Jobreport: Silofahrer Josias Luminati

Ein Mann sattelt um: Der Silo wird abgestellt
© Foto: Jobreport Josias Luminati

Selbst viele Schweizer waren noch nie im Puschlav, dem 5000-Einwohner-Tal am Berninapass. Von hier startet Josias Luminati seine Touren im zugkräftigen 750-PS-Truck.


Datum:
16.05.2013
Autor:
Gerlach Fronemann

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Es ist 4:30 Uhr, die verschneiten Zwei- bis Dreitausender ragen im Vollmondschein zum Himmel. Im rund 20 Kilometer langen Tal herrscht dank LKW-Nachtfahrverbot Stille. Nur das Hämmern und Schleifen eines Bautrupps der zum Weltkulturerbe erhobenen Bernina-Bahn klingen durch die Nacht. In einigen Bauernhäusern gehen Lichter an, über die schmale Zufahrtsstraße zum Betonwerk der Firma Battaglia nähern sich Scheinwerfer. Ein PKW vor dem Flaggschiff des Bau- und Transportunternehmens, einem tiefgrünen Volvo FH 16-750 mit Siloauflieger. Hier kommt Josias Luminati, in San Carlos am ersten Anstieg des Berninapasses zuhause.

Der TRUCKER-Reporter und Josias kennen sich lange. Sein FH 16-750 war der erste, der in der Schweiz verkauft wurde, hob Volvo-Verkaufsberater Reto Veraguth im Frühsommer 2012 stolz hervor.

NACH LANGEM WINTER IST VIEL AUFZUHOLEN

Grund genug, bei Unternehmer Gian Luzi Battaglia nachzufragen, ob man den Chauffeur mal begleiten dürfe. Der inzwischen 71-jährige Unternehmer ist Mitglied einer alteingesessenen Familie, die das Passhotel sowie die letzte Postkutschenlinie über den 2328 hohen Berninapass betrieben hat.

Die weiteren Kontakte liefen über den unermüdlichen Disponenten Pablo Marquesi, ein erstes Treffen fand statt. Doch der lang anhaltende Winter machte uns einen Strich durch die Rechnung. Josias fuhr zeitweilig wegen Mangels an Straßentransporten einen Trax, eine Baumaschine an einer Großbaustelle seines Betriebs im Tessin. Seit Mitte April läuft der Bau auch im 1200 Meter über dem Meer gelegenen Tal von Poschiavo wieder. Da ist viel Zeit aufzuholen, denn der Winter beginnt hier an den höher gelegenen Baustellen oft schon Ende Oktober. Dann heißt es wieder Ketten auflegen, ob es hinunter zum gut 500 Meter tiefer gelegenen Tirano und weiter zum Zementwerk in Bergamo geht oder mit dem Tiefgänger samt Bagger oder Raupe über den Bernina ins Engadin oder gar weiter über den Julier Richtung Chur oder St.-Bernardino-Tunnel.

Heute ist Bergamo das Ziel. Josias hat die Papiere samt jenen für die Sammelverzollung schon vorbereitet. Nach der Abfahrtskontrolle startet er den 16-Liter-Motor: "Bei Leerfahrt musst du sparsam Gas geben, damit die Räder nicht durchdrehen", sagt Josias. Doch deshalb ist der FH 16 ja nur mit I-Shift zu haben und in den unteren Gängen gedrosselt. Von außen sieht das grüne Kraftpaket unscheinbar aus, denn Chef Battaglia hat wegen manch höhenkritischem Einsatz nur das flache Fernfahrerhaus gewählt. Im Dunkeln geht es an einer langen, engen Baustelle entlang und dann steil hinab über Brusio mit seiner weltberühmten 360-Grad-Brücke zur Grenze vor Tirano. Der italienische Zöllner winkt uns durch, hier kennt fast jeder jeden. Noch fährt die Bahn nicht, mit der wir zeitweilig die Fahrbahn teilen müssten - oder warten. In einem weiten Tal geht es über Sondrio zum Comer See, auf einer Landstraße mit laut Josias 32 Kreisverkehren bis Bergamo. Nach einer engen Ortsdurchfahrt halten wir für einen Cappuccino an einer Bar. Der Chauffeur und die junge Bedienung wechseln einige Worte in einem stark regional gefärbten Italienisch. "Hier haben die Leute ihren eigenen Dialekt, und wir im Puschlav haben nochmal andere Worte", höre ich. Das zum Engadin - wo man noch viel Rätoromanisch spricht - hin fast abgetrennte Tal hat auch aus dieser Sprache Wörter übernommen oder ihrem Italienisch angepasst. Doch Josias spricht zum Glück sehr gut Deutsch: "Das habe ich etwas in der Schule und später als Chauffeur gelernt."

Denn nach seiner Mechanikerlehre in einer Werkstatt von Gian Luzi Battaglia und der anschließenden Militärzeit wollte der junge Mann mehr von der Welt sehen: "Ich bin bei einem Obst- und Gemüsehandel im Tal Kühl-Camion gefahren, in einem Volvo F16." In einem vierachsigen Sololaster befuhr er ganz Italien und die Schweiz mit ihren vielen Gebirgspässen. Danach kehrte er zu seinem Chef Gian Luzi zurück und fuhr Touren ins Ruhrgebiet. Er verfrachtete Mikrosilikat, ein spezielles Mineral für den Tunnelbau, meist den Vereina-Tunnel. Nachdem der Tunnel fertig war, wurden die Touren kürzer, aber auch vielseitiger. Seither geht es mal mit dem Siloauflieger nach Italien, mit dem Spezialauflieger über den Berninapass nach Sameeden zum Laden von Straßenbelag oder mit dem "Tiefgänger" mit Baumaschinen über bis zu drei Pässe bis ins Tessin oder in Richtung Chur.

JOSIAS SCHAUT, DASS ER IM TUNNEL ABSTAND HÄLT

Inzwischen sind wir auf einer vierspurigen Straße am Comer See angelangt. Die steil zum Wasser abfallenden Felsen waren einst ein unbezwingbares Hindernis. Erst die Ingenieure und Arbeiter der Staatsbahn sprengten sich über viele Kilometer durch den harten Fels. In den Siebzigerjahren begannen dann die Arbeiten für eine vierspurige Straße parallel zur Bahnlinie durch kilometerlange, immerhin getrennte Tunnels. Der Zahn der Zeit hat kräftig an ihren Wänden genagt. Sie sind wie die Fahrbahn in einem beklagenswerten Zustand, die Renovierung zieht sich. Josias kennt die Gefahren und hält Abstand. Auf Hochbrücken geht es um die Stadt Lecco und weiter über Hügel und durch einen Tunnel hinab in die Pianura Padana, die Padanische oder Oberitalienische Tiefebene. Die hohen Silos und der Kamin des Zementwerks überragen die Häuser der Vorstadt, wo wir pünktlich eintreffen und gleich laden. Am Vortag war Feiertag, viele Firmen haben die "Brücke" genutzt.

Josias zieht über die Waage und fährt unter die Verladesilos. Mit Sicherheitsausrüstung samt Fanggurt steigt er über eine Treppe hoch zur Schalttafel der Verladeautomaten. Dann öffnet er zwei Domdeckel und schiebt die Siloausläufe an und in die Öffnungen. Die Beladung dauert 15 Minuten. Schon schließt Josias die Domdeckel und bläst den Zementstaub mit der bereitliegenden Druckluftpistole vom Silo.

Nach einer knappen halben Stunde hält der Schweizer Routier die Papiere in der Hand, steuert den Zug über die Waage zum Parkplatz und macht in einer benachbarten Bar die vorgeschriebene Pause. Auch hier kennt man sich. Die Bedienung fragt, wer der Begleiter sei und serviert Kaffee und Croissants. Eigentlich hätte ich in Italien gar nicht im LKW mitfahren dürfen, aber mein Führerschein samt Fahrerkarte machen mich zum einzuweisenden Kollegen.

Nach der Pause geht es zurück in Richtung Tirano. Bei 750 PS und dem vor wenigen Jahren noch für unerreichbar gehaltenen Höchstdrehmoment von 3550 Newtonmetern glaubt man nicht, in einem 40-Tonner zu sitzen. Im Hügelland setzt Josias die entsprechend gewaltige Motorbremse und den kombinierten Retarder ein. Dieser hat nur drei Stufen, der Fahrer hätte gern fünf, wie bei anderen LKW: "Das wäre besser abzustimmen, vor allem auch bei Leerfahrt. Sonst habe ich nichts an diesem phantastischen Camion zu bemängeln." Wir bleiben unter 80 km/h, denn auf italienischen Landstraßen ist nur 70 erlaubt. Und die werden überwacht!

DIE WAAGE IST HIER DER EINZIGE EBENE ORT

Die Fahrt führt wieder durch die langen Tunnels und weiter ins Gebirge nach Tirano. Die Grenzspedition ist verständigt, und kaum sind wir bei ihm vorgefahren, reicht er uns die Zolldokumente. Weiter geht es durch das Zentrum von Tirano und in die Steigung zur Grenze. Die dortige Bar ist wegen der wartenden LKW-Fahrer ab 4:00 Uhr geöffnet. Doch wir fahren nach kurzem Aufenthalt weiter bis auf die Waage der Schweizer, die einzige flache Stelle im Ort. Zum Grenzspediteur, der die Papiere für das vereinfachte Zollverfahren bereithält, sind es nur 25 Schritte, zum Grenzposten ebenfalls. Nach zehn Minuten geht es hinter dem winzigen Grenzposten bis zu zehn Prozent steil hinauf. Trotz langer Übersetzung - bei 90 km/h dreht der Sechszylinder gerade mal 1330 U/min - schießt der schwere Zug die acht- bis neunprozentige Steigung im Neunten mit fast 65 km/h hinauf, nur durch Engstellen und Kurven gebremst. Am Betonwerk sattelt Josias ab und einen Tiefgänger auf: "Der ist 18 Jahre alt. Jetzt haben wir einen neuen bei Müller Mitteltal bestellt."

In der Mittagspause kann der Chauffeur daheim essen, sitzt aber pünktlich um Eins wieder im LKW, um nach den ersten fünf Kilometern zum Bernina einen Bagger zu laden. Zwei Kollegen helfen. Zur Schonung des Tiefgängers und als rutschfeste Unterlage legen sie Altreifen unter die Ketten. Anschließend wird sorgfältig mit Ketten gesichert, schon geht's wieder bergab.

Auf der steilen Straße kommt der mit Schaltung und Motorbremse kombinierte Retarder wieder zum Einsatz. In Josias Heimatdorf San Carlo, wo seine Familie seit Generationen lebt, ist ein enges Tor zu durchfahren, für den Routinier kein Problem. In Poschiavo muss er noch eine Brücke im rechten Winkel meistern, dann die Ortsdurchfahrt. Endlich geht es geradeaus bis zum Lago di Poschiavo, wo der Bagger abzusetzen ist. Mit Schwung nimmt Josias die letzte Rampe mit ihrer schmierigen, unbefestigten Fahrbahn und stellt das Gespann zur Entladung bereit. In zwei Stunden muss er die Baumaschine wieder aufladen, um sie am Montag an die nächste Baustelle zu bringen.

"Ich liebe die Arbeit als Chauffeur", sagt der Familienvater. "Du siehst immer andere Gegenden und triffst mit vielen Menschen zusammen. Die Arbeit ist abwechslungsreich, und oft bin ich so daheim, dass ich mit meiner Frau und unserer Tochter zu Abend essen kann. Und am Wochenende bin ich ebenfalls zu Hause."


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