Schwertransport Holsten: Ach Du dickes Fass!

Schon beim Verladen des Tanks ist höchste Präzision gefragt
© Foto: Julia Thomsen

Die Holsten-Brauerei zieht um - und mit ihr mehrere übergroße Brauereikessel. Der Transport mitten durch Hamburg stellt die Schwerlastlogistiker von Seeland vor manche Herausforderung.


Datum:
03.09.2018
Autor:
Julia Thomsen

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Gegen 23 Uhr setzt sich der Actros in Bewegung - langsam lenkt Fahrer Dirk Decker den Lkw mit seiner besonderen Ladung rückwärts auf die Straße. Etwa 35 Meter hinter ihm überwacht Jan Gaarz das Heck des XXL-Transports und lenkt die Achsen des Kesselbettaufliegers nach. Nach einigen Minuten ist es geschafft: Der erste von 14 Kesseln der Holsten-Brauerei in Hamburg-Altona kann seine Reise zum neuen Brauereistandort antreten.

Gut 15 Stunden zuvor. Die letzten Vorbereitungen für den Transport laufen. Der gigantische Kessel steht noch an seinem Platz in den Hallen der Holsten-Brauerei, von dort soll er mithilfe eines 700-Tonnen-Autokrans zunächst aus der Halle heraus und dann über das Dach des Verwaltungsgebäudes gehoben werden. Ein enormer Aufwand. "Die Planungen haben schon vor anderthalb Jahren begonnen", berichtet Projektleiter Johann Evers vom Hamburger Schwergutlogistiker Gustav Seeland. In der heutigen Tagschicht, mit dem Ausheben und Verladen des Bierkessels, sind etwa 25 Mann beschäftigt.

14 XXL-TANKS MÜSSEN AUF DIE ANDERE SEITE DER ELBE UMZIEHEN

"Die größte Schwierigkeit ist der Wind", sagt Evers. Der Tank bietet mit knapp sieben Metern Durchmesser und 24 Metern Höhe viel Angriffsfläche. "Bei einer Windstärke von mehr als acht Metern pro Sekunde können wir ihn nicht heben", erklärt der Projektleiter. "Heute sind wir bei etwa sechs Metern pro Sekunde. Das passt also." Gegen zehn Uhr geht es los. Meter für Meter hebt Kranfahrer Jan Vogel den Kessel aus der Halle, dann schwenkt er ihn vorsichtig über das davorstehende Gebäude. Ab da ist der Tank für ihn außer Sicht. Für den 37-Jährigen, der seit sieben Jahren als Kranfahrer arbeitet, kein Problem. "Man versteht sich blind", sagt er mit einem Schmunzeln. Gemeinsam mit einem Kollegen in einem 100-Tonnen-Kran kippt Jan, der nun nur noch per Funk angeleitet wird, den Tank, bis der in der Waagerechten schwebt. Mithilfe eines extra angefertigten Stahlgerüsts wird der Brauereikessel schließlich auf dem Auflieger abgelegt. "Für die unterschiedlichen Tankgrößen, die wir in den nächsten Tagen transportieren werden, wurde jeweils ein eigenes Gestell angefertigt", erläutert Johann Evers.

Der 30-Tonnen-Tank, der als Erstes das alte Brauereigelände verlässt, fasst 5000 Hektoliter Bier und zählt damit zu den größten. Insgesamt braut die Holsten-Brauerei, die zum Carlsberg-Konzern gehört, am Altonaer Standort in 24 Kesseln, wie Christoph Boneberg von Carlsberg berichtet. Doch nicht alle Tanks werden am neuen Standort benötigt. "Der Bierkonsum ist in Deutschland deutlich zurückgegangen", sagt er. "Mit dem Bau der neuen Brauerei verringern wir daher unsere Kapazitäten." Außerdem liegt der neue Standort logistisch günstiger in unmittelbarer Nähe zur Autobahn. "Als die Brauerei 1879 gegründet wurde, stand sie quasi auf der grünen Wiese. Heute sind wir mitten im belebten Altona." Der Neubau sei daher für die Logistik und die Anwohner der richtige Schritt.

Im September rollen am neuen Standort die Bagger an. Dann sollen auch die 14 alten Tanks wieder eingesetzt werden. Dass sie dort heil ankommen, dafür sorgt das Team von Gustav Seeland. "Mit der Durchführung dieses sicherlich sehr schwierigen Auftrags stellt Gustav Seeland als starker Partner der BigMove die Leistungsfähigkeit unseres Netzwerkes unter Beweis", sagt Olaf Beckedorf, Vorstandsvorsitzender des Spezial- und Schwergutlogistik-Netzwerks Big-Move, zu dessen Gründungsmitgliedern auch Gustav Seeland gehört. "Das ist kein alltägliches Projekt", ergänzt Johann Evers.

Zumindest der erste Teil des Transports ist am frühen Nachmittag geschafft. Der Kessel liegt sicher auf dem Auflieger und ist bereit für den Transport. Vom Brauereigelände geht es für ihn vorerst gut vier Kilometer hinunter an die Elbe, dort auf ein schwimmendes Ponton und über den Fluss zur Zwischenlagerung in der Pella Sietas Werft. "In den kommenden Nächten werden dann die weiteren Tanks transportiert. Ein bis zwei pro Nacht", beschreibt Evers das Prozedere. Der erste Transport diene daher auch dazu, Erfahrungen zu sammeln. Die erste Lektion lernt das Team, das sich nachts um elf Uhr gemeinsam mit dem riesigen Kessel auf den Weg macht, bereits nach etwa einem Kilometer. "Das passt nicht", heißt es plötzlich. Neun Autos, die am Straßenrand geparkt sind, ragen zu weit auf die Fahrbahn. Bis hierhin lief alles glatt, auch wenn an mancher Stelle kaum noch Luft zwischen dem Gestell des Tanks und Straßenschildern, Laternen oder Fußwegbegrenzungen ist.

KURZ VOR DEM ZIEL STEHT DER TRANSPORT VOR EINEM HINDERNIS

Doch nun hilft alles Rangieren nichts - die Autos müssen weg. "Die standen dort wohl nicht, als die Straße vermessen wurde", mutmaßt Evers. Einige der Autobesitzer können von der Polizei noch ausfindig gemacht werden und parken die Fahrzeuge um. Für sechs von ihnen muss der Abschleppdienst kommen. Er stellt die Autos einfach ein Stück weiter nach rechts - und der Schwertransport kann seinen Weg fortsetzen.

Die Hamburger, die zu dieser späten Stunde noch unterwegs sind, staunen nicht schlecht. "Boah, was ist das denn?", fragt ein Passant mit großen Augen. Ein XXL-Bierfass auf Reisen sieht man eben nicht alle Tage. Fasziniert beobachten die Zuschauer, wie Fahrer Dirk und sein Kollege Jan den Koloss durch enge Straßen und per Wende über Kreuzungen manövrieren. Richtung Elbe geht es sogar vollständig im Rückwärtsgang, "sonst kommen wir dort nicht um die Kurve", erklärt der Schwerlastfahrer.

Die Kurve ist - trotz leichten Aufsetzens inklusive Metallspuren auf der Fahrbahn - kein Problem für den Transport. Doch kurze Zeit später, nur wenige Hundert Meter vor dem Ziel, steht der Trupp erneut. Metallpoller säumen hier auf beiden Seiten die enge Straße - und sind der massigen Ladung im Weg. "Die wurden bei der 3-D-Vermessung der Strecke wahrscheinlich nicht erkannt", meint Evers. Doch Fahrer Dirk lässt sich von solch einem Hindernis nach 13 Jahren im Schwerlastgeschäft nicht stoppen.

Nach kurzer Diskussion, ob man die Poller einfach umflexen soll, heben die Männer die Fracht kurzerhand mithilfe von Kanthölzern ein Stückchen an - gerade weit genug, um über die Poller hinweggleiten zu können. Problem gelöst. Nach vier Stunden erreicht der Brauereikessel so endlich sein vorläufiges Ziel. Die Erfahrungen des ersten Transports werden direkt verarbeitet: "Wir werden das Gestell für die Tanks verändern lassen. Es ragt an der Seite zu weit heraus", stellt Projektleiter Evers fest. "Dann sollten auch die Poller kein Problem mehr sein."

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