Auf dem Weg zur LKW-Fahrlehrerin

LKW-Fahrerin ist sie schon, jetzt möchte Alina Heilmeier LKW-Fahrlehrerin werden
© Foto: Michael Simon

LKW-Fahren ist ihre Leidenschaft. Aber nicht ihr Traumjob. Obwohl sich Alina Heilmeier unter den Kollegen am Bau wohlfühlt, schickt sich die 22-Jährige an, die nächste Männerdomäne zu erobern: den Fahrlehrerberuf.


Datum:
24.02.2014
Autor:
Michael Simon

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Wer wolkenverhangene Himmel über ihren Köpfen passt zur Stimmung der Männer. Neun Stunden Maloche bei Eiseskälte liegen vor ihnen. Der Parkplatz des neuen Baumarkts soll asphaltiert werden. Rechte Freude zeichnet sich auf keinem der acht Bauarbeitergesichter ab. Doch dann hellt sich manche Miene auf, als ein LKW mit Asphalt eintrifft. Es ist eine x-beliebige Fuhre, die aber ein besonderer Chauffeur liefert: Eine junge Frau steuert munter auf die Männer zu. Es ist die 22-jährige Alina Heilmeier, die alle Blicke auf sich zieht.

"Dass die Jungs mir hinterher schauen, fällt mir gar nicht auf", meint Alina. Wenn sie den Dreiachser mit Asphaltbirne rückwärts durch die enge Baustellen-Auffahrt manövriert, hat sie ausschließlich für ihre Seitenspiegel Augen. Gekonnt laviert sie den Laster zur Abladestelle, wo sie dem Baustellen-Chef den Lieferschein überreicht. Schnell scharen sich ein paar Arbeiter um Alina. Selbstbewusst plaudert die junge Frau mit ihren Kollegen. "Die Männer begegnen mir eigentlich immer mit Respekt. Mit Chauvinisten hatte ich bisher glücklicherweise noch nicht zu tun", erzählt sie. Nach einem lockeren Plausch leert sie den Asphalt in die Teermaschine. Danach steuert sie ihren LKW zurück auf die Straße. Drei Fuhren fährt sie heute vom Mischwerk zur Baustelle - dann hätte sie Feierabend.

Die Füße hochlegen und den Abend genießen, das kann Alina momentan nicht. Stattdessen stehen nach der Arbeit Mathe-, Latein- und Bio-Lektionen auf dem Plan. Die 22-Jährige hat sich nämlich ein Ziel gesetzt: Sie will LKW-Fahrlehrerin werden. Doch dafür muss sie erst ihr Abitur nachholen.

TRAUMBERUF FAHRLEHRERIN: MIT DEM LKW FAHREN - ABER NICHT ALLEINE

Ihren Traumberuf suchte Alina bis dahin vergeblich. Die Suche erschwerte, dass sie nur einen qualifizierenden Hauptschulabschluss vorzuweisen hat. "In der Pubertät war einfach alles wichtiger als die Schule. Meine Eltern waren ganz und gar nicht begeistert, als ich ihnen sagte, dass ich die Schule abbreche", erinnert sich Alina. Doch alles Zureden der Eltern verpuffte wirkungslos. Wenn sie sich etwas in den Kopf setzt, ist sie nur schwer davon abzubringen. Dem Schulabbruch folgte der Auszug aus dem Elternhaus. Als Bedienung im Restaurant erwirtschaftete sie ihren bescheidenen Haushalt. Und auch für die Finanzierung des Führerscheins reichte das bisschen aus, das im Portemonnaie steckte.

Als sie vor vier Jahren ihren PKW-Führerschein absolvierte, durfte sie einmal bei ihrem Fahrlehrer auf dem Truck mitfahren. Nach wenigen Minuten war Alina klar: Der vor ihr liegende Weg führt nicht an den großen Autos vorbei. Also setzte sie den LKW-Führerschein gleich an die PKW-Ausbildung dran.

Anschließend fuhr sie für ein Baustofftransportunternehmen. "Damals bin ich einen Fünfachs-Kipper gefahren, der war dann schon ein bisschen cooler als der aktuelle Kipper", berichtet die Oberbayerin. "Das Größte war für mich, auch wenn es blöd klingt, einen 18, 19 Meter langen Zug in der Spur zu halten."

So vergingen drei Jahre, in denen sich Alina zwar wohl bei der Arbeit fühlte. Aber irgendetwas fehlte ihr. Das Fahren alleine erfüllte sie nicht. Die langen Touren liefen ihrem Naturell zuwider, ausgiebig zu erzählen oder zuzuhören. Der fehlende oder nicht ausreichende Kontakt zu ihren Mitmenschen brachte sie schließlich zu einer Überlegung: Wenn sie die LKW nicht missen möchte, aber gleichzeitig mehr Menschen um sich haben will, welchen Beruf ergreift man dann? Simple Antwort: Klar, den des Fahrlehrers! Schon früher hat Alina es geliebt, mit jungen Leuten zu arbeiten. Für einige Zeit leitete sie das Jugendzentrum ihrer Gemeinde.

LÄSTIGER FAHRSCHUL-PARAGRAF: ALINA MUSS DAS ABITUR NACHHOLEN

Mit Aushilfsjobs als Bedienung in einer Pizzeria, als Taxi-und eben als LKW-Fahrerin ("Ich schaff' halt gern") sparte sich Alina die rund 8000 Euro an, die die Fahrlehrer-Ausbildung kostet. Dann stieg sie ein. Mit Feuereifer hat sie sich die theoretischen Grundlagen angeeignet, erzählt Alina. Nach einem Jahr ist die Halbzeit der Ausbildung nun erreicht. Alina hat viel Kraft investiert. Doch sie muss noch eine Schippe drauflegen. Die finalen Abitur-Klausuren stehen bevor. Denn der Gesetzgeber fordert in Paragraf 2 des Fahrlehrergesetzes "mindestens eine abgeschlossene Berufsausbildung in einem anerkannten Lehrberuf nach abgeschlossener Hauptschulbildung oder eine gleichwertige Vorbildung". Da Alina beides nicht vorweisen konnte, musste sie noch einmal zur Schule. Mit dem Rektor hat sie vereinbart, dass sie sich nicht mit gelangweilten Teenagern in muffige Klassenräume setzen muss. Sie lernt von zu Hause aus - auch weil sie tagsüber Geld verdienen muss. Immerhin braucht sie nicht alleine pauken. "Meine vier Jahre jüngere Schwester lernt mit mir", berichtet Alina. Dabei komme es ihr persönlich nur darauf an, zu bestehen. "Ich spekuliere nur auf das Abi - nicht auf ein gutes!", sagt sie und lacht. Im Mai soll das Thema Schule dann endgültig abgehakt sein.

Nach dem Abitur will sie nicht nur Fahrlehrerin für PKW- und LKW-Fahrschüler werden, sondern auch für Motorrad- und Bus-Lehrlinge. Fahrlehrerin aller Klassen dürfte sie sich dann nennen. Bis ins Frühjahr 2015 geht die Doppelbelastung aus Jobben und Ausbildung weiter.

Langfristig gesehen, möchte die ehrgeizige junge Frau eine eigene Fahrschule aufmachen. Für diesen Traum schindet sie sich gern. Die letzten großen Steine auf ihrem Weg zum Traumberuf will Alina auch noch beiseite wälzen. Schafft sie das, stürmt sie nach der Baustelle die nächste Männerbastion: "Ich kenne noch keine LKW-Ausbilderin. Da wäre ich wohl die erste!"

HASHTAG


#Kipper

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