Schaulauf in Le Mans

Der abendliche Korso gehört zu den Highlight in Le Mans
© Foto: Richard Kienberger

Bei den 24 Heures Camion sind Frankreichs schönste Trucks zu bewundern. Fahrzeuge, die mit viel Liebe aufgemotzt wurden.


Datum:
29.12.2014
Autor:
Richard Kienberger

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Als Fan von liebevoll aufgemotzten Lastwagen muss man die 24 Heures Camion einfach mal erlebt haben. Es ist eine Truck-Fete der Superlative, bei der die schönsten Fahrzeuge aus Frankreich, aber auch aus vielen anderen europäischen Ländern, vertreten sind.

Die Rennstrecke in Le Mans gehört weltweit zu den traditionsreichsten Hochgeschwindigkeitspisten. Seinen besonderen Ruf bezieht der Circuit aus dem berühmt-berüchtigten 24-Stunden-Rennen, das zu den härtesten und daher prestigeträchtigsten Motorsportveranstaltungen gehört. Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass in Le Mans praktisch auf alle Veranstaltungen das Label "24 Stunden" geklebt wird. Was allerdings nicht nur ein plumper Werbegag, sondern sogar einigermaßen wörtlich zu verstehen ist. Als einige Enthusiasten die Motorsportdisziplin Truck-Racing aus den USA nach Europa importierten und neu erfanden, versammelten sie sich in Le Mans zu einem der ersten Rennen auf dem alten Kontinent. Das Rennen gibt es immer noch, und natürlich müssen die 24 Stunden im Titel vorkommen. Auf französisch heißt das dann eben 24 Heures Camion. Zwischendurch war die Veranstaltung einige Jahre lang eine rein französische Sache, auf der Rennstrecke gab es nur Läufe im Rahmen der nationalen Meisterschaft.

DIE 24 STUNDEN VON LE MANS SIND BESTANDTEIL DES RENNKALENDERS

Inzwischen ist das Rennen längst wieder fester Bestandteil des Terminkalenders der Truck-Race-Europameisterschaft, nach dem Truck-Grand-Prix auf dem Nürburgring die Veranstaltung mit den meisten Besuchern. Zwischen den beiden Großveranstaltungen gibt es zwei wesentliche Unterschiede: An schierer Größe - also Zuschauerzahlen, Rahmenprogramm oder Umfang des Industrieparks - ist der Truck-Grand-Prix seit langem unschlagbar und die klare Nummer 1. Doch bei der Parade der schönsten Trucks haben inzwischen die Franzosen das feinere Sortiment versammelt. Die Parade heißt auf französisch défilé. Ein Wort, das man so ähnlich auch auf Deutsch kennt. Wir verstehen darunter einen eher feierlichen Umzug - und das trifft es ziemlich genau.

Die 24 Stunden müssen ja irgendwie gefüllt werden, und deshalb findet das erste "défilé camions décorés" traditionell am Samstagabend nach den letzten Truckrennen und einigen Showeinlagen statt. Zum zweiten Mal dürfen die dekorierten Lastwagen am Sonntagmittag auf die Piste; im Vergleich zur Parade am Abend davor ist das aber ein Schnelldurchlauf. Beim abendlichen Umzug gehört die Rennstrecke zwei Stunden lang den Besitzern der Schmuckstücke. Das Besondere dabei ist die einzigartige Atmosphäre. Um diese Uhrzeit ist es im Herbst längst dunkel. Aber die Piste in Le Mans ist ja für das 24-Stunden-Rennen gemacht. Also gibt es genügend Flutlichtmasten, die dafür sorgen, dass die Besucher die Trucks in ihrer ganzen Pracht bewundern können. Das Licht schafft eine geradezu romantische Atmosphäre. Und wenn die Laster Pirouetten drehen, sind die Haupttribünen über und gegenüber der Boxengasse rappelvoll. Kein Wunder, denn etwas Vergleichbares gibt es zumindest in Europa kaum.

DIE TRUCKPARADE ZEIGT VERSCHIEDENE TRENDS UND GESCHMÄCKER

Auch wenn die Parade in Le Mans so etwas wie ein Heimspiel für die französischen Showtrucker ist, erhält man dort doch einen Überblick über die unterschiedlichen Trends und Vorlieben. Nach wie vor stehen viele der Gäste aus Großbritannien auf martialische Motive, die von den Airbrushern auf den Lasterlack gesprüht werden. In Frankreich dagegen drehen sich viele Auft räge für die Lackkünstler um emotionale Themen - die eigene Familie (auf einem Truck ist die Tochter des Besitzers mit ihrem Lieblingspferd zu sehen) oder die Geschichte des Unternehmens. Manchmal verraten die Motive auch die Herkunft von Truck und Besitzer oder haben etwas mit der Ladung zu tun, die üblicherweise gefahren wird. Wobei es schon ein wenig makaber ist, wenn zwei glücklich, satt und zufrieden aussehende Kühe, die in einer wunderbaren Landschaft mit sattgrünem Gras und tiefblauem Bachlauf zu Hause sind, den Besucher von den Bordwänden eines Viehtransporters anschauen. Vermutlich sind die Kühe, die mit diesem Truck gefahren werden, meistens nicht ganz so glücklich. - Auf der Rückwand prangt übrigens ein Prachtbulle mit Lockenhaar und Nasenpiercing, der außerhalb von Frankreich wohl als einen Tick zu kitschig empfunden werden würde. Aber die Gallier haben da weniger Berührungsängste. Gern genommen werden auch Motive, die mit dem kulturellen Erbe der Grande Nation zu tun haben - also Portraits von Sängern, Chansonnetten oder Schauspielern.

Ein Truck in der Parade erinnerte an die Industriegeschichte Frankreichs - der Volvo mit der "Hommage Aux Mineurs" ist den Arbeitern in den nordfranzösischen Kohlegruben gewidmet. Deutlich weniger geworden sind die "amerikanischen Motive" - aber Cowboys, Indianer und die Mythen des Wilden Westens werden wohl nie ganz out sein. Es gibt immer wieder Fahrer, für die der große Traum von der grenzenlosen Freiheit irgendwo jenseits des "großen Teichs" beginnt. Wer sich die Preziosen bei Tageslicht noch einmal genauer betrachten will, muss dafür durch das Freigelände flanieren.

TAGSÜBER STEHEN DIE SHOWTRUCKS IN EINEM GESONDERTEN AREAL

Dort stehen die Showtrucks auf mehreren Parkplätzen. Und zwischen den Lastwagen haben die Lieferanten ihre Stände und Buden aufgebaut. Mit dem Angebot, das viele Truckerherzen höher schlagen lässt. Die diversen Anbieter haben so ziemlich alles im Sortiment, was man braucht, um ein gewöhnliches Arbeitstier rein äußerlich so zu verändern, dass es sich auf der Autobahn aus der Masse heraushebt. Also verchromte Trittstufen, Luftdruckhörner, Lampenbügel spezielle Auspuffanlagen und glänzender Zierrat für alle Ecken und Kanten, die ein Truck so hat. Der schöne Schein ist die eine Seite, eine wohnliche und individuell veredelte Hütte die andere.

Auch dafür findet sich in Le Mans eine reichhaltige Auswahl. Je nach persönlichem Geschmack kann man sich seinen Einkaufswagen mit Plüsch und Nippes oder (einigermaßen) Nützlichem voll laden. Was man an den Ständen der Zubehörhersteller vermisst, ist ein Warnhinweis, wie er auf jeder Zigarettenschachtel zu finden ist: "Vorsicht, der Kauf von Anbauteilen kann süchtig machen." In Le Mans trifft man natürlich jede Menge "Stammgäste", die irgendwann klein angefangen haben - mit einem Airbrushmotiv, einem Lampenbügel oder Alurädern vielleicht. Ein Showtruck light also, der auf die Besucher aber keinen großen Eindruck macht.

Ein paar Jahre und einige Trucks später ist daraus dann eine ausgewachsene Leidenschaft geworden - mit einem Prachtstück, das bei der nächtlichen Parade bewundert und mit viel Beifall bedacht wird.

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