Reform der medizinisch-psychologischen Untersuchung MPU

Wer alkoholisiert erwischt wird, kann massive Probleme bekommen
© Foto: Lija Peter/dapd

Neue Fahreignungs-Seminare, Reform der MPU: "Problem-Fahrer" sollen künftig effektiver ausgesiebt werden.


Datum:
26.01.2013
Autor:
Sabine Köstler

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Wer im Straßenverkehr unterwegs ist, muss seine Sinne beisammenhaben und laut § 1 StVO ständig gewappnet und vorsichtig sein. Aber das klappt nicht immer. Es sitzen nun mal Menschen hinterm Steuer. 2010 hagelte es 5,3 Millionen Mitteilungen von Gerichten, Fahrerlaubnisbehörden und Bußgeldbehörden an das Kraftfahrtbundesamt Flensburg, über Bußgelder, einbehaltene Führerscheine, Punkte. Von Letzteren trägt das Amt 20 Stück pro Minute ein. 109.000 Mal wurde 2011 die Fahrerlaubnis entzogen. 9000 Männer und 1000 Frauen erreichten die 18-Punkte-Schwelle.

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer geht notorischen Verkehrssündern nun an den Kragen. Noch in diesem Jahr soll die "Punktereform" greifen: Die zentrale Kartei heißt dann "Fahreignungsregister", seltener, aber gezielter werden Punkte vergeben. Die Aufbauseminare zum Punkteabbau sollten Vergangenheit werden, niemand mehr solle sein Konto reinwaschen können. In den Worten des Verkehrsministeriums: "Es wird keine generelle Amnestie geben". Noch lassen sich zwischen zwei und vier Punkten abbauen, freiwillig oder von Amts wegen (35.000 Fälle in 2011). Nachdem es Proteste gab, rudert man nun zurück und überlegt, ob man die Reform so durchzieht.

Auf alle Fälle werden auffällige Verkehrsteilnehmer auch in Zukunft zum Psychologen geschickt, und zwar ab dem Stand von sechs bis sieben Punkten (Näheres siehe Kasten re.o.). "Fahreignungsseminar" heißt die neue Maßnahme, die von der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) inhaltlich modifiziert wurde "Kleiner Idiotentest" hieß sie bei der Bild-Zeitung - wogegen sich das Ministerium verwehrt. Mit der MPU (medizinisch-psychologische Untersuchung) habe das Ganze nichts zu tun.

DIE MPU SOLL KÜNFTIG DURCHSCHAUBARER SEIN

Die MPU bleibt nach wie vor Bedingung für die Neuerteilung der Fahrerlaubnis. Auch diese Prüfung auf Fahreignung wird unter Federführung der Bast reformiert. Das Verfahren soll transparenter werden. Im Oktober ging ein Beschwerdeportal (www.bast.de/mpu) für Betroffene online, mit Formular zum Download. Dort lassen sich auch die offiziellen 15 Träger der bundesdeutschen Begutachtungsstellen abrufen. Ab sofort sollen die erteilten Gutachten häufiger stichprobenartig untersucht werden; die dafür verwendeten verkehrspsychologischen Verfahren kommen unter die Lupe. Zu diesem Zweck traf sich im vergangenen November erstmals eine Gruppe Verkehrsexperten von Behörden, Verbänden und privaten Institutionen. Es sollten, so Pressesprecherin Petra Peter-Antonin, "Aspekte der MPU identifiziert werden, bei denen eine wissenschaftlich-fachliche Weiterentwicklung sinnvoll erscheint."

EINER VON DREI MPU-KANDIDATEN FÄLLT DURCH

Das wird auch Zeit; immerhin existiert die MPU seit 1954. Nach dem Krieg war der KFZ-Bestand rapide angestiegen und damit die Unfallzahlen. 1954 starben jeden Monat 1000 Menschen auf deutschen Straßen. Man begann, die Bevölkerung (u.a. auch kriegsversehrte/traumatisierte Menschen) auf ihre Fahrtauglichkeit zu überprüfen. Später, ab den Siebzigerjahren, mussten auch jene zur MPU, die drei Mal durch die Führerscheinprüfung fielen - im Volksmund kam die Bezeichnung "Idiotentest" auf.

Seither ranken sich Sagen und Mythen um die MPU. 99.265 Untersuchungen haben 2011 stattgefunden. In unzähligen Foren berichten Betroffene über Tests wie (völlig unmögliches) Kugeln aufeinanderstapeln - Unsinn natürlich. Hier scheint so manchem als "ungenügend" abgewiesenen Kandidaten die soeben getestete Gemütslage ein Schnippchen zu schlagen. Verständlich: Wer durchfällt - das war 2011 bei 37,5 % der Fall - ist gekränkt, hat mindestens rund 1000 Euro in den Sand gesetzt und bangt womöglich um seine Existenz.

Wie viele der Überprüften beruflich auf die Fahrerlaubnis angewiesen sind, zum Beispiel, weil sie LKW-Fahrer sind, ist nicht bekannt. Petra Peter-Antonin von der Bast: "Die MPU-Statistik wird nicht getrennt nach Fahrerlaubnissen erhoben, es liegen leider keine entsprechenden Zahlen vor."

PSYCHOLOGE BELEUCHTET PERSÖNLICHE STABILITÄT

Dass die MPU so gefürchtet ist, ist nachvollziehbar. Die MPU ist ein Leistungs- und Persönlichkeitstest. Zum einen dürfen keinerlei Zweifel an der körperlichen Leistungsfähigkeit bestehen, viele der erwähnten 37,5 % "Durchfaller" scheitern schon bei der medizinischen Untersuchung, denn ein Alkohol- oder Drogenproblem lässt sich nicht verbergen. Immerhin wird der Großteil der MPU (siehe Grafik links) wegen Auffälligkeiten im Zusammenhang mit Alkohol angeordnet. Sobald medizinische Hinweise oder Unschlüssiges im Gespräch auftreten, verlangen die Prüfer Haar- oder Urinanalysen. Da hilft Lügen gar nichts. Und auch die Reaktionstests können schiefgehen, nicht nur, weil man sehr aufgeregt ist.

Im zweiten Teil des Tests geht es um das kritische Durchleuchten der "Denke". Aufgabe des Psychologen ist, eine verlässliche Prognose darüber abzugeben, ob der Untersuchte in Zukunft zu jeder Zeit regelkonform am öffentlichen Verkehr wird teilnehmen können. Es dürfen keine Zweifel mehr an der Charakterfestigkeit und Redlichkeit des Probanden bestehen. Er soll die Vorfälle überdacht, seine Fehler eingesehen und ein schlüssiges Konzept haben, wie er in Zukunft problematische Situationen bewältigen wird.

NICHT IMMER IST DIE WAHRHEIT DER BESTE WEG

Doch einige (z.B. Alkoholauffällige) haben tatsächlich ein Verhaltensproblem und bestehen den Test deshalb nicht. Andere (etwa Punktesünder) scheitern daran, ihren Charakter im schönsten Licht zu präsentieren - vielleicht, weil sie unbedarft die Wahrheit sagen.

Wer bei einer Frage wie "Wie würden Sie reagieren, wenn Sie erfahren, dass Ihre Familie bei einem Unfall ums Leben gekommen ist?" antwortet: "Das kann ich gar nicht sagen", hat schon einen Minuspunkt. Diese Antwort widerspräche dem Ziel, dass der Betroffene sich künftig jederzeit im Griff hat.

Bei Alkoholauffälligen dreht sich die Fragestellung verstärkt um mögliche Krisensituationen, bei Punktesündern wird die Disziplin hinterfragt. Es wird getestet, ob die Verkehrsregeln bekannt sind - vor allem aber will der Psychologe hören, dass der Verkehrssünder nun einsieht, dass diese Regeln auch für ihn gelten und er sich ab sofort an sie halten wird. Stellt er offene Fragen wie: "Wie beurteilen Sie Ihre der zeitige Verfassung?", "Wie konnten so viele Punkte zusammen kommen?" darf es nicht heißen, man würde super fahren, hätte aber damals Pech gehabt. Oder, Berufskraftfahrer spulten so viele Kilometer ab, die Gefahr des Fehlverhaltens sei groß. Begründungen wie "Druck durch den Disponenten" oder "fürchterlicher Ehekrach" ziehen nicht: Sobald jemand jegliche Schuld von sich weist oder die Vorgänge bagatellisiert, lässt das den Psychologen aufhorchen.

Ein Gefühl von Ungerechtigkeit mag hochkommen ob der "hinterhältigen" Fragen. Doch Tatsache ist: 98 % der Führerscheininhaber in Deutschland werden sie ja nie gestellt. Und bei Alkohol- und Drogenwiederholtätern ist eine genaue Prüfung sinnvoll. Die Behörden registrierten 2011 über 42.000 Verkehrsunfälle unter dem Einfluss von Alkohol oder anderen berauschenden Mitteln, dabei starben 422 Menschen.

MPU-VORBEREITUNG: EIN SEHR GUTES GESCHÄFT

Dass das Beurteilungsverfahren aber überarbeitet wird, kann nur begrüßt werden, auch der ADAC hat sich dafür ausgesprochen. Allein schon, weil die Verunsicherung der Probanden ein Megageschäft ist. Viele verdienen sich eine goldene Nase damit, auch seriöse Institutionen langen bei ihren Vorbereitungsseminaren ordentlich zu. Es gibt Bücher, CDs, Videos oder "Bei-Nichterfolg-Geld-zurück"-Kurse mit Kosten von mehreren Hundert oder Tausend Euro. Wer einen seriösen Verkehrspsychologen aufsucht - und das ist zu raten - ist 60 bis 80 Euro Honorar pro Stunde los. Die MPU selbst kostet je nach Vergehen 300 bis 700 Euro; hinzu kommen Kosten für eventuell nötige Urin-/Haaranalysen, Sehtest, Erste-Hilfe-Kurs und die Führerscheinneuerteilung (100 bis 250 Euro).

Anfang 2013 soll die neue MPU Gestalt annehmen, so Petra Peter-Antonin, dann will die Reformprojektgruppe bei ihrem nächsten Treffen erste Vorschläge entwickeln. Gelingt es dem Team, ein gerechtes Prüfverfahren nach modernen wissenschaftlichen Standards zu entwickeln, hätte Minister Ramsauer für diesmal einen Pluspunkt verdient.

NEU: FAHREIGNUNGSSEMINAR

Kein Punkteabbau, nur Schulung

Künftig soll es keine Seminare zum Punkteabbau mehr geben, weder freiwillig, noch zwangsweise. Stattdessen sollen Verkehrssünder bei Erreichen der Stufe 2/Rot (sechs bis sieben Punkte) ein Fahreignungsseminar machen. Die zweiteilige Schulung wird von der zuständigen Führerscheinstelle angeordnet und muss innerhalb von drei Monaten besucht werden, ansonsten entzieht die Behörde die Fahrerlaubnis. Der Inhaber bekommt den Schein erst dann zurück, wenn der eine Teilnahmebestätigung vorlegen kann. Folgendes ist geplant:

Teil 1: Information
- durchgeführt von einem Fahrlehrer, Gruppen bis zu 3 Personen, 2 x 90 Minuten im Abstand von 1 Woche
- Ziel: Verkehrsregeln, Sinnhaftigkeit von Verkehrsregeln, Risikoinformation bei Überschreiten der Regeln, Stärkung des Gefahrenbewusstseins

Teil 2: Beratung
- durchgeführt von einem Verkehrspsychologen, Einzelsitzungen, 3 x 60 Minuten im Abstand von drei Wochen
- Ziel: individuelle Wege zur Veränderung des riskanten Fehlverhaltens

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