Restaurierung Volvo F89: Alter Schwede rollt wieder

Schrott wird flott: Außer der Tür war fast alles komplett verrostet
© Foto: Carlos Mateus

João, Dinarte und Norberto sind in der Wolle gefärbte Volvo-Fans. Leider wollte der alte F89 seinem Namensursprung nicht mehr gerecht werden. Denn "Volvo" heißt: Ich rolle.


Datum:
06.04.2015
Autor:
Gerhard Gruenig

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Warum wohl nennt jemand einen alten Volvo F89 "Monster"? - "Weil uns das Ding schlaflose Nächte und viele Albträume beschert hat", lachen Dinarte und João, zwei Brüder, die den arg lädierten Schweden in ziemlich trostlosem Zustand gekauft und anschließend restauriert haben. Aber warum tut man sich dann so etwas an? - "Weil unser Vater vor vielen Jahren begonnen hat, Volvo zu kaufen und zu fahren, weil wir der Marke noch heute in unserem Fuhrunternehmen treu sind und weil die Volvos uns stets mit hoher Zuverlässigkeit gute Dienste geleistet haben", erklärt Dinarte.

Dabei begann zunächst alles mit einem für Portugal eigentlich recht ungewöhnlichen Henschel, den Dinartes Vater in den frühen 60-ern chauffierte. Nach dem Deutschen kam der erste Volvo N485 - ein klassischer Rundhauber. "Als sich unser Vater Anfang der 80er-Jahre selbstständig machte, war es nach den guten Erfahrungen mit dem Schweden klar, dass er sich ebenfalls einen Volvo kaufte, konkret einen leichten F7", erinnert sich João. Dem folgte kurz später ein FL6 und schließlich 1987 ein F10, mit dem der Senior in den Fernverkehr einstieg. "Der spulte problemlose 950.000 Kilometer ab und wurde von einem FH abgelöst, der noch heute in der Firma ist und inzwischen 1,4 Mio Kilometer auf dem Tacho hat", erklärt Dinarte das Faible der Brüder für die schwedische Marke.

DER FUNKE SPRANG BEI DEN TOUREN MIT DEM VATER ÜBER

Schon in frühen Jahren begleiteten Dinarte und João ihren Papa und infizierten sich so mit dem Lkw-Virus. Schließlich reift e der Plan, dieser Obsession mit der Restaurierung eines Volvo-Klassikers zu begegnen - besagtem F89. Mitstreiter waren schnell gefunden: Norberto, Chefingenieur in der örtlichen Kommune; Carlos, praktischerweise Elektriker beim örtlichen Volvo-Händler; Sergio, Mechaniker in der Spedition der beiden Brüder, sowie Paulo, fanatischer Volvo-Fan - allerdings bislang mit schwedischen Dumpern und Baggern zugange.

Dinarte entdeckte den F89 im Jahr 2000 während einer Reise durch Portugal. "Der Laster, oder besser gesagt das was von ihm übrig war, stand halb von Laub und Zweigen bedeckt unter einem Olivenbaum", erinnert sich der Oldie-Fan. Leider war der Besitzer ebenfalls Volvo-Liebhaber, weshalb sich die Verhandlungen fast ein Jahr hinzogen. Denn der Mann wusste, dass der aus der Schweiz stammende Schwede ein ganz seltenes Modell war. Schließlich konnten ihn die Brüder überzeugen und verluden den Frontlenker auf ihren Tieflader.

"Die Fahrt auf den Anhänger schaffte der F89 übrigens aus eigener Kraft ", merkt João stolz an. "Obwohl es uns selbst erstaunt hat, dass der Motor nach all den Jahren nach dem Überbrücken ansprang. Übrigens hat uns der Ex-Besitzer noch fast dreißig Kilometer des Weges begleitet, ehe er sich endgültig vom Lkw verabschiedete."

Die Restaurierung des alten Göteborgers erfolgte klassisch: 2001 begannen die Restauratoren mit der Komplettzerlegung des gesamten Fahrzeugs in nahezu alle Einzelteile. Dann begann die Suche nach passenden Ersatzteilen - etwa einer Fahrertür, die ein ansonsten komplett maroder F89 6x4 spendierte, den Norberto auf einem offen gelassenen Schrottplatz entdeckte. Das milde portugiesische Klima erlaubte es, die Restaurierung fast vollständig unter freiem Himmel durchzuführen. So begann das Mechaniker-Team mit der Lackierung des Rahmens in leuchtendem Feuerrot, und Stück für Stück wuchs aus den Fragmenten wieder ein kompletter Laster.

"Eine große Hilfe waren die Baupläne, die uns der örtliche Volvo-Händler Pontautos nach gutem Zureden und der Vermittlung von Carlos schließlich überließ", erzählt Dinarte. Doch halfen die Unterlagen wenig angesichts einer ziemlich maroden Kabine. "Das waren unzählige Telefonate mit Dutzenden von Volvo-Sammlern, bis wir alles zusammen hatten", resümiert João. "Volvo stellt nichts mehr her für die alten Baureihen, deshalb ist man auf den 'good will' anderer angewiesen, sich von begehrten Teilen zu trennen. Wir fuhren mehrmals in den Norden Portugals für ein Seitenteil, die Beifahrertür oder den Ersatz einer Scheibe. Sogar in Afrika waren wir, um Teile zu bekommen. Manches ist auch von den Vorgängermodellen F86 und F88 und wurde entsprechend angepasst.

DIE FARBE STEHT FÜR UNENDLICHKEIT: OLD VOLVOS WILL NEVER DIE

Bei der Frage nach der passenden Lackierung war sich das Team schnell einig: Blau! "Die Farbe steht für die Unendlichkeit, den Himmel, der die Grenze ist, und damit irgendwie die Tatsache, dass die klassischen Volvos niemals sterben werden", kommt João ins Philosophieren.

Der frische Lack war noch nicht der Endpunkt. Carlos ließ es sich nicht nehmen, den alten Schweden komplett neu zu verkabeln. Dazu gab's einen neuen Kühler, einen frischen Innenhimmel für die Kabine und die typisch abgesteppte Isoliermatte auf dem Motortunnel. Kurz vor dem ersten Starten fiel Paulo noch auf, dass die Wasserpumpe leckte. In Ermangelung eines Neuteils lagerte er die Welle frisch und dichtet das Gehäuse neu ab.

Dann stieg die Spannung, aber der F89 ließ sich nicht lumpen und sprang nach kurzem Schlüsseldreh sofort an. Das erste Mal, dass sich das "Monster" wieder versöhnlich gab. GG

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