Organspende-Aktion: Flotte für das Leben

Der Truck wirbt dafür, einen Organspende-Ausweis dabei zu haben
© Foto: Leeraner Fotostudio/www.leeraner.fotograf.de

Mit einer ungewöhnlichen Botschaft sind seit Kurzem 200 Lkw und Busse auf Tour. Organtransplantierte sagen Danke und rufen zu weiterer Hilfe auf.


Datum:
20.04.2017
Autor:
Sabine Köstler

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Auf dem Heckportal des roten Lkw klebt ein überdimensionaler Organspendeausweis, die Seiten sind beklebt mit dem Foto einer Gruppe von Menschen, die glücklich strahlen. "Danke, an alle Organspender für's Leben!" steht auf dem Auflieger.

Einige der abgebildeten Personen waren einmal so schwer erkrankt, dass es keine rettende Therapie mehr für sie gab. Doch sie überlebten - weil sich irgendwo irgendwann einmal ein Unbekannter dazu entschlossen hatte, auch nach seinem Tod helfen zu wollen.

Das "Flotte fürs Leben"-Projekt hatte vor etwa einem Jahr mit einer Idee begonnen und schnell Gestalt angenommen. Initiator ist der Verein "Organtransplantierte Ostfriesland e.V.", deren Vorsitzende Barbara Backer seit über zwanzig Jahren ehrenamtlich Interessierte informiert und berät, Betroffene betreut und unterstützt. Schon länger gab es vor Ort jedes Jahr einen Weihnachtskonvoi, vorletztes Jahr beklebte man dann einen Lkw mit einem Organspende-Banner. Warum also nicht nach den Sternen greifen - in diesem Fall ist es allerdings ein Scania - und einen Lkw als Flaggschiff komplett bekleben? Anfang Februar war es dann so weit: Die Kampagne wurde feierlich ins Rollen gebracht; der Scania ist unterwegs für Köhler Logistik Berlin, fast 200 weitere Lkw und Busse aus und in Norddeutschland tragen ebenfalls Organspendeausweise oder Banner. Alles ehrenamtlich. Die Spedition Feldhuis in Moormerland hat gleich alle ihre Fahrzeuge folieren lassen. Jeder Fahrer bekam Briefumschläge mit Infomaterialien und Ausweisen für mögliche neue Spender mit auf den Weg. Die Fahrzeuge sollen aufmerksam machen, Slogans wie "Hast du dich schon entschieden" oder "Organspende rettet Leben" sollen zum Nachdenken anregen. Und das tun sie offenbar. Vereinsvorsitzende Barbara Backer: "Die Fahrer haben schon viele positive Rückmeldungen bekommen, beim Entladen oder an den Raststätten. Viele sind interessiert und möchten mehr über das Thema wissen."

DIE SPENDERZAHLEN SIND WEITERHIN RÜCKLÄUFIG

Derzeit warten in Deutschland mehr als 10.000 Patienten auf ein Spenderorgan. 2016 konnten nur 857 Spender gefunden werden. Der Verein in Ostfriesland kümmert sich um Wartepatienten, Transplantierte, Angehörige und Freunde. Die Erkrankten auf der Warteliste "sind die Spitze des Eisbergs", sagt Barbara Backer, viele schaffen das nicht mehr.

In etlichen Ländern gibt es andere Gesetze als in Deutschland. Die Patienten haben bessere Chancen: In Österreich etwa ist jeder ein potenzieller Spender, solange er dem nicht widerspricht.

Krankheit und Tod sind eben sensible Themen, mit denen sich Menschen nicht gern beschäftigen. "Viele wollen zwar helfen", ist die Erfahrung von Barbara Backer, "aber die Menschen sind beschäftigt, sie wollen keine 'Arbeit' damit." Gemeint ist nicht das Kreuzchensetzen, sondern das Informieren, die Überlegungen, die vorangehen. Es gibt viele, vielfach unbegründete Ängste (s. Interview). Gibt es Meldungen über etwaige Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Organen, dann ist jahrelange Aufklärungsarbeit zunichtegemacht und die Spenderzahlen sinken.

Jeder kann selbst der Nächste sein, der auf ein Spenderorgan angewiesen ist - das ist eins der gewichtigsten Argumente, das "Ja"-Sager haben. Geeignet dafür ist fast jeder, es gibt keine Altersgrenze und nur wenige Ausnahmen (s. Interview). Für die Organentnahme muss der Hirntod eingetreten sein, zweifelsfrei von mehreren Ärzten in mehreren Phasen festgestellt und dokumentiert. "Wer etwa an einem Herzinfarkt verstirbt, ist nicht hirntot", weiß Barbara Backer, "niemand muss fürchten, dass er sterben muss, weil man an seine Organe ran möchte."

EIN ZEICHEN VON MITGEFÜHL, EIN AKT DER NÄCHSTENLIEBE

Aus dem Hirntod - dem unwiederbringlichen Ausfall aller Gehirnfunktionen - aber gibt es kein Zurück. Das sieht auch die Kirche so. Die Deutsche Bischofskonferenz schreibt, dass "der Hirntod im Sinne des Ganzhirntodes nach unseren heutigen Erkenntnissen das beste, sicherste Kriterium für die Feststellung des Todes eines Menschen darstellt." Solange eine Organspende freiwillig und frei von jedem sozialen Druck sei, könne sie ein Akt christlicher Nächstenliebe sein. Auch die islamische Religion gibt ihr Okay. Die Transplantation sei nicht gleichbedeutend mit Respektlosigkeit gegenüber der/dem Toten, sie sei ein Zeichen von Mitgefühl.

Zurzeit läuft eine Kampagne der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA). Man appelliert an die Bürger, klärt auf. Und veröffentlicht - wie die Ostfriesen auf ihrer Seite - Berichte von Betroffenen. Es sind Geschichten, die zu Tränen rühren.

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