Der neue Mercedes Actros: Auf digital geschaltet

Noch ist der Anblick des neuen Actros ohne Hauptspiegel ungewohnt, optional sind sie aber noch zu haben
© Foto: Daimler

Am Blechkleid hat Mercedes-Benz beim erneuerten Actros kaum etwas geändert. Neben den Spiegeln wurde vieles Weitere digitalisiert. Das bringt einige - aber nicht nur - Vorteile mit sich.


Datum:
18.10.2018
Autor:
Jan Burgdorf

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Endlich, der Präsentationsschleier fällt. Neugierig scannen die Augen das neue Flaggschiff von Mercedes-Benz ab. Millisekunden später stellt sich Ernüchterung ein. Kabine, Kühlergrill, Stoßfänger? Sehen beim Neuen genauso aus wie beim Vorgänger. Ist der neue Actros etwa ganz der Alte?

Kann nicht sein, meldet der Verstand, und schickt die Augen erneut auf die Reise, den neuen Lastwagen aus Wörth am Rhein genauer zu betrachten. Und wirklich, irgendwas ist anders an diesem "New Actros 2.0", oder besser gesagt, es fehlt etwas.

Richtig, die obligatorischen Außenspiegel sind nicht vorhanden. Ein Hinweis darauf, dass bei der ersten großen Actros-Modellpflege vielleicht doch einiges neu sein könnte? Tatsächlich geht Daimler als erster Lkw- Produzent den großen Schritt, die Seitenspiegel durch Kameras zu ersetzen, und zwar serienmäßig. Lediglich die Rampen- und Frontspiegel befinden sich noch etwas verloren auf der Beifahrerseite. Beide hätten nur einen geringen Einfluss auf die Aerodynamik und würden daher allenfalls später digitalisiert, rechtfertigen die Daimler-Entwickler ihre Entscheidung. Der verbesserte Windfluss ist einer der Gründe für den Ersatz der Hauptspiegel. zusammen mit den jetzt konkaven Endkantenklappen und einer nun lieferbaren längeren 2,41er-Hinterachse soll der neue Actros im Fernverkehr drei Prozent weniger verbrauchen als die Vorgängerversion.

DIE MIRROR-CAMS BRINGEN DEM FAHRER SPÜRBARE VORTEILE

Vor allem sollen die sogenannten Mirror-Cams dem Fahrer Vorteile bringen - wenn sich auch beim Erstkontakt bei den meisten eine leichte Befangenheit einstellen dürfte. Die Kameras verbessern die Sichtverhältnisse allerdings bereits, ohne dass man überhaupt auf die beiden 15 Zoll großen Displays gesehen hat, die an beiden A-Säulen montiert sind. Der Blick aus dem Seitenfenster offenbart nämlich einen unverbauten Ausblick auf Kreisverkehre oder Kreuzungen. Sollte das noch nicht ausreichen, dürfte auch der strengste Kritiker spätestens beim ersten Abbiegen oder Reversieren von den digitalen "Außenspiegeln" überzeugt sein.

Man gewöhnt sich überraschend schnell daran, sich nicht länger außen auf Spiegel, sondern innerhalb der Kabine auf Bildschirme zu verlassen. Daimler hinterlegte mehrere äußerst hilfreiche Funktionen, zum Beispiel die sogenannte Anhängerverfolgung für Sattel und Gliederzüge. Dieses Tool verändert das Sichtfeld der Kamera so, dass man, selbst wenn die Zugmaschine fast im rechten Winkel zum Auflieger steht, die Trailerachsen immer mittig im Blick hat. Und das rechts wie links, ohne sich auf dem Fahrersitz verrenken zu müssen.

Auch auf der Autobahn und beim Rückwärtsfahren unterstützt das System durch die Überhol- beziehungsweise die Rangierfunktion. Waagerechte Balken im Bildschirm markieren dabei das Aufliegerheck, was zentimetergenaues Andocken an Rampen sowie das Wiedereinscheren nach Überholvorgängen mit dem nötigen Abstand erheblich erleichtert.

BILDSCHIRME ANSTATT BISHERIGER ARMATUREN UND SCHALTER

So weit zu den Spiegeln, was lässt sich noch Neues finden? Ab der Mittelkonsole und im hinteren Kabinenbereich hat Daimler lediglich Kleinigkeiten verändert, wie zum Beispiel die Möglichkeit, Smartphones induktiv aufladen zu können.

Das Armaturenbrett ist hingegen nicht wiederzuerkennen. Dort, wo früher analoge Armaturen, Bedienschalter und -regler zu finden waren, prangen jetzt zwei hochauflösende Displays, was ein völlig neues und bislang allenfalls von Pkw der oberen Mittelklasse bekanntes Bedienkonzept zur Folge hat. Auf dem mittig hinter dem Lenkrad angeordneten Bildschirm - serienmäßig zehn, gegen Aufpreis zwölf Zoll groß - finden sich alle relevanten Fahrerinformationen, wie Mercedes es nennt. Also beispielsweise Tacho, Drehzahlmesser oder Kraftstoffvorrat. Nur wird jetzt alles digital angezeigt, wobei der Fahrer zwischen drei verschiedenen Layouts nach seinem Geschmack wählen kann.

Vorteil der digitalen Ansicht: eine gestochen scharfe, spiegelfreie und übersichtliche Darstellung. Rechts daneben findet sich der sogenannte Zehn-Zoll-Sekundärbildschirm (Touchscreen), in dem Mercedes fast alle bisherigen Schalter und Funktionen wie Radio, Heizung oder Luftverteilung zusammenfasst. Das mag optisch aufgeräumt und wertig wirken, dass die Bedienung dadurch aber einfacher, schneller und intuitiver gelingt, wie die Daimler-Verantwortlichen vollmundig versprechen, bezweifeln wir stark.

Denn wo früher ein gezielter Tastendruck oder eine Drehung genügte, um beispielsweise das Radio einzuschalten oder den Luftstrom auf die Füße zu lenken, muss man nun zuerst das Hauptmenü aktivieren und dann das entsprechende Untermenü anwählen, um schließlich die gewünschte Funktion ausführen zu können.

Übrigens auch, wenn man nur ganz banal das Innenlicht einschalten will. Gerade nicht so Touchscreen-affinen Fahrern prophezeien wir eine lange Eingewöhnungszeit. Helfen könnte eine intelligente Sprachsteuerung, die bietet Daimler aber bis auf Weiteres leider nicht an.

Gern und schnell gewöhnen wird man sich an die neue, nun per Elektromotor unterstützte Lenkung. Die dadurch angenehm leichtgängige, aber trotzdem verbindliche Steuerung wurde für die nächste Innovation nötig.

Mit dem sogenannten Drive-Assist geht Daimler einen weiteren Schritt zum teilautonomen Lkw, indem der Actros ab sofort neben den Längs- nun auch die Querkräfte überwacht und falls nötig aktiv eingreift. Heißt im Klartext: Droht der Actros nach rechts oder links aus der Spur zu brechen, holt ihn die Elektronik ohne Zutun des Fahrers per beherztem Lenkeingriff in diese zurück. Trotzdem gilt weiterhin: Die Hände gehören ans Lenkrad. Sollte das länger als 15 Sekunden nicht der Fall sein, erfolgen drohende Warntöne und in der Folge die Abschaltung des Systems.

MANCHEN ANALOGEN KRITIKPUNKT GRIFF DAIMLER LEIDER NICHT AUF

Verbessert wurden darüber hinaus der Notbremsassistent (ABA) in seiner fünften Generation, der automatisch bei sich bewegenden Fußgängern im Gefahrenbereich bis zum Stillstand bremst, sowie der vorausschauende Tempomat PPC. Der berücksichtigt im neuen Modell ab sofort auch bevorstehende Kurven und Kreisverkehre. (Noch) nicht in die PPC-Berechnungen fließen temporäre Geschwindigkeitslimits ein, die ab sofort erkannt und als Information im Display angezeigt werden.

Ebenfalls im Display anzeigen lassen kann sich der Fahrer neuerdings seine Fleetboardnoten der letzten sieben Tage, auf die auch der Fuhrparkbeauftragte Zugriff hat - ein Verdienst der serienmäßigen WLAN-Verbindung, über die alle Actros verfügen. Sie ermöglicht die Nutzung von Apps über den Sekundärbildschirm ebenso wie die Funktion des verbesserten Wartungssystems Uptime, das jetzt auch am Trailer einen eventuellen Handlungsbedarf erkennt und entsprechend die Werkstatt informiert.

In Sachen Digitalisierung setzt der neue Actros also mehrere Statements. Den einen oder anderen lang gehegten analogen Kritikpunkt verlor Daimler dabei scheinbar aus den Augen. Einer davon rückt sich nach dem Drücken des Startknopfs, wofür kein Zündschlüssel mehr gesteckt werden muss, zurück ins Gedächtnis: Die OM 470-, 471- oder 473-Reihensechszylinder, deren bisherige Leistungseinstellungen unverändert im Programm bleiben, sind noch genauso vernehmlich hörbar wie bisher. Ebenfalls ging Daimler die Kupplungssteuerung nicht an. Das stetige Rucken beim Anfahren wird Actros-Fahrer also weiter begleiten.

Dafür dürfen sie sich auf mehr Sicherheit, Komfort und vor allem auf neue, revolutionäre Blicke nach hinten freuen. Ob auch bei der Bedienung Freude aufkommt, wird von der Affinität und wohl auch vom Alter des jeweiligen Fahrers abhängen. Im April 2019 fällt dafür der Startschuss.

FAZIT - Ein mutiger Schritt

Alle Achtung, Daimler traut sich was! Dass der neue Actros ab sofort ohne herkömmliche Außenspiegel das Werk verlässt, kommt einer Revolution gleich. Auch Active-Drive- und Active-Brake-Assist sind Ansagen, wie ernst es Mercedes mit den Themen Digitalisierung und Sicherheit ist. Beim neuen digitalen Bedienkonzept habe ich Bedenken. Ob alle Fahrer, vor allem die älteren, damit zurechtkommen werden, wird sich zeigen.

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