Flüchtlinge: Was Fahrer jetzt wissen sollten

Die Anzahl illegaler Flüchtlinge wächst - und damit auch deren Verzewiflung und Entschlossenheit
© Foto: picture-alliance/Arnaud Dumontier

Calais, Patras, Ventimiglia: Die Bedrängnis durch Migranten ist massiv.


Datum:
21.07.2015
Autor:
Sabine Köstler

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Migranten in europäischen Häfen werden zunehmend zur Bedrohung", schrieb der TRUCKER in der Ausgabe 7/2015. Der Bundesverband Güterkraftverkehr BGL hatte die Situation in der Transportbranche kurz zuvor auf den Punkt gebracht: "Fahrer fürchten um Leib und Seele". Die Rede war von der teilweise unerträglichen Situation an Brennpunkten wie dem griechischen Hafen Patras oder dem nordfranzösischen Calais, wo derzeit 2500 Flüchtlinge am Straßenrand, in verdreckten Camps und auf Sanddünen leben und auf irgendeine Gelegenheit warten, unentdeckt über den Kanal zu kommen. Viele der Calais-Camper versuchen das nicht nur einmal: Nach Angaben von BBC News waren es dieses Jahr insgesamt bereits 19.000 durch die britische Polizei abgewehrte Versuche.

Täglich wird die Zahl derer, die in Europa Asyl suchen, größer und sie kommen meist unter dramatischen Umständen. Jetzt, wo das Mittelmeer sich erwärmt hat, besteigen noch mehr Menschen in Libyen, in Ägypten oder der Türkei ein Boot, ob seetauglich oder nicht. Bis zu einer Million Flüchtlinge harren zurzeit in den libyschen Camps auf die Gelegenheit, den Weg nach Lampedusa anzutreten.

Nach Angaben der Grenzagentur Frontex (sie koordiniert die Überwachung der EU-Außengrenzen) gelangten 2014 rund 278.000 Flüchtlinge illegal in die EU - mehr als doppelt so viele wie 2013, in überfüllten Booten, versteckt in Pkw oder Lkw. Haben sie es einmal in die EU geschafft, können sie innerhalb des Schengenraums relativ problemlos reisen und drängen ins wirtschaftlich starke Deutschland, ins soziale Schweden oder ins allgemein gelobte Großbritannien. Doch laut EU-Gesetz müssen sie im "Ersteintrittsland" bleiben; also dort Asyl beantragen, wo sie zum ersten Mal EU-Boden betreten haben. Auch abgelehnte Asylbewerber oder legal Eingereiste, deren Visum abgelaufen ist, sind in großer Zahl unterwegs.

Viele Migranten ziehen monatelang quer durch Europa und sind entsprechend erschöpft, aber auch entschlossen. Jede Möglichkeit, weiterzukommen, wird genutzt und natürlich sind es die Lkw und Trailer bzw. die Lade- und Hohlräume von Transportern und Bussen, in denen sie sich am besten verstecken können.

ZUSÄTZLICHE SONDEREINHEITEN ZUM SCHUTZ DER FAHRER

Nicht nur in Calais oder Patras, auch an deutschen Grenzen kann es Probleme geben. Allein im Passauer Raum in Bayern wurden am Wochenende 19. bis 21. Juni über 750 unerlaubt eingereiste Personen aufgegriffen. In Aachen entdeckte man im März zwölf Personen in einem Kühltransporter, deren Schlepper in Calais sich mit der Fahrtrichtung des Lkw vertan hatte. Die Bundespolizei hat einen Flyer veröffentlicht, in dem sie Berufskraftfahrer dringend zur Vorsicht vor den Aktionen der Schleuserbanden warnt. Es wurde auch eine Hotline eingerichtet.

Leider gibt es unter Fahrern auch schwarze Schafe: Anfang Juni versuchten vier Lkw-Fahrer, 68 Flüchtlinge zu schmuggeln; sie wurden im Nordseehafen Harwich geschnappt. Es drohen ihnen bis zu 14 Jahren Haft. Doch das Gros der Chauffeure ist selbst Opfer. Was tun die Behörden, wie können sie sie schützen?

Eine der Behörden hat bereits geantwortet, berichtet der BGL auf Anfrage des TRUCKER. Pressesprecher Martin Bulheller: "Das Auswärtige Amt hat uns zwischenzeitlich über den Fortgang in dieser Angelegenheit unterrichtet. So hinterlegte die Deutsche Botschaft in Paris gemeinsam mit Vertretern aus anderen EU-Staaten die Problematik der Fahrer in Calais beim französischen Premierministerium. Dort wurde berichtet, dass bereits zusätzliche Sondereinheiten der Polizei zum Schutz der Fahrer eingesetzt würden. Auf Grund der Vorsprache der Deutschen Botschaft in Paris werde sich nun das französische Premierministerium mit dem französischen Verkehrs- und dem französischen Innenministerium in Verbindung setzen, um weitere Schutzmaßnahmen prüfen zu lassen."

MITFAHRGELEGENHEITEN FÜR JOURNALISTEN NACH CALAIS

Der europäische Transportverband International Road Union Transport IRU (75 Mitgliedsländer) initiierte wegen der brisanten Situation im März ein Treffen mit englischen Behördenvertretern, unter anderem dem Einwanderungs- und Sicherheitsminister. Dabei wies man auf das Problem des Truck-Enterns hin und diskutierte, wie die Behörden enger mit der europäischen Transportbranche zusammenarbeiten könnten. Die IRU hob hervor, dass viele Fahrer einem persönlichen Sicherheitsrisiko ausgesetzt seien. Sie trat unter anderem für höhere Sicherheitsmaßnahmen an Häfen und Terminals ein.

Der Verband Verkehrswirtschaft und Logistik Nordrhein-Westfalen e.V. wandte sich Anfang Juli an die Presse, um auf die unhaltbare Situation in Calais aufmerksam zu machen. Der Güterverkehr nach England komme zum Erliegen. "Wir fühlen uns von Brüssel und Paris im Stich gelassen und brauchen dringend öffentliche Aufmerksamkeit", hieß es; der Verband biete Journalisten neben Gesprächspartnern sogar Mitfahrgelegenheiten nach Calais zur Recherchezwecken an. Die europäische Grenzagentur Frontex verweist auf die Regelungen der britischen Behörde UK BorderForce - konkrete Informationen zu Sicherheit und Strafverfolgung siehe Kasten "Großbritannien". In den Reisehinweisen für England und Griechenland gibt seit längerem das Auswärtige Amt warnende Hinweise. Erforderlich ist grundsätzliche Wachsamkeit in der Nähe der EU-Außengrenzen. Beachten Sie:

  • keine unbekannten Personen aufnehmen
  • Standzeiten auf Rastplätzen, Tankstellen Richtung Grenzen/Häfen vermeiden, verkürzen
  • vor jeder Abfahrt Gewebe, Plane, Zoll-Seile, Verriegelungen und Verschlüsse auf Schäden überprüfen
  • Achsen, Windfang, Außenstaufächer prüfen
  • Überprüfungen dokumentieren
  • Ersatz-Sicherheitsvorrichtungen mitführen
  • keine Fähre befahren/kein Grenzübertritt, wenn Verdacht auf eine illegale Person besteht
  • bei Verdacht unverzüglich die Polizei, Zollbehörde oder Küstenwache informieren.
  • niemals selbst in Gefahr bringen, besser im Lkw bleiben, bei Bedrohung die Polizei rufen.

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