E-Learning: Spielend zum Profi werden

Dirk Hägemann ist auf dem Weg zum "F3-Fahrer" bei Meyer; E-Learning ist für ihn Pflicht
© Foto: Sabine Köstler

Meyer Logistik schult seine Fahrer mit Hilfe eines Computerspiels.


Datum:
16.10.2015
Autor:
Sabine Köstler

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Ach neeeee, noch eine Weiterbildung ... Das mag sich mancher Mitarbeiter von Meyer Logistik gedacht haben, als das Unternehmen im September 2014 ein neues Bildungs-Tool vorstellte: gamebased E-Learning. Eine Fahrerschulung am Computer - jedoch ohne Zusammenhang mit der Weiterbildung nach dem BKrFQG. "Volle Fahrt voraus!", hieß es auf der Nutzfahrzeuge-IAA für das gleichnamige Projekt.

Und das, wo doch viele Fahrer schon genervt sind von den Pflichtweiterbildungen? Björn Gersch, Director Operations bei der Ludwig Meyer GmbH, nennt dafür gute Gründe. Das Ganze sei eine Qualitätsfrage. "Die Arbeit unserer Fahrer ist anspruchsvoll. Für temperaturgeführte Transporte brauchen wir gut ausgebildete Leute, die die Fahrzeugtechnik beherrschen." Den Fahrern pro Fahrzeug ein 1,5 Kilo schweres Handbuch in die Hand zu drücken oder eine Powerpoint-Präsentation vorzusetzen, sei hierfür nicht der praktikabelste Weg. "Wir haben mit unseren Trainern beratschlagt, wo es im Arbeitsalltag hakt. Diese Inhalte wollten wir möglichst spannend rüberbringen. Die Möglichkeit des spielebasierten Trainings hat uns überzeugt."

"Gamebased E-Learning" ist ein modernes Mittel der Erwachsenenbildung (siehe Kasten) und nimmt Anleihen beim Computerspiel. Dass ein Unternehmen dieser Größe mit 1600 Fahrern nach effizienten Wegen der Mitarbeiterqualifizierung sucht, ist nachvollziehbar. Schon im Hinblick auf die Fluktuation von bis zu einem Drittel der Fahrer pro Jahr. Jährlich müssen also rund 500 Leute neu eingearbeitet werden.

INFOS ZUR FIRMENSTRUKTUR FÜR JEDEN NEUEN MITARBEITER

Jeder, der nach dem Probetag in die Firma einsteigt, durchläuft ein zehntägiges Training. Er wird in dieser Zeit von einem Ausbildungsfahrer begleitet und absolviert bei einem von acht Fahrtrainern einen Test. Doch schon ab Vertragsunterzeichnung sollen sich die Neuen dem Unternehmen zugehörig fühlen. Ihr "Starterpaket" enthält unter anderem ein Fahrerhandbuch und die Zugangsdaten zum Game. Damit setzt Meyer darauf, dass man sich in der "Neugierphase" schon mal mit dem Arbeitgeber vertraut macht. Gezwungen wird natürlich niemand, die Teilnahme ist freiwillig und wird nicht protokolliert.

"Volle Fahrt voraus!" enthält 5-Minuten- Module zu LaSi, Abfahrtskontrolle, Digitacho, Kühlaggregat, Verkehrsregeln, Arbeiten mit der Ladebordwand und Lenk-/Ruhezeiten. Dazu gibt's ein Wörterbuch mit Übersetzungen aller Fachbegriffe. Und einen animierten Videoclip zur Firmengeschichte. Jeder Neue (F1-Fahrer) soll die Qualität des Logistikers gegenüber dem Kunden vertreten können. "Unsere Arbeit endet nicht an der Rampe", beschreibt Gersch, "wir liefern bis in die Lager oder Märkte hinein. Da muss man auf unsere Qualität vertrauen können."

Dirk Hägemann (40) ist einer der Fahrer, zu denen Kunden vollstes Vertrauen haben. Er ist seit 17 Jahren bei Meyer. Trotzdem hat er das E-Training absolviert, auch weil es Teil seiner Qualifikation zum Ausbildungsfahrer ("F3") ist. "Das ist sicher nicht umsonst", berichtet er, "ich fand es lehrreich. Vor allem bei dem neuen Modul rund um die Iso-Zertifizierung des Betriebs musste man sich schon ein wenig konzentrieren."

Wer sich ins Spiel einwählt (auf dem PC, iPad oder Handy) wird vom virtuellen Kollegen namens "Schlaumeyer" begrüßt und aufgefordert, mit dem Training zu beginnen - auf Deutsch, Russisch, Englisch oder Polnisch: Zacznij tu swoj trening! Dann kann's losgehen. Tour zu anderen Niederlassungen gefällig? Oder am virtuellen Digitacho spielen, ohne Lenkzeiten zu zerschießen? Beim Kühlzug die MoPro-Paletten so einräumen, dass die Luftzirkulation stimmt? Wer Fehler macht, kriegt zwar keine der begehrten "Kilometer" und Abzeichen, das Herumprobieren macht aber Spaß ... Scheinbar auch den Fahrern "Mister Krebs", "McLord" oder "duschman", die laut Highscore schon alle erreichbaren 2050 Kilometer kassiert haben.

"Volle Fahrt voraus!" ist beliebig erweiterbar. Bislang steckte Meyer 100.000 Euro in die Entwicklung. Zulieferer wie Rohr Fahrzeugbau oder Bär Cargolift haben aber ihr Interesse bekundet; sie werden eigene Module beisteuern, die beispielsweise die Technik spezieller Aufbauten betreffen werden.

Insgesamt 60 Minuten lang kann man spielen, dann ist der Lehrgang beendet. Das ist moderat - aber es muss ja schließlich auch die Freizeit dafür herhalten. Zwar stellte man in elf Meyer-Filialen Google Chromboxes zum Spielen auf. Das funktioniert bloß leider nicht überall - weil das WLAN mit der elektronischen Kommissionierung kollidiert. Hier stößt das E-Learning dann doch an seine Grenzen.

GAMEBASED E-LEARNING

Spielebasiertes Lernen am Computer macht Schule

Gamebased E-Learning ist eine Spielart des E-Learnings - des Lernens am Computer. Diese Art Anwendung nimmt Anleihen beim Computerspiel: Enthalten sind Simulationen wie zum Beispiel ein virtueller Digitacho, Motion-Clips, Drag & Drop-Zuordnungsspiele, Wissensquiz oder animierte Clips. Der Anwender erhält jeweils ein direktes Feedback und Belohnungen. Das fördert den Spaß an der Sache. Die aktive Beschäftigung bindet die Konzentration, das Gelernte wird leicht verinnerlicht und bleibt länger im Gedächtnis. Core-Competence GmbH in Unterföhring entwickelte das Spiel für Meyer und hat auch für Coca-Cola-Mitarbeiter ein virtuelles Verkaufstraining programmiert. Auch Supermärkte nutzen diese Technik, um Azubis auszubilden, ein Beispiel: www.virtuellersupermarkt.de Zu "Gamebased E-Learning" zählen auch Fahrsimulatoren, wie sie beispielsweise der Verlag Heinrich Vogel anbietet, in dem auch der TRUCKER erscheint.

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