Oldtimer-Restaurierung: Geschmuggelte Rarität

Der Vomag 4,5 LHG 448 von Walter Höcker ist heute wieder in Originalzustand
© Foto: W. Höcker

Der Vomag 4,5 LHG 448 von Walter Höcker ist nicht nur ein ziemlich seltenes Exemplar einer längst verloschenen Marke. Bis der Veteran 2006 das erste Mal wieder komplett auf einem Treffen auftauchte, hatte er eine wahre Odyssee - in Teilen - hinter sich.


Datum:
23.11.2017
Autor:
Gerhard Gruenig

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Vomag? Jüngere Leser stutzen bei diesem Namen. Längst hat die ursprünglich als Vogtländische Maschinenfabrik im sächsischen Plauen gegründete Firma ihre Pforten geschlossen. Dabei waren dort mal rund 6000 Mitarbeiter beschäftigt. Ihren Ursprung nahm die 1881 gegründete Firma als Hersteller und Reparaturbetrieb für Stickmaschinen. Dann kamen Druckmaschinen, Panzer sowie Lkw und Busse. 1948 wurde aus Vomagschließlich der VEB Maschinenfabrik Vogtland. Mit Lastern war da schon länger nichts mehr ...

Für Walter Höcker hatte der Name Vomag seit jeher einen klingenden Namen. Sein Onkel Erwin war nach dem Zweiten Weltkrieg als Fahrer bei einem Omnibusunternehmen in Versmold auf einem Vomag-Bus unterwegs. Als Höcker 1994 hörte, dass in der Nähe von Breslau ein Vomag-Lkw für schmale 2000 Mark zum Verkauf stand, war er deshalb Feuer und Flamme. Schnell ließ er sich Bilder schicken, recherchierte, prüfte die Fahrgestellnummer und identifizierte den raren Laster. Letzte Gewissheit brachte der Vomag-Spezialist Christian Suhr - der im weiteren Verlauf der Restaurierung immer wieder eine wichtige Rolle spielen sollte.

IM LAUF DER JAHRE WAR VIEL VERLOREN GEGANGEN

Nach einem langen Telefonat wusste Höcker: Es ist ein 4,5 LHG 448, also ein 4,5-Tonnen-Pritschenwagen mit 4,8 Meter Radstand, gebaut 1940 und kriegsbedingt ab Werk mit einem Vierzylinder-Holzvergaser-Motor ausgerüstet. Besonderheit ist ein ZF Viergang-Getriebe mit Zusatz-Schnellganggetriebe von Maybach. Damit erreichte der Vomag für die damalige Zeit respektable 52 km/h.

Leider war nach all den Jahren nicht mehr so viel original. Fahrerhaus, Haube und die völlig durchgerosteten Kotflügel stammten von einem viel jüngeren IFA H6. Und Walter Höcker hatte ein weiteres, noch weit schwierigeres Problem: Der Laster war ob seines Alters als "polnisches Volksgut" deklariert und es war verboten, ihn außer Landes zu bringen. Doch wo ein Wille, da auch ein Weg. Höckers Nachbar, ein Zwiebelschälbetrieb mit reichlich Importkontakten nach Polen, erwies sich als Retter in der Not. Nachdem der Vomag fachmännisch zerlegt war, wurde er umdeklariert als "Eisenteiletransport" und die zahlreichen Teile und Komponenten gelangten unter Zentnern von Zwiebeln versteckt nach Deutschland.

Nachdem alles hier war, zog Höcker Bilanz: Fahrerhaus falsch, Kühler, Spritzwand, Tank, Stoßstangen und Kotflügel fehlen. An der Stelle kam ein weiteres Mal Christian Suhr ins Spiel. Der kaufte etwa zur gleichen Zeit einen Vomag von 1939 in Gera. Statt der originalen Eckhaube hatte der eine Rundschnauze - und die passte an Höckers Vomag. Also überließ ihm Suhr Fahrerhaus, Motorhaube, Seitenteile und Frontbrille vom Gera-Vomag und besorgte sich einen Kühler aus Polen. Ein weiterer 4,5 LHG 448 aus dem Stadtmuseum in Plauen diente als Vorlage für fehlende Maße und Daten. Ein Schlosser, der für den Museums-Vomag die Stoßstangen anfertigte, erklärte sich bereit, für Höcker gleich einen zweiten Satz zu machen. Eine Firma in Syrau/Plauen konnte alte, originale Vorderkotflügel liefern. Mit Werkszeichnungen von Christian Suhr ließen sich dann auch die weiteren noch fehlenden Blechteile nachfertigen. Wobei Walter Höcker noch so manche Überraschung erlebte. So bei der Spritzwand, die trotz Werkszeichnung fünf Zentimeter zu breit war. Wer schon ein Auto aus der Zeit restauriert hat, weiß, dass die Karosseriebetriebe damals schon mal etwas freier interpretierten bei der Umsetzung ...

Aller guten Dinge sind drei, hieß es bei der Motorhaube. Erst das dritte Blechteil passte. Doch allmählich wuchs der seltene Vomag wieder zusammen. Lenkrad und Lüfter hatte Höcker schon bekommen. Bei beiden Getrieben wurden die Lager erneuert - ansonsten sahen die Räderwerke noch ganz passabel aus.

DAS ALTE FAHRERHAUS WAR AB DER A-SÄULE WEGGEFAULT

Für die Hinterachse lieferte Christian Suhr Kegel- und Tellerrad sowie ein neues Lager. Den Tank fertigte ein Nachbar von Walter Höcker nach originalen Maßen. Das ab der A-Säule weggefaulte Fahrerhaus bekam neue Querträger samt neuem Unterbau, Rückwand und hinteren Seitenteilen. Die fehlende Pritsche fertigte ein alter Karosseriebaumeister. Die letzte Herausforderung stellte der Motor dar. Bereits aufs vierte Übermaß gebohrt, ging nichts mehr. Weil Höcker einen Satz Standard-Originalkolben auftreiben konnte, hieß die Lösung: ausbuchsen mit Stahlbuchsen auf Standardbohrung. Die Kurbelwelle war ebenfalls hinüber. Die Lager waren in bekannter Pfuschreparatur mit Blechstreifen unterlegt. Also hieß es Lagergasse neu spindeln und passende Übermaßlager besorgen.

DER MOTOR LIEF LEIDER ERST BEIM ZWEITEN ANLAUF

Nach der Aufarbeitung von Ölwanne - die von zwei Pleueln durchschlagen war -, Stirnrädern, Ölpumpe und Nockenwelle war der Motor wieder lauffähig. Nur die Einspritzpumpe wollte anfangs nicht, weil deren Nockenwelle ebenfalls das Zeitliche gesegnet hatte. Walter Höcker hat heute noch Albträume, wenn er an die äußerst schwierige Teilebeschaffung denkt.

Die finalen Arbeiten - Blattfedern aufarbeiten, Bremsbeläge "schneiden", aufnieten und mit einem Abdrehgerät aus den 50er-Jahren auf Maß bringen - waren dann nur noch ein Kinderspiel.

Im Frühjahr 2006 war es endlich so weit: das erste Lkw-Treffen. Dumm nur, dass bei der Ausfahrt der Motor festging. Höcker hatte sich schon über die sieben Bar Öldruck gewundert. Zu Hause stellte man fest, dass das mittlere Kurbelwellenlager wegen viel zu geringen Spiels gefressen hatte. Der Motoren-Instandsetzer reparierte kostenfrei. Seitdem läuft der Vomag 4,5 LHG 448 zuverlässig wie ein Uhrwerk - und mit vier Bar Öldruck im grünen Bereich.

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