E-Zigaretten: Eine zweifelhafte Alternative

E-Zigaretten sind in Mode. Gesünder sind sie nicht unbedingt
© Foto: Ralph Peters/dpa/picture-alliance

Viele glauben, die elektrische Zigarette sei gesünder und ein Mittel, um vom Tabakrauchen loszukommen. Bewiesen ist nichts. Das angesagte Dampfen ist vielleicht weniger schädlich, gesund ist es allenfalls für die Händler.


Datum:
28.11.2017
Autor:
Sabine Köstler

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Kein Raucherhusten mehr, keine gelben Finger, kein Vor-der-Tür-Stehen, kein Mief - mit diesen und weiteren Vorteilen werben die Händler von E-Zigaretten um Kunden.

Rauchen, was das Zeug hält, und dabei gesund bleiben? So einfach ist es leider nicht. Wie sehr das Dampfen von E-Zigaretten der Gesundheit nützt oder schadet, ist unter Experten umstritten. Ebenso wie die Frage, ob und wie die Gesellschaft gesundheitspolitisch profitiert - sprich, ob man damit die heftig Tabak qualmende Bevölkerung Deutschlands von ihrer Sucht wird abbringen können oder nicht.

UNGLAUBLICHER BOOM BINNEN WENIGER JAHRE

2007 wurden die ersten E-Zigaretten in Deutschland angeboten, seither boomt die Branche. Nach Angaben des deutschen Verbandes des eZigarettenhandels (VdeH) haben 2015 bereits drei Millionen Menschen die E-Zigarette genutzt, davon 1,2 Millionen Personen regelmäßig. Inzwischen dürften es weit mehr sein. 2010 erreichte der Handel damit fünf Millionen Euro Umsatz, die Erwartung für 2017 liegt bei satten 600 Millionen Euro.

Eine unglaubliche Erfolgsstory, bedenkt man, dass noch keine umfassenden, belastbaren Langzeitstudien zur Wirkung der E-Zigarette auf die Gesundheit vorliegen. Was die vielen überzeugten Dampfer da alles in ihre Lungen inhalieren und anschließend in die Luft blasen, könnte gefährlicher sein als vermutet - es könnte vielleicht aber auch dazu verhelfen, dass Tabakraucher leichter von ihrer Sucht loskommen.

Sehr genau beobachtet die Krebsforschung die Entwicklung. Leider sind es nicht nur die Tabak-Süchtlinge, die das Dampfen interessant finden. In einer Stellungnahme äußert das Deutsche Krebsforschungszentrum in der Helmholtz-Gemeinschaft (dkfz) größte Bedenken dahingehend, dass E-Zigaretten möglicherweise die Tabak-Prävention untergraben könnten. Sprich: Weil E-Zigaretten als Lifestyle-Produkt vermarktet werden, könnte dies die Gewohnheit des Rauchens normalisieren. Das cleane und stylische Design und die bunt verpackten, aromatisierten Liquids sprechen besonders Jugendliche an. Die E-Zigarette und ihre "Verwandte", die E-Shisha, haben ihren Platz in der Welt der Jugendlichen, wenn sie auch meist nikotinfreie Produkte verwenden.

Der E-Händlerverband sieht keine Gefahr und zitiert zu diesem Thema aktuell eine Studie aus Großbritannien, nach der "nur" drei Prozent der Jugendlichen regelmäßig E-Zigaretten dampfen (Daten erhoben von 2015 bis 2017). Doch auch der Verband selbst rudert auf seiner Website zurück: E-Zigaretten seien ausschließlich für erwachsene Raucher entwickelt worden, heißt es da, die eine bessere Alternative zum Tabakkonsum suchen, und: Jugendliche oder Nichtraucher sollten nicht mit dem Dampfen beginnen.

STUDIEN NICHT LANGFRISTIG ODER NICHT BELASTBAR

Grundsätzlich ist die gesundheitliche Auswirkung des dauerhaften Konsumierens von E-Zigaretten noch nicht ausreichend erforscht, vor allem nicht langfristig. In vielen Ländern laufen Studien dazu. Folgendes steht aber fest:

  • Nikotin ist ein Nervengift, macht süchtig und führt langfristig zu Herz-/Kreislauferkrankungen.
  • Einige der häufig verwendeten Aromastoffe (z. B. Benzylalkohol, L-Limonen) können bei wiederholtem Konsum Kontaktallergien hervorrufen oder auslösen.
  • Das Einatmen der ultrafeinen Propylenglykol-Tröpfchen (der Nebel) wird als Risiko angesehen, auch für Mitdampfer. Die Partikel können in tiefe Regionen der Lunge vordringen und gegebenenfalls das Asthma-Risiko des Konsumenten erhöhen.
  • Die Liquids werden in einer unüberschaubaren Vielzahl mit verschiedensten Duft- oder Aromastoffen angeboten. Die (einzelnen) Bestandteile sind nicht unbedingt verboten oder bei äußerlicher Anwendung schädlich. Wie sie jedoch erhitzt und inhaliert wirken, kann man bislang nicht abschätzen.

IMMER WIEDER UNFÄLLE DURCH BERSTENDE AKKUS

Eine bestimmte direkte Gefahr durch die E-Zigarette nehmen Konsumenten bei uns erst langsam wahr: explodierende Akkus. Ende September barst ein Akku in der Hosentasche eines 29-Jährigen aus Aschaffenburg. Er zog sich schwere Verletzungen am Oberschenkel und an der Hand zu und musste mit einem Hubschrauber in eine Spezialklinik geflogen werden. 2016 ein ähnlicher Fall in Köln: Ein junger Mann verlor mehrere Zähne und erlitt Schnitt- und Brandwunden. Das Gerät war explodiert, während er an der Zigarette zog. Auch Wohnungsbrände wegen überhitzter Akkus hat es gegeben. Der sorgsame Umgang mit den Utensilien nach Betriebsanweisung ist sehr wichtig, Tipps dazu auch im Kasten unten.

EIN HILFSMITTEL ÄHNLICH WIE NIKOTINPFLASTER

Einig sind sich Gegner und Befürworter darin, dass die E-Zigarette bislang nicht als Mittel zum Rauchstopp anzusehen ist oder empfohlen werden kann. Umfragen zufolge rauchen und dampfen viele parallel. Auch wenn Raucher ihren Tabakkonsum reduzieren, ist der Nutzen gering: Zwar sinken Blutdruck und die Kurzatmigkeit, aber Fakt ist, dass "Weniger-Raucher" ebenso oft an Atemwegs- und Herz-Kreislauferkrankungen leiden wie die, die unvermindert weiterqualmen.

Das deutsche Krebsforschungszentrum vertritt die Ansicht, dass E-Zigaretten lediglich im Vergleich mit Tabakzigaretten weniger schädlich sind. Sie sollten nicht zusätzlich zu normalen Glimmstängeln, sondern ausschließlich mit dem Ziel, ganz mit dem Rauchen aufzuhören, genutzt werden. Also vielleicht als Alternative zum Nikotinpflaster. Bislang gibt es auf dem neuen Gebiet aber noch keine Erfolgsquoten zu vermelden, weshalb die E-Zigarette von den offiziellen Präventionskampagnen und -organen bislang nicht als Hilfsmittel zum Rauchstopp propagiert wird. Durch einen vollständigen Umstieg wird sich aber wahrscheinlich das Gesundheitsrisiko senken, so das dkfz.

Ganz klar ist eines: Bisherige Nichtraucher sollten die Finger auch von der E-Zigarette lassen. Für sie bedeutet sie auf alle Fälle eine Erhöhung ihres Gesundheitsrisikos.

Wie funktioniert eine E-Zigarette?

Das Konsumieren einer E-Zigarette ist kein Rauchen - es wird kein Tabak verbrannt -, sondern Dampfen. Die Zigarette besteht aus dem Mundstück, einem nachfüllbaren Tank mit dem Liquid, dem Verdampfer (Clearomizer) und dem Akku. Beim Saugen wird die Flüssigkeit im Depot verdampft. Das entstehende Aerosol, ein sichtbarer, dichter Nebel, wird inhaliert und wieder ausgestoßen. E-Shishas funktionieren nach dem gleichen Prinzip.

Es gibt auch Einweg-E-Zigaretten (Foto links), die direkt aus der Packung benutzt werden und wo nichts nachgefüllt wird, sie ähneln der normalen Zigarette. Eine (rote) LED zeigt den Betrieb an.

Die Liquids gibt es in unzähligen Geschmacksrichtungen, mit oder ohne Nikotin. Enthalten sind im Wesentlichen Propylenglykol (Feuchthaltemittel, der "Nebel"), Glycerin und verschiedene Duft- und Aromastoffe.

Manche Konsumenten mischen sich eigene Konzentrate - eine riskante Sache, da niemand diese Substanzen kontrolliert.

Rechtliches zu E-Zigaretten

Am 20. Mai 2016 trat in Deutschland die Richtlinie 2014/40/EU in Kraft, seitdem unterliegen E-Zigaretten der behördlichen Kontrolle. Es gilt:

  • Der Verkauf von nikotinhaltigen oder -freien E-Zigaretten an Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren ist in Deutschland verboten und sie dürfen sie in der Öffentlichkeit nicht mehr benutzen (bereits seit 1.4.16).
  • Hersteller und Händler aus dem Ausland müssen bei uns registriert sein und ein Altersprüfungssystem verwenden.
  • Der Nikotingehalt der Betriebsflüssigkeit darf 20 mg/ml nicht überschreiten.
  • Zusatzstoffe wie Koffein, Taurin oder Zusätze wie Vitamine, die einen gesundheitlichen Nutzen erwecken, sind verboten.
  • E- Zigaretten und Nachfüllbehälter müssen einen Beipackzettel enthalten.
  • Das (nikotinhaltige) Produkt muss einen gesundheitsbezogenen Warnhinweis tragen.
  • Das Produkt muss kinder-, bruch- und auslaufsicher sein.
  • Werbung in Presse, Internet (z.B. Facebook oder Tweets), Radio und Fernsehen ist verboten, ebenso Sponsoringwerbung sowie sonstige Werbung, die geeignet ist, Minderjährige zum Konsum zu veranlassen.
  • Im deutschen Arbeitsrecht gibt es zu E-Zigaretten (z.B. Nutzung in Büroräumen) noch keine Regelungen.

Tipps zur Handhabung

  • Liquids, die den chemischen Stoff Diacetyl, andere Stoffe aus der Gruppe der Diketone oder Triacetyn enthalten, schaden der Gesundheit. Der Verband des eZigarettenhandels betont, dass diese Stoffe in den in Deutschland angebotenen Produkten nicht mehr enthalten sind.
  • Die Liquids müssen sorgsam und außer Reichweite von Kindern aufbewahrt werden. Bereits geringe nikotinhaltige Flüssigkeitsmengen können bei unbeabsichtigtem Verschlucken oder Hautkontakt ernsthafte Vergiftungen verursachen.
  • Der Akku muss auf die Leistung der E-Zigarette ausgelegt sein. Manipulieren Sie nicht am Akku oder der Heizspirale.
  • Der Akku sollte einen Überladungs- und Tiefenentladungsschutz haben.
  • Der Akku sollte sachgemäß in einem geeigneten Behälter gelagert werden, nur das Original-Ladegerät sollte verwendet werden.
  • In Gaststätten und Bars dürfen E-Zigaretten nur mit Einverständnis des Wirts/Hausherrn benutzt werden.

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