Fahnder sagen Parkplatz-Piraten den Kampf an

Landeskriminalamt Niedersachsen startet bundesweite Kampagne gegen Rasthof-Räuber.


Datum:
28.08.2009
Autor:
Redaktion TRUCKER

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Während die Lastwagenfahrer schlafen, schlitzen kriminelle Banden die Planen der Auflieger auf und rauben wertvolle Fracht in großem Stil. Neu ist diese Masche nicht, aber sie nimmt zu. Das Landeskriminalamt Niedersachsen (LKA) schätzt den Schaden durch Parkplatz-Piraten auf 1,5 Milliarden Euro jährlich und hat deswegen jetzt eine bundesweite Kampagne zur Aufklärung gestartet. An der Autobahn A2 an der westfälisch-niedersächsischen Grenze wollen die Fahnder auch am heutigen Mittwochabend wieder mit mehrsprachigen Broschüren über die Gefahren informieren. Denn Deutschland liegt als Transitland besonders im Visier der Schieber, die kistenweise Computer, Fernseher sowie hochwertige Kleidung und Kosmetik wegschaffen. Zuletzt waren vor drei Wochen am Rasthof Auetal-Süd mehr als 20 Fahrer Opfer der Planenschlitzer geworden.

Am Lastzug eines Truckers aus Warschau, der gerade auf dem Rasthof zwischen Bielefeld und Hannover eingelaufen ist, kann LKA-Experte Waldemar Lorenz die Vorgehensweise der Kriminellen anschaulich machen. An etlichen Stellen sind auf der Plane des Aufliegers ausgebesserte Schnitte zu sehen. „Die Täter gehen so vor, sie schneiden in der Nacht erst kleine Halbmonde in die Plane und gucken, was ist drin.“ Ist die Fracht lohnenswert, schneiden sie die Plane weiter auf oder öffnen die hintere Tür und laden Teile der Ladung in Sprinter um. „Die haben nur geguckt und nichts gestohlen“, meint der polnische Fahrer. Er zeigt auf einige krumme Schnitte, „das war in England“, dazwischen sind einige gerade Schnitte in der Plane – „das ist in Deutschland passiert“.

„Die LKW-Fahrer kriegen da nichts von mit, die schlafen in ihrer Kabine und an der Autobahn ist immer eine Geräuschkulisse“, meint Lorenz. Viele der osteuropäischen Lastzüge seien zudem schlecht gesichert und die Fahrer könnten sich schwer verständlich machen – „bis die die Polizei rufen, sind die Diebe schon längst weg.“ Auch die Täter kommen nach Vermutung der Polizei oft aus Osteuropa – vor drei Wochen wurden in Auetal vier Polen gefasst. Das LKA mutmaßt, dass die kriminellen Banden direkt aus den Fabriken in Osteuropa Tipps über abfahrende Lastwagen und deren Ladung und Ziel erhalten. „Die können sich dann ausrechnen, wo die Rast machen.“

„Mehr als alles gut verschließen können wir nicht machen“, meint der niederländische Trucker Toni, der mit einem Container Kakao von Hengelo nach Magdeburg unterwegs ist. Er selber wurde noch nicht ausgeraubt, Kollegen haben aber darüber erzählt. „Das passiert auch in den Niederlanden, das gibt es überall.“ Ein polnischer Kollege zeigt auf den Tank seines LKW. „Beim letzten Mal wurden mir 200 Liter Diesel gestohlen, mit einem Scania-Originalschlüssel.“ Der Rat der Polizei, die Lastzüge an gut beleuchteten Stellen zu parken, sei nicht immer umzusetzen, meint ein Fahrer aus Berlin. „Wir müssen unsere Schichtzeiten einhalten und parken wo Platz ist.“

„Die Speditionen rüsten auf“, meint LKA-Sprecher Frank Federau, obwohl bei dem Kosten- und Konkurrenzdruck in der Branche jeder Euro zählt. „Zum Teil werden die Auflieger von innen mit Drahtgittern ausgerüstet.“ Fahrer sichern ihre Kabine mit einem Gasalarm gegen Attacken, bei denen sie mit eingeleitetem Gas besinnungslos gemacht und dann ausgeraubt werden. An einem niederländischen Lastzug stoßen die Polizisten bereits auf mit Metall verstärkte Seitenwände – „die 300 Kilogramm schweren Teppichrollen stiehlt aber so schnell keiner“, lacht der Fahrer. Investitionen in mehr Sicherheit auf den Parkplätzen gibt es indes selten, meinen die Fahnder. Bewachte Parkplätze blieben Mangelware, sagt Lorenz.

„Ich habe keine Angst abends, ich kann nichts dagegen tun“, meint einer der polnischen Fahrer. „Wenn man schläft, schläft man, und wenn Gas eingesetzt wird, schläft man weiter.“ Auf dem Parkplatz spricht er mit Kollegen, die von Überfällen berichten – in England, Holland, Frankreich und Spanien. „Wenn du Angst hast, kannst du gleich aufhören“, meint ein Niederländer. So richtig gelassen ist bei dem Thema aber nur ein Fahrer aus Potsdam. „Ich fahre nur Altpapier.“

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