen, den dazugehörigen Rucksack umzuschnallen und Daimlers Computerstadt zu betreten.

AUF KNOPFDRUCK EINPARKEN -DAS WÄRE WAS FÜR DEN ACTROS

In der virtuellen Stadt stehe ich plötzlich mitten auf einem Zebrastreifen und damit dem Auto im Weg. Intelligent und freundlich wie es ist, fordert es mich auf, weiterzugehen. Dann gibt mir Digital-Designer Nguyen Ngoc Duong einen Controller in die Hand, mit dem ich das Auto auf Knopfdruck autonom einparken und mit einem weiteren Knopfdruck wieder vorfahren lassen kann.

Das hätte ich gern im nächsten Actros! Auf Knopfdruck rangiert er an die Rampe und danach kämpft er sich autonom durch das Stopand-go der Stadt. Mit viel Platz innen, da nur noch zwei Screens zu überwachen sind ...

Über das Fahrzeuginterieur bei Daimler wacht in letzter Instanz Hartmut Sinkwitz. Er prophezeit, dass sich die Fahrzeuginnenräume infolge der Digitalisierung innerhalb der nächsten 15 Jahre stärker wandeln werden als in den vergangenen 50 Jahren. Der Truck-Verantwortliche, Kai Sieber, Leiter "Design Brands & Operations", sieht das genauso. Er hofft, noch einige Bauteile verkleinern zu können, um mehr Platz in Atego, Antos und Co. zu schaffen. Hier ist das "Advanced-Team" gefragt: Steffen Köhl und sein Team denken Jahrzehnte voraus, entwerfen mit teils ungewöhnlichen Mitteln Szenarien für die Zukunft und teils sehr wilde Showcars. Und stoßen so die Entwicklung neuer Serienteile an - hier sind die verstellbaren Kühlerlamellen zur Verbesserung der Aerodynamik oder Flaps zu nennen, die laut Köhl zumindest im Frontbereich auch beim Pkw kommen werden. Damit spricht er indirekt auch für die Flaps am Trailerheck, die dafür sorgen, dass die laminare Strömung länger erhalten bleibt und das "Unterdruck erzeugende Totwassergebiet" am Heck erst möglichst spät einsetzt.

Die Zukunft wird zeigen, ob damit das eingangs erwähnte "Haben wollen" erzeugt wird, auf dass eines Tages auch bei den Nutzfahrzeugen Champagner- statt schnöder Sektkorken knallen können.

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