Firmenporträt Werner Kehl: Gutes Klima

Werner Kehl und seine Fahrer kommen gut miteinander klar
© Foto: Johannes Reichel

Bei der Spedition Kehl hat man den Wert älterer Fahrer erkannt. Man pflegt den Mitarbeiterstamm mit gutem Material - und Betriebsklima.


Datum:
16.03.2013
Autor:
Johannes Reichel

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Fünf Tage lang war Marian Nowicki arbeitslos - schon fiel dem "geborenen Kraftfahrer" die Decke auf den Kopf. Der drahtige Trucker, der nach Dreherlehre und Militärzeit in Polen seit 1973 fast durchgehend auf Achse war, wollte wieder raus auf die Piste - und hatte doch kaum Hoffnung, dass ihm das mit seinen 61 Jahren nochmal vergönnt sein sollte. "Das war's wohl jetzt für mich", dachte er. Dann kam der Anruf von Spediteur Werner Kehl aus Duisburg. Der hat ein Faible für erfahrene Chauffeure - und eine Empfehlung von Marians Ex-Kollegen Reiner Joedecke.

Ob Marian denn nicht auch bei Kehl anheuern wolle, ein schicker Scania sei quasi schon organisiert, wann er denn anfangen könne, preschte Kehl vor. Marian war wohl so perplex und schon ergeben in sein vermeintliches Schicksal, dass er ablehnte. Er müsse doch erst die Küche fertig renovieren, habe er gestammelt. "Da war ich ein wenig irritiert", lacht Werner Kehl über die Reaktion seines Neuzugangs.

Doch der kam über Nacht zur Besinnung - auch weil ihm sein Sohn Thomas ins Gewissen redete: "Bist du irre! Du weißt genau, dass du es nicht Zuhause aushältst und LKW-Fahren dein Leben ist" - so ähnlich muss es im Hause Nowicki zugegangen sein. Heute kann Marian über die Anekdote lachen und meint zum Chef: "Ich weiß nicht, was da in mich gefahren ist." Denn verglichen mit der Perspektive, als unfreiwilliger Rentner und Küchenrenovierer seine Tage zu fristen, hat er es gut getroffen bei Kehl.

Nicht nur wegen der anständigen und pünktlichen Bezahlung und dem schicken Truck, den Kehl rasch bei Scania Breuer in Duisburg aufgetrieben hatte. Sondern vor allem, weil man eben in dieser Firma erfahrene Kräfte und ihr Know-how zu schätzen weiß. "Dem brauchte ich nicht viel erklären", erzählt der Chef. "Der stand da wie aus dem Ei gepellt mit Tasche und Wochenverpflegung. Schlüssel in die Hand, los geht's. Alte Kraftfahrerschule eben."

AUS ERFAHRUNG GUT: KEHL SCHÄTZT FUHRLEUTE

Und solche "Kaliber", eigenverantwortliche Fahrer, hat Kehl mehrere in seinem Familienbetrieb. Von 18 Fahrern sind fünf über 54 Jahre alt. Etwa besagter Reiner Joedecke, der mit Marian die traurige Geschichte teilt, durch die Insolvenz der 113 Jahre bestehenden Spedition Dören im fortgeschrittenen Alter (54) ohne Arbeit dazustehen. "Der Reiner hat das eingefädelt, ich bin ihm unendlich dankbar", will der noch immer gerührte Marian unbedingt zu Protokoll genommen wissen. Joedecke war übrigens bei seiner Jobsuche, während der ihm wie Marian lausige Angebote ("1800 Euro brutto!") angetragen wurden, über "Google" auf die Firma Kehl gestoßen: Er hatte als Suchworte "Spedition Duisburg" und "Tradition" eingegeben, wie der Chef amüsiert und ein wenig stolz erzählt. Zehn Minuten habe das Gespräch mit Joedecke, der 25 Jahre für Dören fuhr, gedauert. Dann war man per Handschlag handelseinig.

Die Dören-Pleite hat auch Werner Kehl, eben selbst Fuhrmann alter Schule, betroffen gemacht: "Konkurrenz hin oder her, aber so was wünscht man niemandem." Ohnehin will Kehl nicht zu denen gehören, die Wettbewerber durch Dumpingpreise aus dem Feld stechen. "Wir helfen Firmen auch mal aus, wenn sie ein Zeitfenster nicht getroffen haben und etwas bei uns zwischenlagern wollen", erklärt der passionierte Segler, der nicht nur deshalb und wegen der Segelknotensammlung in seinem unaffektierten Büro eine fast hanseatisch-ehrbare Aura verbreitet. "Mir ist die Solidarität unter Transporteuren wichtig. Aber klar, am Markt gibt es immer einen, der billiger fährt."

"Skipper" Kehl versucht da, so gut wie möglich seinen Kurs "auskömmlicher Frachtraten" zu halten. Zumindest "One-Way" muss der Preis passen, damit man sich retour eventuell auch mal eine weniger lukrative Rückladung aus einer Frachtenbörse "leisten" kann. Aber Kehl pflegt auch einen Kundenstamm, der ihm das ermöglicht und dem Sicherheit und Zuverlässigkeit wichtiger sind als das um sich greifende Ausquetschen eines Dienstleisters bis auf den letzten Cent. Für ein Lack- und Farbenwerk fährt er Produkte, die empfindlich auf Kälte reagieren und daher in speziell "beheizten" Trockenfrachtkoffern von Schmitz befördert werden. Auch eine Raffinerie zählt zu den Kunden, und die macht Druck. "Für die wäre nichts verheerender, als irgendwann im Kontext eines Gefahrgutunfalls erwähnt zu werden", weiß Kehl.

Ansonsten sind ihm Teilladungen immer lieber als komplette Fuhren, da bleibe mehr hängen. Weil die Auflieger so speziell sind und die Ware auch mal vor Ort verbleibe, verfügt Kehl über doppelt so viele Trailer wie Zugmaschinen. "Das ist vielleicht das Einzige, was ein bisschen nervt, dass man keinen eigenen Trailer hat", gibt Marian zu. Und so tauchen schon mal Schäden auf, die sich nicht mehr genau zuordnen ließen. Aber sei's drum.

Doch Kehl reagiert nicht nur auf Druck der Kunden, er gibt auch mal kontra. Etwa, wenn es ums leidige Thema Wartezeiten an Rampen geht. Da blitzt im jovialen Rheinländer eine ungeahnte Härte auf: "Es kann nicht sein, dass Fahrer wie der letzte Dreck behandelt werden und wir noch nicht mal für langes Warten entschädigt werden", zürnt er. Er wünscht sich von Verladern und Frachtenvermittlern, und mögen die noch so groß sein, mehr Menschlichkeit und Fairness. Wenn Standgelder angefallen sind, sollten die auch bezahlt werden. Für ihn ist das auch eine Frage der Professionalität.

Gerade hängt einer seiner Trucks, die Kehl als Disponent stets über die Telematik im Blick hat, in Dresden fest: Ein Hochregallager ist defekt - das dauert. "Kann aber doch nicht mein Problem sein", grummelt er. Sein Problem ist vielmehr, dass der LKW längst wieder "on the road" sein müsste. Da hilft dann auch kein Standgeld mehr.

Apropos Lager: Weil die Kunden das nachfragen, wächst Kehl in den vergangenen Jahren zunehmend in den Bereich der Lagerlogistik, den die ältere seiner (Stief-) Töchter organisatorisch leitet. Neben die ehrwürdigen Jahrhundertwende-Hallen soll bald noch eine moderne Logistikhalle im Duisburger Logport kommen.

OHNE NACHFOLGESORGE: DIE TÖCHTER IM BETRIEB

Die jüngere Tochter kümmert sich übrigens samt der "Mama" Dagmar in Eigenregie um Buchhaltung und Finanzen - Kehls Sohn lernt gerade ("ich habe ihm zwar abgeraten") Speditionskaufmann und strebt wohl auch in den Betrieb. "Den Steuerberater können wir uns sparen", lacht Dagmar Kehl, die aber zugibt, dass das ungewöhnlich sei und einiges an Einsatz und Geschick abverlange. Zumal sich die energische Frau auch schon mal ums "Inkasso" kümmere, bei dreist zahlungssäumigen Auftraggebern. "Zahlen 2012 stehen seit Mitte Januar. Wir drängen schon auf die Bilanz", grinst Werner Kehl, stolz auf "seine Damen".

Seine finanzfirme Frau betont daneben aber auch die "weiche" Note: "Wir meinen schon, ein sozialer Betrieb zu sein", reklamiert die zierliche Dame. Als Gerd Jung, einer der geschätzten "Rentner-Fahrer", die Kehl bewusst als Reserve pflegt, schwer erkrankte und länger ausfiel, unterstützte man ihn nach Kräften und war froh, als er nach Reha und Urlaub wieder an Bord war. Einer Praktikantin ermöglichte man die Umschulung zur Fahrerin und - nach einem Bandscheibenvorfall - zur Speditionskauffrau. Sporadisch gibt's einen Fahrerstammtisch, immer ein Sommerfest und von "Events" wie dem gemeinsamen Sicherheitstraining ließ Dagmar Kehl ein hübsches Fotobuch machen. Kleine Details, die aber viel zum, allem Anschein nach guten, Betriebsklima beitragen.

Wie aufs Stichwort schneit Hanjo herein, ein Freund des Hauses, , selbst Spediteur, irgendwie auch Konkurrent, und wird in den Büroräumen allseits begrüßt. Auf einem Foto im Flur sieht man zwei junge Burschen an der Haube eines kernigen Henschel-Zugs posieren, geschätzt 50er-Jahre. "Das sind Hanjos und mein Vater", merkt Werner Kehl im Vorübergehen an. Hat schon Recht, die Suchmaschine, von wegen "Spedition" und "Tradition".

Zumal auch Marian Nowicki, den Kehl samt seiner anderen "Senioren" mindestens bis zum Renteneintritt halten will, am Ende seines Berufslebens seine persönliche Tradition fortsetzen kann: "Ich fuhr schon früher oft Scania. Als krönender Abschluss wieder V8!" Definitiv besser als Küche renovieren.

HASHTAG


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