In XXL on the Road

"Construction-Truck" à la Freightliner: der 114 SD als Betonpumpe
© Foto: Karel Sefrna

Freightliners "Working-Truck" heißt 114 SD. Wir haben das Extrem gefahren: einen 10x6 als Mega-Betonpumpe.


Datum:
11.05.2018
Autor:
Gerhard Gruenig

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Wir wissen ja, in Amiland ist alles größer, schwerer, weiter. Der Stahl gewordene Beweis für diesen Allgemeinplatz ist der Freightliner 114 SD. So richtig erklärt das zur Daimler AG gehörende Unternehmen nicht, wie's zum Namen kommt. Eine Vermutung hätten wir trotzdem: Wenn "HD" für Heavy Duty, also schwer, steht, kann "SD" nur Super Duty heißen.

Und "super" ist fast alles am 114er - zumindest wenn er als fünfachsiges Fahrgestell die Basis für eine Mega-Betonpumpe bildet. Die beiden Vorderachsen sind mit fetten 425/65er-Pneus bereift. Überraschenderweise lässt sich das riesige Geschoß trotzdem mit ganz wenig Kraftaufwand lenken. Gut so, denn mit rund fünf Meter Hauptradstand und eher kleinem Lenkwinkel hat der Fahrer auf engen Baustellen gut zu tun. Ein deutscher Standard-Kreisverkehr ist unmöglich ohne Rangieren zu bewältigen. Leider nur ein netter Gag ist das kleine Sichtfenster in der Beifahrertüre. Hilft nicht wirklich, wenn man einen Meter neben der Kabine einsehen kann - leider aber nicht die folgenden zehn Meter vom Rest des Trucks.

Wie eigentlich bei allen Ami-Lkw fragt man sich, ob US-Trucker hellseherische Fähigkeiten haben. Denn Sehen und "Rücksicht" sind angesichts der winzigen Spiegel eigentlich unmöglich. Da passt es dann schon zur Philosophie, dass die Übersichtlichkeit im Cockpit kaum besser ist. Garantiert wurden die Schalter und Instrumente von vier verschiedenen Leuten platziert. Am besten hatte es noch Interieurdesigner Nummer eins: Die Hauptinstrumente liegen gut im Blickfeld, lassen sich sauber ablesen und bieten dank insgesamt acht Uhren alle wichtigen Infos. Die anderen drei Kollegen mussten sich dann mit den Plätzen begnügen, die übrig blieben - anders ist kaum zu erklären, warum zum Beispiel das Druckmanometer der drei luftgefederten Hinterachsen fast vor dem Beifahrer sitzt.

DIE BETONPUMPE IST DIE GRÖSSTE VON ALLIANCE

Da hat sich Alliance als Hersteller der Betonpumpe mit immerhin 61 Metern Auslage schon mehr ins Zeug gelegt. Die fünf Auslegerarme samt ihres Rohrgeflechts lassen sich ganz bequem von einer RC-Fernbedienung steuern, die der Fahrer am Band um den Hals trägt. Damit lässt sich Beton bis in 60,2 Meter Höhe befördern! Entsprechend leistungsfähig ist die vom Antriebsmotor via Allison-Nebenabtrieb befeuerte Förderpumpe ausgelegt. Dank des schweren Fahrgestells hat der 114 SD so viel Gegengewicht, dass seine Nutzer nicht nur hoch, sondern auch weit können: Bis zu 55,4 Meter reichen die fünf Arme in voller Auslage. Fahrer einer deutschen Betonpumpe werden an dieser Stelle vor Neid erblassen.

Wo sie auch vor Neid erblassen können, ist der Speed, mit dem unser 114er über die Autobahn donnert. Als quasis selbstfahrende Arbeitsmaschine ist das dicke Ding nicht limitiert und schießt unter Ausnutzung der Maximalleistung mit deutlich über 100 km/h über den Highway. Allerdings ist der Anlauf riesig - wie alles am Fünfachser. Zwar leistet der DD13-Sechszylinder - der in seinen Grundfesten als OM 471 auch in Actros und Arocs Dienst tut - 505 PS und stellt ein maximales Drehmoment von 2510 Nm bereit. Aber für den Kraftschluss sorgt eine Allison-Automatik mit sieben Gängen und Drehmomentwandler.

Auch wenn die Amis ihr Getriebe die vorangegangenen Jahre deutlich verbessert haben und nicht mehr so viel Leistung im Schlupf des Wandlers verraucht, sprechen wir bei den Gangwechseln nicht von Gedenksekunden, sondern fast schon von Gedenkminuten. Doch kein Nachteil, wo nicht auch ein Vorteil wäre: Wenn man den schweren Brocken auf der Baustelle positionieren will, geht das ziemlich millimetergenau. Man sollte als Fahrer aber einen sensiblen Gasfuß haben und wissen, wo der Schlupf aufhört und der Vortrieb beginnt.

MAN HÄTT'S NICHT GEDACHT, DER 114 SD FÄHRT KOMMOD

Für einen sichtlich rustikalen Arbeits-Truck fährt sich der 114 SD erstaunlich komfortabel und sogar leidlich leise. Die Maschine in einer kleinen Haube, abgetrennt von einer stählernen Schottwand vor der Kabine zu verbauen, bringt tatsächlich was in puncto Geräuschkulisse.

Ungeachtet des brachialen Äußeren ist das Fahrgestell selbst Ami-typisch leicht. Die Haube ist aus "Plastik", die Kabine, die übrigens ihre Festigkeit in einem aufwendigen Crash-Versuch nachweisen musste, mehrheitlich aus Alu. Und auch wenn man sich wundert, die Achsen samt ihrer Aufhängungen wie auch der eher filigran erscheinende Rahmen stecken echt was weg, sind aber im Vergleich zu einem Euro-Lkw relativ leicht.

Im Innenraum bestimmen Kunststoff - Kritiker würden eher sagen Plastik - und unechtes Holz die Optik. Aber auf so was wie Spaltmaße und hochwertige Verarbeitung haben die Amerikaner ja noch nie großen Wert gelegt.

EIN SCHLÜSSELDREH, DANN KOMMT DER SINNESWANDEL

Eines ist interessant: Wer sich hinters Lenkrad des SD geschwungen, den Sechszylinder zum Leben erweckt und die ersten Meter zurückgelegt hat, wähnt sich in eine andere Dimension katapultiert. Du fühlst dich stark, unbesiegbar, Herr über eine gigantische Maschine. Wer stört sich da schon an einer Automatik oder wenig Platz.

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