Länderinformation England: Probleme auf der Insel

Englandverkehre werden zunehmend zum Problem
© Foto: Gareth Fuller/picture-alliance

Lkw-Fahrer, die nach Großbritannien unterwegs sind, beschäftigt derzeit nur ein Thema: Nicht ungewollt als Schleuser tätig zu sein.


Datum:
19.12.2015
Autor:
Redaktion TRUCKER

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Die Verzweiflung vieler Fernfahrer, die Touren nach Großbritannien fahren, ist greifbar. Tausende von Flüchtlingen harren in Calais aus, um eine Mitfahrgelegenheit nach England zu bekommen. Der Bundesverband Güterkraftverkehr BGL berichtet, dass Lkw-Fahrer von Flüchtlingen bedroht wurden.

Wenn die Menschen in den Lkw gelangen, kann das teuer werden. Wer von der britischen Polizei, die in Calais kontrolliert, erwischt wird, gilt zunächst als Schleuser. Wer nicht nachweisen kann, dass er nichts von den blinden Passagieren wusste, zahlt mindestens 500 Pfund, die Spedition 2000 Euro. Selbst wenn die Flüchtlinge rechtzeitig entdeckt werden, bedeutet das zusätzliche Arbeit.

Auf der Suche nach etwas Essbarem durchstöbern die hungernden Flüchtlinge die Ladung. Vor dem Übersetzen ist Kontrolle und Aussortieren beschädigter Waren angesagt. Im Sommer war die Situation besonders schlimm. Mittlerweile hat sich die Lage etwas beruhigt, aber nicht entspannt.

FAHRER VERWEIGERN FAHRT DURCH EUROTUNNEL

Viele Fahrer weigern sich inzwischen, durch den Eurotunnel nach England zu fahren. Die Unternehmen reagieren auf die Situation. Bei der Spedition Stromps aus Krefeld werden die Auflieger möglichst in anderen Häfen wie Zeebrügge oder Amsterdam ohne Fahrer verschifft. "Zum Teil müssen wir dennoch Fahrer rüberschicken, weil in England chronischer Fahrermangel herrscht", sagt Stromps-Geschäftsführer Christoph Rochow.

Diese Fahrer bekommen klare Anweisung, nach dem Überqueren der belgisch-französischen Grenze bis zum Hafen nicht mehr anzuhalten. Für die Fahrer ist die Situation beklemmend. Sie fahren an der Autobahn an den Flüchtlingstrecks vorbei. Um die Fahrer zu schützen, hat Frankreich auf den letzten zehn Kilometern entlang der Zufahrtsstraße zum Hafen einen acht Meter hohen Zaun mit Stacheldraht hochgezogen.

Auch auf britischer Seite hat man reagiert. Die Gewerkschaft Road Haulage Association RHA hat eine Notfallnummer eingerichtet, an die sich Fahrer bei Problemen wenden können: +44 1274 863111. Tausende scheckkartengroße Karten mit der Nummer hat die RHA verteilt. Auch Fährunternehmen wie P&O und DFDS beteiligen sich an der Info-Kampagne. Die Fahrer müssen an der Hotline ihren Namen angeben und die Art des Zwischenfalls nennen. Dann werden die Behörden vor Ort informiert. Ein solcher Anruf kann helfen, nicht als mutmaßlicher Schleuser verhaftet zu werden, wenn bei einer Kontrolle Flüchtlinge gefunden werden.

"Wir sind sehr besorgt über die Anzahl und Ausmaße der Berichte, die wir erhalten", sagt RHA-Chef Richard Burnett. Dazu gehören Angriffe mit Baseballschlägern und Steinwürfe von Autobahnbrücken. Es würden auch Hindernisse auf die Straße gerollt, um die Fahrzeuge zu verlangsamen.

Auf der anderen Seite des Kanals stauen sich Fahrzeuge vor den britischen Häfen. Wer versucht, die Staus auf der M20 in Richtung Dover oder Folkstone zu umgehen, wird von der Polizei zurückgeschickt. Nun soll zumindest ein neuer Parkplatz an der M20 gebaut werden. Im Sommer waren die Staus so dramatisch, dass die Lenkund Ruhezeiten vorübergehend außer Kraft gesetzt wurden.

Die britische Regierung scheint erkannt zu haben, dass sie etwas tun muss. In den kommenden Jahren sollen 19 Milliarden Euro in den Ausbau der Straßen gesteckt werden. Damit sollen mehr als 2000 Kilometer Autobahnen und Fernstraßen entstehen. Ein Projekt ist ein Tunnel bei Stonehenge, das ebenfalls als Staufalle gilt.

Außerdem wird Großbritannien seine Autobahnen internetfähig machen. Dazu werden Sensoren für kabellose Internetverbindungen (WiFi) in die Fahrbahn eingebaut. Diese sollen Daten zum Verkehrsfluss erfassen und helfen, Staus und Unfälle zu reduzieren. Tablets und Mobiltelefone können während der Fahrt im WiFi-Betrieb genutzt werden. Fahrer würden per SMS vor Staus gewarnt und umgeleitet. Zuerst sollen das abgelegene Südostengland bei Cambridge und die Verbindung zwischen London und der Kanalküste mit Internet ausgerüstet werden.

BIS ZU 50.000 FAHRER FEHLEN AUF DEN INSELN

Die schöne neue Welt trifft allerdings aber auf die bittere Realität: Auf den britischen Inseln herrscht seit Jahren Fahrermangel. In diesem Jahr warnt der Fahrerverband davor, dass die Geschenke unter vielen Weihnachtsbäumen fehlen könnten, weil es zu wenig Fahrer gibt. RHA-Chef Burnett zählt zwischen 45.000 und 50.000 fehlende Trucker. "Und die Situation wird immer schlimmer", so Burnett.

Wie in Deutschland gehen in den kommenden Jahren viele Fahrer in den Ruhestand. Junge Leute könnten sich die Ausbildungskosten von umgerechnet 4200 Euro nicht leisten. Diese wird in der Regel nicht von den Speditionen übernommen. Die Regierung mache wenig, um die Lage zu entschärfen, bemängelt die RHA. Nur die größten Unternehmen würden seit Kurzem die Ausbildungskosten bezahlen. Die RHA fordert 200 Millionen Euro Soforthilfe, um den Nachwuchs auszubilden.

Großbritannien ist teuer, die Dieselsteuer die höchste in der Europäischen Union. Speditionen und Fahrer werden mit hohen Abgaben belastet. Dabei werden mehr als 85 Prozent der Güter in Großbritannien per Lkw transportiert. Das Zugnetz ist lückenhaft und überaltert. Die Industrie ist auf Speditionen und Fahrer aus dem Ausland angewiesen. Aber diese wollen in der momentanen Situation immer seltener über den Kanal übersetzen. Alexander Heintze

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