Fit für den HI-WAY

Neben der Optik feilte Iveco beim neuen Stralis auch an der Aerodynamik.
© Foto: Iveco

Mit aufgefrischter Optik, vor allem aber neuem Interieur und Motoren strebt der Iveco Stralis zurück in die Spur.


Datum:
28.07.2012
Autor:
Gerhard Gruenig

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Das Rezept ist bekannt: Man nimmt einen bewährten LKW, optimiert seine Aerodynamik, retuschiert die Optik und feilt an den Dingen, die die Kunden kritisierten. Doch Iveco musste etwas mehr tun, denn Euro 6 wirft seine Schatten voraus. Also gibt's neue Motoren und das Versprechen, dass viele, auch unsichtbare, Details überarbeitet wurden. Wir haben dem "New Stralis Hi-Way" auf den Zahn gefühlt.

Nach der Hiobsbotschaft, dass die LKW-Produktion in Ulm zum Ende des Jahres ausläuft, hofft Iveco jetzt bessere Nachrichten verbreiten zu können. Grund für positive Meldungen soll der neue Stralis liefern. 70 Millionen Euro hat Iveco ins Werk Madrid investiert, wo künftig die komplette schwere Reihe vom Band laufen soll. 60 Prozent Fehlerreduzierung will man realisiert haben! Und tatsächlich glänzen die fürs erste Kennenlernen aufgefahrenen Hi-Way, wie die AS-Modelle künftig heißen, mit Top-Verarbeitung. Dass die komplette Testflotte noch in Ulm entstand, wie ein Insider hinter vorgehaltener Hand übermittelt, lässt einen zumindest als deutscher Journalist ein wenig nachdenklich werden ...

Die optischen Veränderungen fallen eher verhalten aus: Modisch schwarzer Kühlergrill im weitmaschigen Ferrari-Design, neue Luftführungen unter den A-Säulen, neue Xenon-Scheinwerfer in trendiger Klarglasoptik mit den jetzt ebenfalls typischen LED-Tagfahrlicht-Augenbrauen sowie eine strömungsgünstig optimierte Sonnenblende und dezente Spoilerlippe unter der Stoßstange.

Den Kabinen-Rohbau ließen die Produktgestalter unangetastet. Auch das ein Grund, warum sich Iveco für eine Hi-eSCR genannte Lösung für Euro 6 entschied. Eine gekühlte Abgasrückführung mit ihrem riesigen Kühlluftbedarf hätte keinen Platz mehr unter den drei Kabinen (Hi-Way, früher AS; Hi-Road, ehedem AT sowie Hi-Street, früher AD) gefunden.

Motoren-Chef Meinrad Signer ist trotz - oder vielleicht auch wegen - der Einzigartigkeit der Iveco-Lösung begeistert: "Wir haben das einzige System, das Euro-5-Verbräuche mit Euro-6-Emissionen verbindet - AGR führt dagegen nach unserem Kenntnisstand zu drei Prozent Mehrverbrauch!"

KEIN MEHRVERBRAUCH, WENIGER MEHRGEWICHT

Der Verzicht auf die Abgasrückführung hat zusätzlich den Vorteil, das Gewicht nicht so stark zu erhöhen. Doch ganz ohne Zusatzpfunde kommt auch der neue Stralis nicht aus. Aber statt der beim Wettbewerb üblichen fünf Zentner sind's beim Hi-Way "nur" 170 Kilo. Schlüssel für die Erreichung der neuen Schadstoffnorm war bei den hubraumschwächeren Varianten eine leichte Aufstockung des Zylindervolumens. Statt acht und zehn Liter bemühen die FTP (Fiat Power Train)-Triebwerke jetzt neun und elf Liter. Der Cursor 13 bleibt dagegen unverändert. Wie sich auch die Leistungsstufungen nicht oder nur unwesentlich ändern. Zumindest aber verspricht Singer ein fülligeres Drehmoment im Hauptfahrbereich, wichtiger als schiere PS.

VIEL MEHR KOMFORT UND PLATZ FÜR DEN FAHRER

Um die hohen Stickoxid-Emissionen in den Griff zu bekommen, hat Iveco die Wirksamkeit des SCR-Systems optimiert. Eine Technik, mit der man nach Singers Auskunft bereits Erfahrung bei den landwirtschaftlichen Aggregaten gesammelt hat. Dass Iveco künftig auf eine Common-Rail-Einspritzung setzt, war zu erwarten. Doch Singer überrascht mit seiner Lösung: Ein kompakt in den Zylinderkopf integriertes Rail, das sich mitsamt der Einspritzdüsen unter dem Ventildeckel versteckt. Letztlich gibt der Motorenentwickler zu, dass er gegenüber Euro 5 mit einem höheren Adblue-Verbrauch ins Rennen geht: "Dennoch kommen wir durch reduzierte Dieselverbräuche auf Kraftstoffkosten, die auf dem Niveau von Euro 5 liegen!"

Die Serviceintervalle der neuen Euro-6-Motoren bleiben mit 150.000 km unverändert. Unterm Strich sollen aber sieben Prozent geringere Service- und Wartungskosten zu Buche stehen - wie Iveco generell darauf hingearbeitet hat, die Gesamtkosten während der Betriebszeit zu minimieren.

Zugelegt hat auf jeden Fall die Motorbremse. Die hört jetzt auf den Namen "Super Engine Brake", basiert zwar noch immer auf dem System der Turbobremse, liefert jetzt aber durch höhere Laderdrücke mehr Bremsmoment. Sie soll so in einigen Fällen den Retarder überflüssig machen.

Bei den Getrieben gibt's allerdings keine Neuigkeiten zu vermelden. Der Kunde hat die Wahl aus der bekannten automatisierten 12-Gang-AS-Tronic oder dem manuellen 16-Gang-Getriebe. Wann die neuen automatisierten "Traxon"-ZF-Schaltboxen bzw. die manuellen 12-Gang-Versionen zum Einsatz kommen, wollte man noch nicht verlauten lassen.

Innen präsentiert sich der Stralis Hi-Way, zumindest im vorderen Bereich, komplett neu. Ein schmuckes Armaturenbrett mit wertig anmutender Oberfläche setzt dem billigen Plastik-Look des Vorgängers endlich ein Ende. Bis auf das typisch farbige Display im Blaustich und das bekannte Multifunktionslenkrad blieb hier kein Stein auf dem anderen.

Die Bedienung der automatisierten Schaltung, die Funktionstaster der jetzt komplett versammelten Assistenzsysteme (Abstandstempomat mit Kollisionswarner, Spurbindung, ESP, Aufmerksamkeitswarner sowie Bremsassistent) wurden griffgünstig nahe am Fahrer positioniert. Dass die elektronischen Helferlein vorerst nur Option sind, ist zu verschmerzen, da Iveco verspricht, sie zu einem güns tigen Paketpreis anzubieten.

Vorne über der Frontscheibe gibt's eine Neuorganisation der Staufächer, ebenso wie zwei serienmäßige Außenstaufächer mit jetzt rund 40 Liter mehr Inhalt. Das an die Rückwand klappbare obere Bett blieb, die Schlafstatt unten wuchs auf 80 Zentimeter Breite und deutlich über zwei Meter Länge.

Mit dem neuen Bett hielt ein hochwertiger Lattenrost Einzug. Dessen Kopfteil ist, wie bei Volvo und Mercedes, für eine aufrechte Sitzposition im Bett arretierbar. Die Isri-Komfortsitze kennt man zwar aus anderen Fahrzeugen - dass man die klimatisierten und leicht justierbaren Sitzmöbel mit Gurthöhenverstellung jetzt auch im Stralis bekommt, ist dennoch ein Fortschritt.

Beim Fahren fällt auf, wie leise der neue Stralis geworden ist. Daran trägt nicht nur der optimierte Auspuff der Euro-6-Versionen seinen Anteil. Auch die Dämmung scheint verbessert. Ein ganz neues Stralis-Gefühl: Nichts klappert, nichts knirscht, alles wirkt solide und in Anbetracht des Prototypenstatus schon sehr gut verarbeitet.

SCHLICHT UND GUT: STANDKLIMA IM DACH

Statt des Standard-Kühlschranks kann der Kunde jetzt auch eine 35 Liter fassende Kühlbox mit integriertem Flaschenhalter ordern, der bequem vom Fahrersitz aus zugänglich ist. Einziges kleines Manko: Der Fahrersitz hat links keine Lehne und die Türbrüstung liegt doch relativ weit weg. Dafür regelt die Klimaautomatik ganz exzellent, und dass endlich mal ein Hersteller ab Werk eine Standklimaanlage ohne aufwändiges High-Tech-Gedöns schlicht in die Dachluke integriert, war längst überfällig.

Unterm Strich muss das Fazit lauten: Operation gelungen, Patient lebhafter denn je! Wenn die "SCR-only"-Motoren halten, was Motoren-Chef Signer verspricht, wird alles gut. Denn den Rest hat Iveco ganz gut hinbekommen und verbessert, wo nötig, dabei aber auf modischen Schnickschnack verzichtet.

IVECONNECT - Elektronik (R)Evolution

Mit der neuen Fahrzeuggeneration stellt Iveco eine komplett überarbeitete Elektronikplattform vor. "Iveconnect" ermöglicht die Fahrerbeurteilung und vergibt - abhängig vom Einsatzprofil - Bewertungen, wie es auch Fleetboard vornimmt. Zudem bietet es dem Chauffeur die Möglichkeit, seinen Fahrstil laufend zu verbessern, indem es unter anderem Vorschläge macht, wie man den Kraftstoffverbrauch minimieren kann, die Bremsen effektiver nutzt oder vorausschauendes Fahren sicherstellen kann. Bei Fahrern, die aktiv mit dem System arbeiten, geht Iveco von fünf bis zwölf Prozent weniger Dieselkonsum aus!

Bedient wird Iveconnect über einen großen und kontrastreichen Touch-Screen im leicht zum Fahrer hin angewinkelten Teil des Armaturenbretts. Übersichtliche Menüs erlauben eine schnelle Bedienung. Leider sind das Diagnosesystem sowie einige Fahrzeugbedienelemente nicht integriert, sondern finden sich nach wie vor im Haupt-Display in den Armaturen. Den Abstand des ACC einzustellen und die relevanten Geschwindigkeiten anzeigen zu lassen, klappt daher nicht wirklich gut. Dennoch muss man loben, dass jetzt endlich eine Funktion hinterlegt ist, die dem Fahrer wichtige Informationen seiner eingelegten Fahrerkarte (z.B. Tages-/Wochenarbeitszeiten) anzeigt. Iveconnect integriert außerdem ein Navigationssystem, inklusive CD-Radio, Telefonsteuerung und MP3-/iPod-Anschluss sowie ein Qualcomm-basiertes Telematik-System.

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