Jobreport Pistenbully-Fahrer: Autobahnen aus Kristall

Im Konvoi fahren die Pistenbullys zum Einsatzort
© Foto: Martin Orthuber

Im Sommer fährt Martin Juen Lkw und Bagger. Im Winter präpariert er mit dem Bully Ski-Pisten auf der Silvretta Montafon.


Datum:
27.04.2015
Autor:
Martin Orthuber

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Eiskrümel schürfend öffnet sich die Stahltür. Sieben Gestalten mit Stirnlampen stapfen hinaus in den Schnee. Scheinbar ziellos tasten Lichtkegel in der Dunkelheit. Klack. Klackklack. Klack, klack. Klackklack. "Schuss", ruft Flottenführer Gerhard Oberer, nachdem der Letzte seine Skier angeschnallt hat. Das Licht der Stirnlampen sammelt sich talwärts auf ein paar Quadratmetern des samtig weißen Teppichs. Mit einem Satz gleiten die sieben Männer los, nehmen rasant Fahrt auf, immer auf den hellen Fleck zu, den ihre Stirnlampen beleuchten, segeln sie den Hang hinunter und verschwinden hinter schwarzen Fichten.

Hindernisse sind auf der ungebremsten Talfahrt nicht zu erwarten. Einer der sieben Bullyfahrer hat die Piste gerade frisch präpariert. Die Kollegen können sich darauf verlassen, dass hier keine Huckel und Brocken im Weg sind. Der Wintergast soll an jedem Tag perfekte Pisten vorfinden. Morgens um drei Uhr sind die Nachtarbeiter die ersten, die ihre Spur in das frische Schneebett ziehen, das sie selbst bereitet haben. Jetzt endlich wartet ein warmes Federbett.

MARTIN JUENS GROSSE LEIDENSCHAFT I ST SEIN PISTENBULLY

Jeden Wintertag um 15 Uhr treffen sich die Pistenbullyfahrer an der Talstation der Hochjochbahn und steigen in die Gondel auf die Silvretta Montafon. Sechs Tage Einsatz, zwei Tage frei. Bei Martin Juen und seinen Kollegen hat die Woche acht Tage. "Du musst diese Arbeit lieben", sagt Martin. Sie sei nicht so gut bezahlt wie der Job als Baggerfahrer im Sommer. An Weihnachten, Silvester und Fasching sei er meist nicht dabei, wenn die Familie oder Freunde feiern. Trotzdem ist der leidenschaftliche Maschinenfahrer im zehnten Jahr im Einsatz. Einmal hatte er der Familie zuliebe eine Saison ausgesetzt. Doch dann habe sogar seine Frau gesagt: "Im nächsten Jahr fährst du wieder." Es war nicht zu übersehen, dass dem 31-Jährigen sein Pistenbully fehlte.

Vor seinem 430 PS starken Prinoth "Everest" stehend sagt Martin scherzhaft: "Erst kommt der Sohn, dann das Pistengerät, dann die Frau - wenn sie brav ist." 18 Monate ist der gemeinsame Sohn alt. Außerdem gehört die neunjährige Tochter aus der ersten Ehe der Frau zur Familie, die dem stolzen Familienoberhaupt ebenso lieb ist wie der Sohn. "Wenn es darum geht, die Mama zu ärgern, halten wir zusammen wie Pech und Schwefel", flachst er weiter. "Einen Schmäh musst verstehen, austeilen und einstecken können." Das gilt bei Martin nicht nur in der Familie, sondern ist auch Voraussetzung für den Job in der Bullyfahrer-Truppe.

JEDER HAT SEINE EIGENHEITEN, KEINER DARF FEHLEN

"Wenn der einmal stirbt, dann beerdige ich ihn nicht, sondern stopf ihn mir aus", sagt der Vorarlberger über seinen jüngsten Kollegen, der bei der Arbeit am liebsten Volksmusik hört und gerade seinen "Spätzledampfer" besteigt. So werden die Kässbohrer-Fahrzeuge aus dem Schwäbischen genannt. Der Dienstälteste wiederum habe seine eigenen Regeln und besondere Ansichten: "Wenn der Wind talwärts bläst, hat man keinen Handy-Empfang, wenn er bergauf bläst, dann schon. So was glaubt der", erzählt Späthy, wie er von seinen Kollegen des Hofnamens wegen genannt wird, und runzelt die Stirn. So habe eben jeder seine Besonderheiten, "aber wenn wir einen von ihnen nicht hätten, würde uns etwas fehlen."

Martin öffnet die Tür seines "Tortellini" (das sind die Prinoth-Bullys aus Sterzing), beugt sich in das Fahrzeug und lässt den Motor an. Alle Scheiben sind beheizt. Nur von den Scheibenwischern klopf er den Schnee herunter. Die werden mit Kühlwasser frostfrei gehalten, sobald der Motor warm ist. Mit seinen Kuhfell-Clogs besteigt er einen Steg der Kette, klettert ins Fahrzeug und zieht seine Jacke aus. Nach wenigen Minuten ist es in der Kabine warm.

Das Display zeigt, dass alles in Ordnung und einsatzbereit ist. Der Tank ist voll, soll rund 290 Liter fassen, aber dem traut keiner der Fahrer so ganz. 200 bis 300 Liter verbraucht Martin in einer Schicht. Sicherheitshalber wird nach der Essenspause wieder vollgetankt. Fährt man den Tank auf der Piste leer, so dass ein Kollege kommen muss, kostet das einen Kasten Bier, erklärt Martin. Das sei jedem schon passiert. In einem Spitzenwinter wie 2012/13 hat die gesamte Flotte 900.000 Liter Diesel verbraucht, der in großen Kunststofftanks mit der Gondel auf den Berg gebracht werden muss. An guten Tagen sind 16.000 bis 18.000 Skifahrer auf den Pisten unterwegs. Dann muss täglich jede Piste komplett neu präpariert werden.

Martin steigt ins Gas. In der linken Hand hält er das Lenkrad, rechts einen Joystick mit bunten Knöpfen. Damit kann er sein Zwölf-Wege-Schild bewegen: Rauf, runter, links, rechts, geneigt, gedreht, Ohren angeklappt oder ausgefahren und so weiter. Außerdem kann seine Fräse pressen (bei schwerem Schnee), schwimmen oder liften (bei Neuschnee). Und auch der Seilwinde sagt die rechte Hand, was sie tun soll.

ERST IM DRITTEN WINTER KENNT MAN SEIN GERÄT UND DEN SCHNEE

"Ein Anfänger braucht einen Winter, bis er das Fahrzeug beherrscht", erklärt Martin. "Nach zwei bis drei Monaten meinen viele, sie hätten es drauf", erzählt er schmunzelnd, "dann kommt das Frühjahr und der sulzige Schnee, und alles ist anders." Um den Schnee kennenzulernen, brauche man einen zweiten Winter. "Und selbst dann kommt es vor, dass man zunächst meint, mit der Fräse pressen zu müssen, sich dann aber zeigt, dass es genau anders herum besser geht. Bei uns ist jeder Tag anders", erklärt der Profi. Neuschnee, Altschnee, Kunstschnee, Temperaturen am Tag und in der Nacht ... Viele Faktoren bestimmen das Arbeitsergebnis. Manchmal sei es besser, eine Piste erst komplett zu planieren und später mit der Fräse zu bearbeiten. Ist der Schnee aber sehr sulzig und friert dann, kriegt man einen "Frostkoffer", sehr harte Brocken. Wenn es die ganze Nacht schneit, unterbrechen die Bullyfahrer und legen sich auf der Bergstation schlafen. Dann geht es um 4 Uhr morgens weiter bis die ersten Gäste aus den Liften purzeln, und es gibt Übernachtungsgeld.

In seltenen Fällen sei es vorgekommen, dass die Skifahrer morgens warten müssen, bis alles tip-top ist und keine Lawinengefahr mehr bestehe - Sicherheit hat Vorrang. Ihm selbst sei es schon passiert, dass er bergwärts am Pistenrand mit dem Schild gekratzt habe, dann sei der ganze Hang runtergekommen. "Das freut den Bullyfahrer", lacht Späthy: viel schöner Schnee, um ihn auf den Pisten zu verteilen.

Heute sind die Bedingungen ideal. In den vergangenen Tagen hat es mehr als einen halben Meter geschneit und trotz Sonnenschein ist kein Tauwetter. Mit zehn Wintern Erfahrung zählt Späthy zu den Profis. Etwa ein Drittel der Kollegen fährt seit 20 Jahren, ein Drittel um die zehn Jahre, der Rest ist "Nachwuchs". Martin kann auch mit der Winde gut umgehen, präpariert steile Pisten. Zunächst walzt er ganz nach oben, um das freie Ende des Stahlseils aus der Winde am Erdhaken zu befestigen. "Die Steigung würde das Fahrzeug auch ohne das Seil schaffen", erklärt Martin, "aber die Piste wird schöner, wenn sich die Kräfte verteilen".

Martin seilt sich bis ans untere Ende der Piste ab und beginnt damit, den Schnee Bahn für Bahn nach oben zu schieben. Dabei versenkt er die Hügel in den Mulden, die die Skifahrer tagsüber in den Schnee geschnitzt haben. "Mit Winde hat man wieder ein ganz anderes System", betont er. Das Stahlseil soll nicht Flächen wieder aufreißen, die schon fertig waren. Um das teure Seil zu schonen, soll es überhaupt möglichst wenig über Kanten schaben. Läuft aus Unachtsamkeit ein kaputtes Seilstück mit gerissenen Litzen auf die Spule, gibt es einen Windencrash: "Das kann gleich mal 20.000 Euro kosten." Erst im zweiten Durchgang schaltet Martin die Fräse ein, um die Brocken zu pulverisieren.

EIN ARBEITSPLATZ, WO ANDERE URLAUB MACHEN

Am höchsten Punkt des Skigebiets schaltet Martin den Motor ab und starrt über die gezuckerten Gipfel im Mondlicht. In weiter Entfernung flackern Lichter auf den Hängen. "Das sind die Kollegen in Davos", sagt Martin. "Das hier ist unbezahlbar, das entschädigt für so Manches. Wir arbeiten, wo andere Urlaub machen."

Späthy war vier Sommer bei einem Frächter im Baumaterialtransport im Einsatz. Fünf Jahre bei einer Baufirma als "Hun" (Haus und Hofnarr). "Wenn du dir nicht zu schade bist, findest du immer Arbeit", sagt der gelernte Maschinenschlosser. Das Lkw-Fahren habe ihm Spaß gemacht: "Damals habe ich ein schönes Geld verdient. Heute sind die Löhne nicht mehr gut, und die Lenk- und Ruhezeiten ... Hut ab vor denen, die das noch machen." Seit einem Jahr fährt Späthy nur noch Bagger und Pistenbully. "Im Sommer wie im Winter ein Kindheitstraum", sagt er zufrieden und freut sich auf die gemeinsame Talfahrt auf der frischen Piste.

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