Ambrosius - Die Familiensache

Oberschwäbisches Schmuckstück: Individuelle Verzierungen machen den Baumgärtner-Absetzkipper zum Hingucker
© Foto: Reiner Rosenfeld

Truckstyling darf auch Familiensache sein! Dass dabei ein echtes Kleinod wie der Ambrosius-Truck entstehen kann, beweist die Familie Kastelberger.


Datum:
22.10.2014
Autor:
Reiner Rosenfeld

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Wie beginnt man eine Reportage über einen wirklich ungewöhnlichen LKW und eine noch ungewöhnlichere Familie? Über einen Truck, der die Blicke von Passanten und Autofahrern auf sich zieht, wenn er durchs Städtle fährt und damit Show macht, ohne ein klassischer Showtruck zu sein? Und über einen Fahrer, der zum TRUCKER-Reporter sagt: "Dass du heute den LKW fotografieren darfst, hast du meiner Familie zu verdanken. Ohne die hätte ich einer Reportage nie zugestimmt. Denn in die Zeitung muss ich damit eigentlich nicht."

Dann erzählt Thomas Kastelberger aber doch lächelnd vom Moment, als er der Familie beim Abendessen eröffnet hat, dass TRUCKER den LKW porträtieren will. "Da sind unsere sechs Buben und Mädels aufgesprungen, Stühle sind umgestürzt und sie sind vor Begeisterung schreiend durch die Wohnung gelaufen!", berichtet Thomas. Danach haben Mama Daniela und die Kinderbande bei ihm mit der Überzeugungsarbeit begonnen. Schließlich sind Truckstyling und der Stolz auf den 18.400er-MAN im Hause Kastelberger Familiensache. Trotzdem dauerte es noch zwei lange Tage, bis das "Okay, ihr könnt fotografieren!" die Redaktion erreichte. Letztendlich konnte man im Kräfteverhältnis von 7:1 aber auch das Familienoberhaupt davon überzeugen, dass es der gepflegte silberne Absetzkipper verdient hat, in einem Fachmagazin vorgestellt zu werden.

Und dann spielt das Wetter beim Fotoshooting nicht mal richtig mit, zumindest nicht am Morgen des Tages, an dem wir Thomas mit Kamera und Notizblock begleiten. Da ist der Himmel über Weingarten im schwäbischen Schussental, wo Thomas' Arbeitgeber, der Entsorgungsbetrieb Baumgärtner, seinen Sitz hat, noch wolkenverhangen. Von Foto-Sonne keine Spur. Dafür steht Thomas am LKW und wienert Tautropfen vom silberfarbenen Lack, den er am Vorabend noch mit den zwölf- und sechzehnjährigen Buben Nico und Nils poliert hat. "Die beiden lieben es, mich beim Herrichten des Fahrzeuges zu unterstützen," strahlt der 43-Jährige und berichtet vom Frust der Jugendlichen, wenn sie mal nicht helfen können, den LKW zu waschen.

VIELE IDEEN FÜR DEN LKW KOMMEN VON DEN KASTELBERGER-KINDERN

Dass sich die Drei dabei jedes Wochenende richtig ins Zeug legen, ist dem 18 Monate jungen Fahrzeug anzusehen. Trotz Hunderter Rangiermanöver täglich, die Thomas beim Umsetzen, Aufnehmen, Abkippen oder dem Stapeln von Containern durchführt, und 78.000 gefahrenen Kilometern sehen Zugfahrzeug und Hänger noch aus wie neu. Doch das Truck-Engagement der Kastelbergerkinder geht noch viel weiter. Tatsächlich bringen oft sie die Ideen ein, wie der LKW aufgepeppt werden könnte. So stammt auch der neueste Einfall, die Leuchttafel mit Baumgärtner-Logo auf dem Dachspoiler, von ihnen. Die Idee begeisterte dann auch Chef Rudolf Baumgärtner so, dass er sich an den Kosten für dieses Stylingteil ausnahmsweise beteiligte. Für ihn rechnet sich's, wie er uns berichtet. Er bekommt von Kunden immer wieder positive Rückmeldungen für das ungewöhnliche Entsorgungsfahrzeug. Außerdem ist er glücklich über einen Fahrer, der jetzt schon 18 Jahre immens viel Zeit und Geld in die Gestaltung und den Werterhalt seiner Fahrzeuge investiert. Deswegen spendierte er seinem Mitarbeiter als Dankeschön am neuen MAN auch eine Kabine mit Bett. Üblich ist das nicht, wenn ein Entsorgerfahrzeug nur im Nahverkehr unterwegs ist. Vielleicht ist die lange Hütte aber auch ein Ausgleich für die Enttäuschung, dass Kastelbergers Neuer vor eineinhalb Jahren ein MAN wurde und nicht wie erhofft wieder ein Actros.

MIT DER FAMILIE ZUM LKW-TREFFEN, ABER OHNE DEN ENTSORGUNGS-LKW

Die Inspiration für das leuchtende Firmenschild auf dem Kabinendach haben sich die Kinder übrigens auf dem Passauer Trucktreffen geholt. Einziger Wermutstropfen beim Festival-Besuch: Papa Thomas bestand darauf, als einfacher Besucher mit dem PKW anzureisen. Ambrosius, wie der Familientruck nach langem Sinnieren von Thomas und Ehefrau Daniela getauft wurde, musste auf dem Parkplatz vor dem Haus im heimischen Tettnang bleiben. Wer übrigens meint, den LKW-Namen schon mal gehört zu haben: Ideengeber für den Namen ist der so ähnlich klingende, schusselige Professor Abronsius in Thomas Lieblingsfilm "Tanz der Vampire".

Nicht nur die Kinder liefern Beiträge zur Gestaltung des Trucks, auch Ehefrau Daniela hat ihre Finger im Spiel, wenn es ums MAN-Styling geht. Vor gut zwei Jahren suchte sie im Internet die ersten Truck-Accessoires für den MAN heraus. Damals wollte sie ihrem frustrierten Ehemann zeigen, dass es ein Leben nach dem Actros gibt und sich auch mit einem LKW aus Münchener Manufaktur Staat machen lässt. Thomas wollte sich bis dahin noch mit seinem MAN-"Kassengestell" durchs Leben quälen.

AUCH EIN GEPFLEGTES "STADTAUTO" KANN ZUM HINGUCKER WERDEN

Faktisch hat damit Daniela Kastelberger die Grundlage für den vermutlich schönsten Absetzkipper Oberschwabens geschaffen. Denn damals entstanden, zusammen mit Thomas, die ersten konkreten Pläne, wie man den MAN mit Dachscheinwerfern, Felgenblenden und einem Steinschlaggitter veredeln könnte. Danach war auch Thomas Feuer und Flamme für das Projekt und macht es sich seitdem zur Aufgabe, eigenständig Verzierungen für den LKW zu entwickeln. Zum Beispiel Spritzlappen für Zugfahrzeug und Anhänger, Frontlappen mit Stiholt-Aufschrift, Riffelbleche als sichere Trittstufen auf dem Unterfahrschutz oder ungewöhnliche Motive auf Klebefolien. Sogar ein spezielles Endrohr für den Auspuff entwickelte er zusammen mit der Baumgärtner-Werkstatt. Mit einer Kaufhauslösung wollte er sich nicht zufrieden geben. Die Fülle an sinnvollen und schmückenden Feinheiten, die Thomas bis heute am MAN umgesetzt hat, ist inzwischen kaum mehr zu erfassen. Erstaunlich, dass das Fahrzeug trotz der vielen Verschönerungen nicht überladen wirkt.

Und das Geld fürs Styling? "Das können wir uns leisten!", meinen Daniela und Thomas einträchtig. "Da wir eh' nie in den Urlaub fahren, investieren wir das Geld gerne in unseren geliebten Familientruck!"

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