Kraft ist ihre Stärke

Volle Konzentration bei Kranfahrer Andreas. Dank Rundum-Verglasung hat er alles im Blick
© Foto: Karel Sefrna

Sie heben 100 Tonnen und mehr - und das millimetergenau. Sie rollen auf fünf und mehr Achsen, und ihre Motoren leisten gut und gerne 1000 PS. Wir haben zwei Kranfahrer samt ihrem Tross an Helfern begleitet.


Datum:
12.06.2018
Autor:
Gerhard Gruenig

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Andreas hat ein ruhiges Händchen - muss er haben. Den Teleskopausleger seines Liebherr LTM 1100 hat er aufs Maximum von 60 Metern ausgefahren. Hoffentlich ist auf den Einweiser auf dem Dach der Lagerhalle Verlass. Denn sehen kann Andreas nicht, wo die Helfer das massive Betonteil aus dem Abbruch angeschirrt haben. Der Haken ist tief ins Gebäudeinnere getaucht. Seinen 100-Tonnen-Kran steuert der passionierte Kranfahrer nur mit einem Joystick. Jetzt leicht anheben, ein Blick aufs knallbunte Display im Fahrstand. Alles im grünen Bereich.

Der Betonbrocken wiegt deutlich weniger, als der Kran heben könnte. Vom Dach kommt das Signal "Daumen nach oben". In Zeitlupentempo rollt das fingerdicke Drahtseil ein. Jetzt kann Andreas sehen, was er am Haken hat. Noch ein paar Meter, ein Schwenk des mächtigen Kranarmes, ablassen - geschafft. Der Auftraggeber baut das Gebäude um, weshalb Stück für Stück abgetragen werden muss. Also nix mit grobem Gerät und rein in die Botanik. Stattdessen Feinarbeit mit Presslufthammer und Autokran.

Im Fuhrpark von Hack Autokrane, dem Arbeitgeber von Andreas, ist der LTM 1100 ein eher kleiner Kran. "Aber er ist vielseitig", lobt der Kranfahrer. "Und mit seiner Hinterachslenkung ist er zudem wendig. Klar haben wir Größeres im Fuhrpark. Aber die dicken Dinger stehen oft herum, und ich hab zu tun, weil mein 1100er gefragt ist." Doch selbst der "Kleine" von Andreas hat gute Anlagen: einen 476 PS starken Fahrmotor, weitere 175 PS für die Kranarbeiten, für die maximale Hubleistung nimmt er 28,2 Tonnen Ballast auf, und mit 85 km/h Maximalspeed ist Andreas auf den Überführungsfahrten kein Verkehrshindernis.

Auf die Frage, welche Befähigung man für seinen Job benötigt, schüttelt Andreas bedächtig den Kopf: "Eigentlich keine", meint er nachdenklich. "Den C-Führerschein, um den Kran fahren zu dürfen. Aber so etwas wie einen Kranschein gibt es nicht."

"Natürlich lassen wir keine Anfänger auf unsere Krane", wirft Udo Hack, Geschäftsführer des Kranunternehmens, ein. "Das ist wie ein Lehrberuf. Man nimmt sich der Thematik an, startet mit kleineren Kranen, bekommt Erfahrung und arbeitet sich hoch. Und irgendwann ist man so weit wie Andreas: ein alter Hase mit 20 Jahren Erfahrung", lacht er. Andreas ergänzt, dass er auch nie was anderes machen wollte - zumindest nicht, seit er das erste Mal mit einem Autokran zu tun hatte.

Wie aus dem Effeff betet er die Leistungsdaten seines Liebherr herunter und erklärt, dass der Chef eigentlich ein anderes Fabrikat kaufen wollte, er aber darauf bestand, dass es einer der gelben Riesen aus Ehingen an der Donau sein muss. "Ich finde die Bedienung logisch, der 1100er ist zuverlässig, lässt sich gut auf der Straße fahren und ist leistungsstark." "Also hab ich Liebherr gekauft", schmunzelt Udo Hack. "Nachdem es bei den Kranfahrern so ist wie im Lkw-Geschäft - Fahrermangel -, muss man die Guten belohnen.

EIN KRAN ALLEINE WÄRE GAR NICHT EINSATZFÄHIG

Erfahrungen hat Hack in beiden Bereichen, denn kein Kran kommt ohne unterstützenden Lkw aus, der ihm die Ballastgewichte hinterherbringt. Offensichtlich erfüllt Hack auch die Wünsche seiner Lkw-Fahrer. Wie sonst wäre es zu erklären, dass ein Urgestein wie Reiner Fricke noch immer ins Lenkrad greift. Im Februar 1945 geboren, könnte Reiner längst den Ruhestand genießen. Aber abgesehen davon, dass er nicht wie ein über Siebzigjähriger aussieht, hat er auch gar keine Lust auf Rente. "Und irgendjemand muss sich doch um meinen 'Dicken' kümmern", lacht er. Der Dicke ist ein Actros V8, "ein 6x2 von Titan" korrigiert Reiner. "Erste Generation, aber wie ich: ein alter Haudegen, der es aber immer noch mit den Jungen aufnimmt! Der Chef wollte ihn ja schon verkaufen. Aber ich hab gesagt, nix da. Solange ich noch da bin, bleibt auch der Titan."

Reiner gilt in der Hack-Mannschaft als bunter Hund. Als wir ihn darauf ansprechen, dass die Kollegen in der Dispo hinter vorgehaltener Hand geplaudert hätten, er sei wie ein Seemann - in jeder Stadt eine andere Braut -, lächelt er nur verschmitzt, haut dem Redakteur zum Abschied kräftig auf die Schulter und schwingt sich hinters Lenkrad seine Achtzylinders.

Teamarbeit ist wichtig im Krangeschäft. Gut eingespielt sind auch Kranfahrer Michael Köhler und sein Ballastfahrer Axel Drüssler. Wir begleiten sie bei einer Baumfällaktion und staunen nicht schlecht, dass Michael seinen Liebherr-LTM-1160-Fünfachser über Straßen dirigiert, auf denen viele Pkw-Fahrer nicht fahren würden.

Der 160-Tonnen-Kran wird gebraucht, um Bäume, die abgeschnitten werden, aber nicht umfallen dürfen, aus einem mit mehreren Häusern bebauten Grundstück zu heben. Tags zuvor haben Helfer bereits mächtige Kieshaufen aufgetürmt und die mit dicken Holzbohlen abgestützt, damit Michael seinen Kran abstützen kann. Man kennt sich, und der Kranfahrer weiß, dass er sich auf die Arbeit verlassen kann - so, wie sich der nervöse Hausbesitzer darauf verlässt, dass kein Baum auf sein Dach kracht.

Wie nicht anders zu erwarten, klappt alles wie am Schnürchen: Michael und Axel ballastieren auf, ein paar gezielte Hübe, Baum für Baum schwebt aus dem Wald und wird wie ein riesiger Mikadostab auf der Lichtung abgelegt. Was für den unbedarften Beobachter spektakulär aussieht, ist für die Profis tägliche Routine. Wie lautet der Spruch auf Michaels Kran? "Wir heben Sie in den 7. Himmel." Dem ist nichts hinzuzufügen.

JOBPROFIL

Anschrift:
Hack Autokrane
Stettiner Straße 14
56564 Neuwied
Telefon 0 26 31/35 68 08
www.hack-autokrane.de

Hauptaktivitäten:
Kranarbeiten bis 145 Meter Hubhöhe und 500 Tonnen Hubkraft; Schwer- und Sondertransporte (bis 250 Tonnen); Abschleppen und Bergen (auch Lkw und Busse); Maschinenumzüge; Einlagerungen (bis 52.000 Quadratmeter, in-/outdoor)

Anforderung:
Zuverlässigkeit; je nach Einsatz Kran- bzw. Schwerlasterfahrung; Belastbarkeit und zeitliche Flexibilität; Führerschein Klasse C/CE

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