MAN Vertriebsvorstand Löw: Stimmiges Konzept

MAN Vertriebsvorstand Heinz-Jürgen Löw
© Foto: Karel Sefrna

Seit gut zwei Jahren ist Heinz-Jürgen Löw Vertriebsvorstand bei MAN. Im TRUCKER-Interview nimmt er Stellung zu Problemen - vor allem aber dazu, wie's weitergeht in München.


Datum:
22.01.2016
Autor:
Gerhard Gruenig

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TRUCKER: Kürzlich sprachen wir MAN-Fahrer, die unglücklich mit ihrem Auto waren. Die meinten, es muss was passieren. Passiert was?

Heinz-Jürgen Löw: Dazu sollten wir erst einmal sehen, was heute schon da ist, was also schon passiert ist. Bei den von Ihnen angesprochenen Fahrern befinden wir uns im Segment Fernverkehr. Und da würde ich sagen, dass wir mit dem aktuellen D26-Motor einen Antriebsstrang haben, der ganz oben mitspielt. Die Fachpresse beurteilt uns positiv. Wir haben TopTorque eingeführt. Das trägt eindeutig zum besseren Fahrgefühl bei. Wir haben Quickshift mit an Bord, wir haben einen GPS-Tempomaten eingebaut, der - und das würde ich unterstreichen wollen - von Anfang an funktioniert hat. Insofern glaube ich, dass wir heute ein stimmiges Konzept beim Antriebsstrang anbieten können.

Frage: Die Kritik bezog sich mehr aufs Getriebe, vor allem Schaltgeschwindigkeit und -strategie.

Löw: Wir waren kürzlich im Sommertest. Ich persönlich sehe deutliche Verbesserungen gegenüber der Technik der Vergangenheit. Ich kann nicht beurteilen, aus welchen Modelljahren die Fahrzeuge waren, die kritisiert wurden. Aber die neuesten Fahrzeuge von uns sind sehr gut. Obgleich natürlich die Entwicklung immer weitergehen wird.

Frage: Also arbeitet das neue Traxon-Getriebe von ZF zu Ihrer Zufriedenheit?

Löw (lacht): Es ist ja kein Geheimnis, dass wir künftig mit neuen Getrieben arbeiten, die wir perfekt auf unseren Motor abstimmen werden, um einen erstklassigen Antriebsstrang für unsere Kunden zu entwickeln.

Frage: Bekommen wir eine Antwort auf die Frage, von wem das neue Getriebe kommt?

Löw: Die Antwort kann ich Ihnen geben - ist ja auch kein Geheimnis. Wir beziehen heute unsere Getriebe von unserem Lieferanten ZF. Was die Lösung der Zukunft betrifft, werden wir uns auch der Hardware innerhalb des Konzerns bedienen - die wir dann optimal abstimmen werden, um perfekte Fahrdynamik und Verbrauch zu erzielen. So machen wir dies übrigens auch mit den Getrieben von ZF ...

Frage: Kehrt sich MAN von ZF ab?

Löw: Wir werden für jeden Einsatz einen bestmöglichen Antriebsstrang auswählen. Das bedeutet für die verschieden Drehmomente und unterschiedlichen Applikationen die beste Lösung zu finden und das Richtige herauszupicken.

Frage: Wie stellen Sie fest, was der Kunde will?

Löw: Ganz einfach, indem wir mit ihm sprechen. Wir hatten kürzlich unsere Traction Days. Da waren wir eine Woche in der Kiesgrube, haben Kunden aus Deutschland, aber auch aus dem Ausland eingeladen. Solche Veranstaltungen sind wichtige Dialogrunden. Wir nutzen außerdem unseren Fahrerclub "MAN Trucker's World Club" als eine Plattform zum Austausch. Wir haben dort immer wieder Dialogrunden unter anderem über die Social- Media-Kanäle. Dort wollen wir auch Kritik hören, denn nur damit können wir uns verbessern.

Frage: Wie finden Sie denn den richtigen Kompromiss aus Fahrerund Unternehmerinteressen?

Löw: Indem wir dem Unternehmer Fahrzeuge anbieten, die wenig Kosten pro Kilometer verursachen und wenig Ausfälle haben. Kombiniert mit Kabinen, in denen sich der Fahrer wohlfühlt. Ganz wichtig auch die Applikation für den jeweiligen Einsatz. Verteilerfahrer beispielsweise haben ganz andere Bedürfnisse als Fahrer im Fernverkehr. Ich glaube, unsere Kabine ist in punkto Haptik und Qualität weit vorne. Das spiegeln uns zumindest unsere Kunden regelmäßig wider. Wenn ich jetzt vermehrt sehe, wie sich die Schlagzeilen häufen, wir bräuchten morgen keine Fahrer mehr, weil es Lkw gibt, die autonom fahren können, halte ich das für einen Trugschluss!

Frage: Dann gestatten Sie die Frage, was denn MAN demnächst für diese Fahrer tut?

Löw: Wir gehen 2016 die nächsten Schritte. Dann bringen wir die zweite Generation Efficient Cruise in Kombination mit Efficient Roll. Das spart noch einmal rund ein Prozent Kraftstoff. Wir werden Themen wie Mensch-Maschine-Interface in den Vordergrund rücken. Wir werden also einiges nachschärfen. Natürlich wird es einen Nachfolger des TGX/ TGS geben, aber das kann und will ich heute nicht zum Besten geben. Allerdings glaube ich - und das ist kein "Corporate Blabla", sondern die Rückmeldung aus Kundenfeedbacks - dass die Qualität unserer Fahrzeuge hervorragend ist. Und dann gibt es auch zwei Gruppen. Die einen sagen, fasst das Auto bloß nicht an, das ist gut, wie's ist. Und die anderen sagen, es wird Zeit für einen Nachfolger.

Frage: Wenn denn der Neue kommt, wieviel Scania steckt im MAN?

Löw: Der Neue wird auf jeden Fall ein MAN bleiben! Wir entwickeln unsere Fahrzeuge weiter, die DNA bleibt hier. Natürlich sehen wir uns an, welche sinnvollen Möglichkeiten es gibt - siehe Getriebe, wie zuvor beschrieben.

Frage: Sie sprachen das autonome Fahren an. Was halten Sie davon?

Löw: Aktuell hat es noch etwas von Future World - und erzeugt viel Aufmerksamkeit für einen Hersteller, der das Thema propagiert. Tatsächlich geht es heute darum, den Fahrer zu unterstützen und Sicherheitssysteme zu forcieren. Ich denke, Systeme wie Lane Guard, also der Spurhalteassistent, Emergency Braking, der Notbremsassistent, oder der Abstandsregeltempomat bringen viel und müssen weiterentwickelt werden.

Wenn man heute einen so ausgestatteten Lkw fährt, ist es sicher beeindruckend, was so ein Fahrzeug kann. Wir sind in der Phase, in der wir den Fahrer unterstützen. Aber ich glaube auch, dass die Reise weitergehen wird. Wie schnell das gehen wird, ist längst nicht klar.

Frage: Welchen Einfluss wird autonomes Fahren haben?

Löw: Fragen wie etwa, welchen Einfluss das zum Beispiel auf die Lenkund Ruhezeiten hat, wenn der Fahrer nicht aktiv ist, wären noch zu klären. Am Ende müssen sich Vorteile für den Fahrer und für den Spediteur ergeben. Für mich ist aber klar, dass der Fahrer absehbar nicht aus der Kabine verschwindet. Ich kann mir allerdings auch nicht vorstellen, dass er nur noch in der Kabine sitzt und Auftragsbearbeitung macht. Und irgendwann kommt ein Klingeln und er muss wieder das Steuer übernehmen.

Frage: Ist die Entwicklung nicht völlig konträr - hoch technisierte Fahrzeuge einerseits, Fahrer aus Billiglohnländern andererseits?

Löw: Da gebe ich Ihnen Recht. Das ist eine Herausforderung!

Auch wir haben uns mit Profi-Drive entsprechend aufgestellt und uns internationalisiert, weil das Thema Fahrer kein rein deutsches, sondern ein internationales ist. Übrigens sind die Instruktoren auch für mich wichtige Kommunikatoren, um zu sehen, was da draußen los ist und was die Fahrer bewegt. Denn die Jungs sind natürlich nah an der Zielgruppe und können mir entsprechend Rückmeldung geben.

Frage: Und die Unternehmer haben ein echtes Interesse, ihre Fahrer schulen zu lassen?

Löw: Da wird natürlich sehr konträr diskutiert. Die einen halten das Thema Fahrerschulung für extrem wichtig. Die anderen messen ihm weniger Bedeutung bei.

VITA

Heinz-Jürgen Löw

MAN Vorstand Vertrieb und Marketing, geboren 1964 in Regensburg Heinz-Jürgen Löw machte eine Ausbildung zum Kaufmann für Spedition und Logistikdienstleistung und absolvierte das Management Zertifikatprogramm am Management Zentrum in St. Gallen. Nach Stationen bei der Wolf Graf von Bassewitz GmbH, zuletzt als Sales Manager All Product Segments, sowie bei der Zeppelin GmbH in verschiedenen Managementpositionen, war Löw ab 1999 in mehreren verantwortlichen Vertriebspositionen für Renault Trucks SAS tätig - zuletzt als Präsident von Renault Trucks. Seit dem 1. März 2013 ist Heinz-Jürgen Löw Vorstand Marketing, Vertrieb und Services bei der MAN Truck & Bus AG, München.

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