Mit deutschen Wurzeln im finnischen Holz

Friedhelm Schäfer wanderte nach Finnland aus
© Foto: Richard Kienberger

Friedhelm Schäfer ist einer der ganz wenigen Ausländer, die in Finnland als Fahrer arbeiten. Vor rund sieben Jahren wanderte er ein und ist seitdem Holztrucker in dem nordeuropäischen Land.


Datum:
21.12.2015
Autor:
Richard Kienberger

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Schon immer hatte Friedhelm Schäfer eine besondere Verbindung zu Finnland. Seine Mutter stammt von dort, die Großmutter wurde sogar in Vyborg geboren. Das liegt in Ost-Karelien und gehört inzwischen zu Russland. Trotz finnischer Vorfahren ist der Lkw-Fahrer in dem Land ein Exot. In Finnland arbeiten nur wenige nicht-skandinavische Fahrer - und diese wenigen sind auf einem Timbertruck so gut wie gar nicht zu finden.

Schäfer wurde in Deutschland geboren, er hat rund vierzig Jahre hier gelebt und hat natürlich einen deutschen Pass. Lange Zeit arbeitete er als Lkw-Fahrer in einem Entsorgungsbetrieb. Den Entschluss, in das Land zu gehen, aus dem seine Mutter Anfang der Sechzigerjahre nach Deutschland reiste, fasste er nach einer privaten Krise: "Ich wollte noch einmal neu anfangen." Heute kann der Lkw-Fahrer darüber lachen, wenn er berichtet, wie er am 1. Juni 2009 in Finnland ankam: "Drei Koffer und 3000 Euro waren alles, was ich dabei hatte." Und ein letztes Muster seiner cleveren Erfindung, von der er immer noch hofft, dass sie sich irgendwie vermarkten lässt (siehe Kasten auf Seite 55).

EINE NEUE ERFAHRUNG FÜR FRIEDHELM: TRANSPORT VON ENERGY WOOD

Zunächst brauchte der Emigrant natürlich einen Arbeitsplatz. Er heuerte bei einem Transportunternehmer an, der sich auf die Langstrecke spezialisiert hatte. Etwa ein Jahr lang pendelte der Deutsche mit einem Sattelzug zwischen Finnland und Spanien, dann hatte er genug davon: "Ich bin ja bewusst nach Finnland gegangen, ich wollte die Sprache lernen und mich eingewöhnen. Aber bei diesem Job war ich mehr in Südeuropa als in Finnland. Also habe ich mir was anderes gesucht. Außerdem ist Finnland zumindest im Sommer schöner als Spanien."

Die Fernfahrten waren für Schäfer kein großes Problem - in seinem nächsten Job musste er allerdings viel dazulernen: "Ich fing bei einem Transporteur an, der für die Holzindustrie arbeitete. Für den musste ich ausgerechnet Energy Wood fahren." Darunter versteht man Wurzeln und Äste, die beim Einschlag übrig bleiben und wie das Stammholz wertvoller Rohstoff sind. Während die Stämme aber einigermaßen gut erreichbar für die Trucker gestapelt sind, werden die verkrusteten Holzreste oft an den unmöglichsten Stellen im Wald abgelegt.

Inzwischen hatte Schäfer die Sprache so gut gelernt, dass er schnell mit dem ausgefuchsten Informationssystem zurechtkam, das in jeden Holztruck installiert ist. Alle Fahrzeuge sind mit einem Laptop ausstaffiert, in dem eine spezielle Software den Einsatz regelt. Darüber erfahren die Trucker, wo Holz abzuholen ist. Sobald sie geladen haben, bestätigen sie dies, und sofern es alternative Abladestellen gibt, geben sie über das System eine Info durch, wohin sie ihre Ladung bringen wollen. Damit werden sowohl die Kollegen als auch die Abnehmer in Echtzeit über den aktuellen Stand informiert. Für die Kollegen ist es wichtig zu wissen, ob beispielsweise an einer bestimmten Stelle noch Ladungen vorhanden sind. Und die Abnehmer können die ankommende Ware in ihr System eintakten.

LERNEN, LERNEN, LERNEN: HIER GILT ES, OHNE STREUWAGEN DURCHZUKOMMEN

"In der Anfangszeit musste ich unendlich viel lernen," berichtet der Deutsche, der früher in Iserlohn lebte. Zum Beispiel das souveräne Schalten mit einem urwüchsigen Fuller-Getriebe. Das in Finnland maximal erlaubte Gesamtgewicht von 76 Tonnen wird bei den Energy-Wood-Trucks aber gar nicht ausgenutzt, weil sie nicht so kompakt geladen sind. Selbst ein voll beladener Zug mit der erlaubten Gesamtlänge von 25,25 Meter kommt mit Ästen und Wurzeln nicht einmal auf 30 Tonnen.

Er kommt inzwischen ganz gut zurecht auf den engen Waldwegen. Doch Schäfer ist sich durchaus bewusst, dass er noch eine Weile braucht, um die jahrelange Erfahrung und Routine seiner finnischen Kollegen zu erreichen. Für ihn ist die Zeit des Lernens noch lange nicht vorbei, in dieser Hinsicht macht er sich keine Illusionen: "Wir sind es einfach nicht gewohnt, mit diesen extremen Bedingungen zurechtzukommen. In diesem Winter gab es zum Beispiel eine Nacht, da hat es um drei Uhr minus 24 Grad gehabt. Um vier Uhr waren es noch minus vier Grad und es hat geregnet." In Finnland rutscht bei derartigen Verhältnissen auch der eine oder andere Truck in den Graben, aber es bricht zumindest nicht das Chaos aus. Vor etlicher Zeit traf Schäfer einen deutschen Kollegen, der auf einem Parkplatz stand und den er aufgrund des Nummernschildes ansprach.

FRIEDHELM SCHÄFER HAT SICH EINIGE DEUTSCHE DENKWEISEN BEWAHRT

"Der wollte wissen, wann der Streuwagen kommt. Ich habe ihm gesagt, darauf könne er lange warten." Für "Südländer" übrigens, die in Finnland regelmäßig Probleme haben, eine Dusche zu finden, hat er noch einen praktischen Tipp parat: "Da muss man sich vorher eine Mitgliedskarte der Trucker-Organisation Rahtarit besorgen. Das kostet zwar 35 Euro, aber dann kann man zum Beispiel in jeder ABC-Raststätte duschen und bekommt Rabatt aufs Essen."

So ganz angekommen ist Friedhelm Schäfer in Finnland immer noch nicht. Seine deutschen Wurzeln spürt er täglich an den Unterschieden in der Mentalität. Viele typische deutsche Denkweisen haben ihm die Finnen in den vergangenen sechs Jahren partout nicht austreiben können. Vor allem wenn es um die Sicherheit geht haben die Nordeuropäer seiner Ansicht nach ein ganz anderes Verständnis: "Einer meiner Chefs bekam für meinen Truck, an dem zwei Blattfedern gebrochen waren, noch das Pendant zu einem TÜV-Stempel. Keine Ahnung, wie das ging; die machen oft, was sie wollen. Er ließ das erst reparieren, als ich massiv geworden bin." So gesehen findet der Emigrant auch, dass dem Gewerbe eine Behörde wie das BAG gut täte, um gewisse Schludrigkeiten zu eliminieren. Letztlich ist ihm aber beim unvermeidlichen Kontakt mit der Ordnungsmacht die finnische Polizei lieber: "Die ist wesentlich kulanter."

Seinen Entschluss auszuwandern, hat Schäfer noch keinen Tag bereut. Trotz aller Mentalitätsunterschiede mag er seine Kollegen und das Land, das ihm zur neuen Heimat geworden ist. Und der Job ist auch von ganz anderem Kaliber als das, was er in Deutschland gemacht hat: "Hier ist noch viel Wildwest, da bist du auf dich allein gestellt und musst sehen, wie du durchkommst."

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