Fahrer bleibt Chef

Gelungen: Der Fahrer ist nicht Sklave, sondern Nutzer der neuen Technik.
© Foto: Daimler AG

Daimlers GPS-gestützter Tempomat funktioniert fein und lässt dem Fahrer Autonomie.


Datum:
21.06.2012
Autor:
Gerhard Gruenig

NOCH KEINE Kommentare

jetzt mitdiskutieren


Der GPS-gestützte Tempomat an sich ist nicht mehr neu. Eine Novität bei Mercedes ist aber die verbrauchsoptimierte, individuelle Geschwindigkeitsregelung inklusive Eingriffen ins Powershift-Getriebe sowie die Kombination mit Eco-Roll. PPC (PredictivePowertrainControl =Vorausschauende Antriebsstrang Regelung) heißt das System. Im Vergleich zu bekannten Systemen, die mit fixer Hysterese arbeiten (Scania: -8% bis +4%), lässt Mercedes Individualität zu.

Nachteil bei Scania: Setzt der Scania-Fahrer seinen Tempomat auf 85 km/h, fährt der Zug mit nur 78km/h über die Kuppe. Dieser, für den Hintermann oft unerwartete, Geschwindigkeitsabfall führt zu Bremsmanövern und einem Ziehharmonika-Effekt für den nachfolgenden Verkehr. Oder aber, der Hintermann überholt und stört im folgenden Gefälle den auf 89km/h beschleunigenden Scania.

Bei entsprechendemVerkehr kann der New-Actros-Fahrer die untere Hysterese von -10 km/h bis auf null verkleinern. Auch die obere Hysterese, also die Geschwindigkeit, die der LKW im Gefälle aufbaut, ist mit +4 bis +15km/h variabel. PPC integriert außerdem den vorausschauenden Tempomat mit dem Powershift-Getriebe und lässt bei Bedarf auch hoch und herunter schalten. Nicht zuletzt nutzt PPC die Eco-Roll-Funktion, also das möglichst kraftfreie Rollen in Neutral, in dem der Motor zwar im Standgas läuft, der Zug aber deutlich weiterrollt.

ÜBERZEUGEND: ENTSPANNTES, SICHERES FAHREN IM NEW ACTROS

Die ersten Praxiseindrücke verliefen überzeugend. Zur Aktivierung setzt der Fahrer im einfach bedienbaren Bordcomputer einen Haken bei PPC und am besten auch bei Eco-Roll-Modus. Schon kanns losgehen. Generell setzt PPC die Hysterese auf plus vier km/h.Wer sich für die optionale Power-Funktion entschieden hat, bekommt mit plus sechs km/h eine höhere Toleranz. Konkret beschleunigt der LKW also vor einer Steigung um die genannten Werte, damit sich Schwung mitnehmen lässt. Der Fahrer kann diese Voreinstellung über zwei kurze Klicks im Menü auf bis zu 15km/h erhöhen und setzt damit sowohl beim Beschleunigen vor der Steigung als auch bei der Bergabfahrt im folgenden Gefälle neue Grenzen.

Inder Praxis funktioniert das System ausgezeichnet. Fast unmerklich baut PPC ein paar Extra-km/h auf, nimmt Bewegungsenergie mit und Powershift muss somit später oder gar nicht zurückschalten. Falls der Berg lang oder steil ist, fasst PPC Schaltungen zusammen, um Zugkraftunterbrechungen zu vermeiden. So lässt es die Drehzahl auf unter 1000 Touren fallen, wechselt dann aber gleich von der zwölften in die zehnte Fahrstufe. Vor der Kuppe nimmt der intelligente Tempomat Gas zurück. Standard sind minus vier km/h davon ausgehend, dass der Motor stark genug war, bergauf das Tempo zu halten.

Wie intensiv PPC den Fuß vom Gas nimmt, hängt vor allem davon ab, wie steil es hinter der Kuppe dann bergab geht. Denn das System ist bestrebt, nach 20 bis 30 Sekunden das voreingestellte Marschtempo (plus Hysterese) wieder erreicht zu haben. Je nach Gradient des Gefälles rollt der Motor dann im Schubbetrieb oder Eco-Roll aktiviert sich und der Laster kann ohne Schleppmoment wieder Tempo aufbauen.

Was in der Theorie kompliziert klingt, klappt in der Praxis mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks. PPC berücksichtigt in allen Fällen das Gewicht und die Motorleistung und kommt so immer zum richtigen Ergebnis, wann es Tempo aufbaut oder rollen lässt. Eine direkte Beeinflussung des Fahrstils unterlässt PPC. Es schaltet also bei voreingestellten 80 km/h nicht ökonomischer als bei 85 km/h und wechselt auch bei einem vom Fahrer gewählten Grundtempo von 90 km/h nicht in einen aktiveren Fahrstil. Allerdings hat der Nutzer über die Auswahl der Grundprogramme die Möglichkeit, das zu beeinflussen. Neben Standard kann der New-Actros-Käufer wahlweise und ohne ZusatzkostenEco oderPower wählen.

Den besten Kompromiss aus Transportgeschwindigkeit und Spareffekt konnten wir mit 85 km/h Grundgeschwindigkeit, einer oberen Hysterese von 90 km/h sowie einem unteren Wert von 79 km/h erfahren. Entsprechendfreie Autobahn vorausgesetzt, werden die Hintermänner nicht in ihrem Fortkommen beeinträchtigt. Das System hat aber großen Spielraum, die jeweils beste und Kraftstoff sparendste Strategie zu wählen.

BEI LEERER BAHN SIND SOGAR MEHR ALS DREI PROZENT ERSPARNIS DRIN

Mit sehr dichtem Verkehr kann die obere Grenze unberührt bleiben. Allerdings sollte der Fahrer die untere Hysterese auf minus zwei km/h einstellen. Echte Sparfüchse können mit 80 km/h und plus/minus zehn km/h deutlich mehr als die avisierten drei Prozent Diesel einsparen. Das ist aber nur zu empfehlen, wenn man fast alleine unterwegs ist. Interessantes am Rande: Mercedes hat selbst bei sehr niedriger Hysterese noch Sparpotenziale gemessen. Also selbst wer den Tempomat bei 90 km/h setzt und die Toleranzen bei +0/-2 km/h, kann noch sparen.

Bestellbar ist PPC ab August für 1650 Euro. Bei avisierten drei Prozent Verbrauchseinsparung das haben wir mit Scanias CCAP schon ohne Eco Roll und GPS-Schaltung im Test erreicht amortisiert sich das System in kürzester Zeit. GG

Kommentar: Hilfe statt Bevormundung

Durch die intelligente Vernetzung von Getriebe und GPS-Tempomat regelt PPC effektiver, als bisher bekannte Systeme. Selbst sehr gute Fahrer müssen einsehen, dass sie ihr Fahrzeug nicht sparsamer bewegen können. Dabei macht die individuelle Einstellbarkeit den Unterschied, so dass man sich trotz des installierten Big Brothers nicht bevormundet, sondern unterstützt fühlt. Freie Bahn heißt große Hysterese und damit viel Sparpotenzial. Je dichter der Verkehr, desto kleiner die Geschwindigkeitsdifferenz, damit wir den Hintermann nicht nerven. Und weil PPC wunderbar auch mit Abstandstempomat kooperiert, ist das Sicherheitsniveau sehr hoch. Mindestens drei Prozent Spritersparnis sollten problemlos drin sein. Bei schwieriger Strecke kanns auch mehr werden!

TRUCKER-Redakteur Gerhard Grünig

MEISTGELESEN


KOMMENTARE


SAGEN SIE UNS IHRE MEINUNG

Die qualifizierte Meinung unserer Leser zu allen Branchenthemen ist ausdrücklich erwünscht. Bitte achten Sie bei Ihren Kommentaren auf die Netiquette, um allen Teilnehmern eine angenehme Kommunikation zu ermöglichen. Vielen Dank!


NEWSLETTER

Newsletter abonnieren und keine Branchen-News mehr verpassen.


TRUCKER – Das Magazin für Lkw-Fahrer im Nah- und Fernverkehr: Der TRUCKER ist eine der führenden Zeitschriften für Lkw-Fahrer und Truck-Fans im deutschsprachigen Raum. Die umfangreichen TRUCKER Testberichte zu LKWs und Nutzfahrzeugen gehören zu den Schwerpunkten der Zeitschrift und gelten als Referenz in der Branche. Der TRUCKER berichtet monatlich über die Themen Test und Technik, Show-Truck, Arbeitsrecht, Service, Unterhaltung.