OBU-Umstellung: "Wir wollen den Mautpreis zurück!"

Die OBU zeigt die Mautgebühr nicht mehr an
© Foto: Toll Collect

Toll Collect hat damit begonnen, die Lkw-Maut auf zentrale Berechnung der Gebühr umzustellen. Diese wird jetzt nicht mehr in der OBU angezeigt. Vor allem kleine Unternehmen und deren Fahrer stellt das vor Probleme.


Datum:
01.03.2018
Autor:
Martin Orthuber

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Es ist zwar verständlich, dass Transportunternehmen bzw. ihre Fahrer, die die Mautbeträge bislang handschriftlich vom OBU-Display auf den Lieferschein übertragen haben, über das neue Verfahren nicht besonders erfreut sind", erklärt Martin Rickmann, Leiter Kommunikation bei Toll Collect, auf Anfrage des TRU-CKER. Er weist allerdings darauf hin, "dass es zu keinem Zeitpunkt seit Start des Mautsystems einen Anspruch gab, über die berechnete Maut sofort und fahrtgenau informiert zu werden."

Das Bundesverkehrsministerium bestätigt, dass es vonseiten der Regierung keine entsprechenden Vorgaben an die Betreibergesellschaft gegeben hatte: "Die OBU zeigt den Mautbetrag nicht mehr an." Das entspreche dem europäischen Standard, heißt es aus Berlin lapidar.

DIE OBU VERÜGT NICHT MEHR ÜBER DAS NÖTIGE "WISSEN"

Sowohl das Verkehrsministerium als auch Toll Collect begründen den Umstand mit der Mautausweitung auf die Bundesstraßen, die dadurch wachsende Komplexität des Mautnetzes und die nötige technische Umstellung auf die zentrale Berechnung (siehe "Hintergrund"). Bei der zentralen Mauterhebung verfüge die OBU nicht mehr über das "Wissen", könne die Informationen also auch nicht im Display anzeigen, erklärt Rickmann.

Für Unternehmer Anton Regauer, der sich wie einige andere "fassungslos" bei der Redaktion meldete, ist das nicht akzeptabel: "Sie können auf den Mond fliegen, aber das bekommen sie nicht hin, dass der Betrag auf dem Kasten auftaucht." Der Einsatz der Buchungs-App von Toll Collect ist für Regauer keine Alternative (siehe "Toll-Collect-App"). "Kleine Betriebe auf dem Land haben nicht immer oder kaum Internet", gibt er zu bedenken.

Auch von der streckengenauen Abrechnung, die Toll Collect auf seinem Kundenportal im Internet maximal 48 Stunden später zur Verfügung stellt, ist der Unternehmer nicht begeistert: "Bei großen Firmen mit Verwaltung geht das vielleicht ganz gut, aber bei uns kleinen, mit drei bis zehn Fahrzeugen ..." Bedenken hat er auch bei der Zuordnung: "Wie soll ich denn zwei Tage später herausbekommen, welche Maut ich welchen Kunden zuordnen soll?"

Zumindest dafür scheint es laut Bundesverkehrsministerium eine Lösung zu geben. "Wenn die Fahrer für die verladenden Kunden Kostenstellen durch eine Eingabe im Bedienmenü der OBU vergeben, können die Unternehmen im Portal die berechnete Maut einfacher zuordnen."

VERBÄNDE WOLLEN VERBESSERUNGEN

"Damit kann man die Unternehmer nicht allein lassen", pflichtet Sebastian Lechner, geschäftsführendes Präsidiumsmitglied des Landesverbands Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen LBT, bei. Das treffe alle kleinen Nahverkehrsunternehmen, besonders im Bausektor. Allein beim LBT gebe es seit Beginn der Umstellung täglich zehn bis 15 Anrufe in dieser Angelegenheit. "Wir versuchen in Zusammenarbeit mit dem BGL Verbesserungen zu bekommen", verspricht Lechner.

Anton Regauer will so schnell nicht aufgeben: "Ich telefoniere mich durch bis zum Verkehrsminister in Berlin." Und bei Toll Collect beobachtet man aufmerksam die Kommentare auf Facebook und wertet die Anrufe im Service-Center aus. "Wir haben auch viele positive Rückmeldungen", betont Rickmann. "Das läuft ja erst seit dem 1. Februar. In ein paar Wochen werden wir sehen, ob es gegebenenfalls noch Optimierungsbedarf gibt."

MAUTBERECHNUNG

Toll-Collect-App

Mit der Einbuchungs-App von Toll Collect können fällige Mautgebühren sofort berechnet werden - sofern der Benutzer über eine Internetverbindung verfügt. Dazu muss man am Smartphone Fahrtdaten (Beginn und Ende), Fahrzeugdaten (Zulassungsland, Kennzeichen, Schadstoffklasse, Achsenzahl, Gewichtsklasse, zul. Gesamtgewicht, Höhe, Breite und gegebenenfalls die Gefahrenklasse), Start- und Zielpunkt eingeben. Die fällige Maut wird dann unmittelbar angezeigt. Wichtig ist laut Toll Collect, dass man den letzten Schritt der Buchung nicht ausführt, damit die gebuchte Strecke nicht abgerechnet wird. Auch nicht registrierte Kunden können kostenlos ein Buchungskonto anlegen, erklärt Toll Collect. So kann man die Fahrzeugdaten von bis zu zehn Lkw hinterlegen und spart bei der Eingabe Zeit. Ebenfalls gespeichert werden können zehn verschiedene Strecken. Das hilft, wenn man die gleiche Strecke mit verschiedenen Fahrzeugen fährt. Wenn Start- und/oder Zieladresse nicht vorhanden sind (etwa beim Straßenbau, im Forst oder in neuen Baugebieten), hilft die Option "aktuellen Standort verwenden". Der kann dank GPS auch ohne Internetverbindung bestimmt werden. Problematisch wird die Berechnung dennoch, wenn kein Internet vorhanden ist, da der "aktuelle Standort" nicht abgespeichert werden kann. Verfügt man also weder über Straße und Hausnummer noch über Internet, kommt man mit der derzeitigen Version der App nicht weiter.

HINTERGRUND

Bisher waren alle mautrelevanten Daten in der On Board Unit (OBU) gespeichert: das aktuelle Kartenmaterial der mautpflichtigen Strecken, die Fahrzeugdaten und - via Satellitenortung - die zurückgelegte Strecke. Die OBU konnte damit die fälligen Mautgebühren eigenständig berechnen, den Betrag im Display anzeigen und an Toll Collect zur Abrechnung übermitteln. Mit der Ausweitung der Maut auf alle Bundesstraßen zum 1. Juli 2018 wächst das Streckennetz von derzeit 15.000 auf mehr als 50.000 Kilometer mit etwa 140.000 Tarifabschnitten (bisher 9000). Da sich auf Bundesstraßen häufiger etwas ändert (Baustellen, Durchfahrverbote, Straßensperrungen), wird das Kartenmaterial fortan zentral bei Toll Collect aktuell gehalten und kann laut Martin Rickmann, Leiter Kommunikation, nicht mehr mit mehrwöchiger Vorlaufzeit auf die 1,1 Millionen OBUs aufgespielt werden. Dadurch verliert die OBU die Fähigkeit, die anfallende Maut selbst zu berechnen. Sie übermittelt nur noch die eingestellten Fahrzeug- und Streckendaten an Toll Collect, wo dann mithilfe des aktuellen Streckennetzes die Gebühr berechnet wird. Toll Collect stellt diese Abrechnung den Kunden dann auf der Website im Kundenportal unter der Rubrik "Nicht abgerechnete Fahrten" innerhalb von maximal 48 Stunden zur Verfügung.

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