Größter Lkw-Kartell-Prozess beginnt in München

Bei der Sammelklage geht es um 827 Millionen Euro Schadenersatz
© Foto: Uli Deck/dpa/picture-alliance

Wegen Preisabsprachen fordern Spediteure von Herstellern wie MAN, Daimler und anderen vor dem Landgericht München Schadenersatz in Milliardenhöhe.


Datum:
23.10.2019
Autor:
Felix Altmann/DPA
Lesezeit: 
3 min

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Die großen europäischen Lkw-Hersteller hatten 14 Jahre lang ihre Preise abgesprochen, die EU-Kommission brummte ihnen fast vier Milliarden Euro Bußgeld auf. Jetzt verklagen Spediteure in ganz Deutschland das Lkw-Kartell auf Schadenersatz – und das könnte richtig teuer werden. Das mit Abstand größte Verfahren beginnt am Donnerstag, 24. Oktober 2019, vor dem Landgericht München.

Die Klage ist 18.000 Seiten dick, es geht um 827 Millionen Euro Schadenersatz für 85.000 angeblich überteuerte Lastwagen. Erster Erfolg: Neue Bäume auf der Insel Rügen. „Da die Klagen notwendigerweise in Papierform eingereicht wurden, haben wir als Ausgleich Waldaktien beim Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern e.V. gekauft“, teilte die Klägerin mit: die Firma Financialright claims.

Firma vertritt 7000 Unternehmen

Sie arbeitet mit dem Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) und der US-Kanzlei Hausfeld zusammen und hat sich inzwischen die Ansprüche von mehr als 7000 Unternehmen mit rund 200.000 Lastwagen abtreten lassen. In einer zweiten Klage in München fordert sie eine weitere halbe Milliarde Euro, eine dritte Klage ist in Vorbereitung. Hat die Klage Erfolg, behält Financialright rund 30 Prozent der Entschädigung als Provision.

Richterin: „Forderungen ins Blaue reichen nicht“

Viele tausend Spediteure, die Deutsche-Bahn-Tochter Schenker und die Bundeswehr hoffen, durch ihr Urteil Geld zurückzubekommen von MAN, Daimler, DAF, Iveco und Volvo/Renault – und zwar schneller als anderswo. Richterin Lutz hatte bereits in einem ersten, kleineren Lkw-Verfahren klar gemacht, dass Forderungen „ins Blaue“ nicht reichen. Die Kläger müssten schon konkret nachweisen, dass ein für 110.000 Euro gekaufter Lastwagen nur 100.000 Euro gekostet hätte, wenn die Hersteller sich nicht über Preise ausgetauscht hätten.

„Fast kein Lkw ist wie der andere“, sagt Bulheller: „Größe, Motor, Sattelzug, Kipper oder Tanklastzug, sieben verschiedene Hersteller, da gibt es tausend Kombinationsmöglichkeiten.“ Und ein Flottenbetreiber mit 1000 Lastwagen bekomme natürlich ganz andere Preise als ein Familienbetrieb, der alle zwei Jahre einen Lastwagen kaufe. Und wenn alle Hersteller von 1997 bis 2011 die Preise überhöht haben – wie soll man da heute feststellen, wie der Preis ohne Kartell gewesen wäre? Der von den Klägern als Gutachter beauftragte Frankfurter Wirtschaftsprofessor Roman Inders hat die Lkw in Schadensklassen eingeteilt. Laut Inders habe das Kartell zu Preisaufschlägen geführt; „in der Spitze deutlich über 10 Prozent“, sagt Anwalt Petrasincu.

Hersteller bestreiten Preisabsprachen

Das bestreiten die Hersteller entschieden. Die ausgetauschten Bruttolistenpreise hätten im Vertrieb praktisch keine Rolle gespielt, die Käufer individuell ausgehandelte Preise gezahlt, sagt MAN-Sprecher Sacha Klingner. Die EU-Kommission habe ausdrücklich nichts zu den Auswirkungen des Kartells auf den Markt festgestellt. „Wir werden uns gegen unberechtigte Ansprüche entschieden zur Wehr setzen“, sagt Daimler-Sprecherin Uta Leitner.

Die Hersteller bezweifeln auch, ob Financialright überhaupt klagen darf, denn Financialright wurde ja auf keinen Fall geschädigt. Diese Frage dürfte beim Prozessauftakt am Donnerstag in München im Mittelpunkt stehen. Das Ergebnis wird auch tausende VW-Fahrer interessieren, die ihr Ansprüche im Dieselskandal an die Firma Myright abgetreten haben. Über die Zulässigkeit dieser VW-Sammelklagen hat ebenfalls noch kein Gericht entschieden.

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