Auf die Zukunft gebaut

Auf dem Damm, der Singapur von Malaysia trennt, staut sich täglich ein Strom von Lkw
© Foto: Claude Barutel

Singapur ist wie ein Labor für neue Konzepte der Transportbranche: City-Maut, Limits für die Fahrzeuganzahl, selbstfahrende Lkw im realen Einsatz. Doch Lkw-Fahrer haben in der Stadt der Zukunft ein gutes Auskommen.


Datum:
01.04.2019
Autor:
Redaktion TRUCKER

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Tag für Tag um die gleiche Uhrzeit ist der Johor-Singapur-Damm verstopft. Üblicherweise setzt dann auch ein unglaublich starker Regen ein - wie eigentlich immer am späten Nachmittag. Auf der einen Kilometer langen Straße, die Malaysia mit dem Inselstaat Singapur verbindet, blockieren Hunderte von Bussen, Autos und Lastwagen den Verkehr. Ein alltäglicher Albtraum für all jene, die den Damm nutzen müssen. Obwohl die Grenzposten außerordentlich effizient arbeiten, kommen sie angesichts dieser Flut von Fahrzeugen einfach nicht hinterher. Vor einigen Jahren wurde zwar eine Brücke gebaut, um den Damm als Verbindung zwischen den beiden Ländern zu entlasten. Seitdem ist die Bevölkerungszahl jedoch explodiert: Schätzungen gehen mittlerweile von 126.000 Fahrzeugen aus, darunter 4000 Lkw, die hier tagtäglich entlangfahren.

LKW-FAHRER KARIM IST
EIN PROFI AM STEUER

Inmitten dieses nicht abreißen wollenden Stroms von Fahrzeugen gilt Karim als alter Hase. Seit 20 Jahren sitzt er nun schon hinter dem Steuer, pendelt zwischen Malaysia und Singapur und liefert in dem Stadtstaat all das, was dieser dringend benötigt ... Elektroartikel, Maschinen jedweder Art und Nahrungsmittel. Mit über fünf Millionen Einwohnern ist Singapur gleich nach Monaco der am dichtesten besiedelte Staat weltweit. Für Landwirtschaft ist also ganz einfach kein Platz. Praktisch alles, was im Teller der Singapurer landet, wurde zuvor importiert, und Malaysia, das als einziges Nachbarland über eine Straße verbunden ist, sichert sich den Löwenanteil von diesem Lebensmittelhandel.

Karim mag Singapur nicht. Wie bei den meisten seiner malaysischen Kollegen ruft das kleine Land bei ihm eine Mischung aus Bewunderung und Abneigung hervor. Bewunderung dafür, was Singapur in nur wenigen Jahren erreicht hat. Es ist eines der am besten organisierten Länder geworden, das für seine Effizienz weltweit einen ausgezeichneten Ruf genießt. Aber eben auch Abneigung, denn einst gehörte dieses Territorium, das sich mittlerweile fest in chinesischer Hand befindet, den Malaysiern.

Es stimmt. Lässt man die Grenze zu Malaysia hinter sich, ist wirklich alles anders. Der Schock ist in etwa mit dem vergleichbar, den man auf einer Reise von Mexiko in die Vereinigten Staaten erlebt. Auf der einen Seite Korruption, Dritte Welt und Armut. Auf der anderen Seite der Überfluss, die Sicherheit und Organisation einer Industrienation. Karim muss Elektrogeräte ausliefern, die er zuvor am Stadtrand von Kuala Lumpur geladen hat. Nachdem er die Grenze hinter sich gelassen hat, geht es zügig voran. Sofern man sich an die zahlreichen Regeln hält, bereitet das Fahren in Singapur sogar Vergnügen, was auch so bleiben sollte.

KAMPFANSAGE AN DIE
VIELEN FAHRZEUGE

Tatsächlich ist Singapur schon jetzt bekannt für seine drastischen und kostspieligen Maßnahmen, mit denen der Pkw-Verkehr begrenzt werden soll. Der Kleinstaat - er misst die Fläche von gerade einmal rund 720 km², das ist knapp so viel wie die Stadt Hamburg - geht nun aber noch einen Schritt weiter. Aktuell fahren auf den Straßen von Singapur 600.000 Autos und die Regierung hat beschlossen, dass es bei dieser Zahl bleiben soll. In der Praxis bedeutet dies für den interessierten Käufer eines Neuwagens, dass er warten muss, bis ein anderes Fahrzeug auf dem Schrottplatz landet oder abgemeldet wird. Das sogenannte Certificate of Entitlement, das für den Autokauf benötigt wird, versteigern die Behörden zu horrenden Preisen. Für eine Limousine, die in Frankreich 30.000 Euro kosten würde, muss man in Singapur fast 100.000 Euro zahlen. In Singapur gibt es viele Reiche. Hier leben weltweit die meisten Millionäre und das Straßennetz ist beschränkt.

Transportunternehmer, die bereits zu den glücklichen Eigentümern zählen, sind begeistert. Die Reichen zücken ihr Portemonnaie und die anderen ... nutzen öffentliche Verkehrsmittel, die im Übrigen durch ihre Qualität imponieren. "Das Land ist einfach zu klein, sodass dies die einzige Möglichkeit ist, um die Zahl der Staus einzudämmen", sagt Arun, ein Fahrer, der Baustellengeräte transportiert. "Auch wenn die Bevölkerungszahl weiter steigt, wird die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge nun gleich bleiben."

Arun kommt ursprünglich aus Indien, lebt aber schon viele Jahre in Singapur. Er hat sogar eine Aufenthaltsgenehmigung, die er stolz vorzeigt. Die Hölle der Staus in indischen Großstädten kennt er nur zu gut. Er freut sich also über die neuen Maßnahmen. Ein Mangel an Demokratie hat nicht nur Nachteile, solange die amtierende Regierung zum Wohle des Landes entscheidet. Hier fragt man die Bevölkerung nicht nach ihrer Meinung und hat auch keine Angst davor, die kommenden Wahlen vielleicht nicht zu gewinnen.

ÄUSSERST STRENGE REGELN,
VIELE BEAMTE IN ZIVIL

Die Regeln sind strikt: Raucher werden erbarmungslos gejagt, Kaugummis sind verboten. Erst kürzlich musste eine Frau ein Bußgeld zahlen, weil sie in der U-Bahn ein Halsbonbon gelutscht hatte. Diese Nulltoleranzstrategie gilt auch für die Medien. Sie werden vom Staat kontrolliert, halten sich bedeckt und vermeiden jedwedes heikle Thema. In der Stadt wimmelt es von Beamten in Zivil, die sich unter die Einwohner mischen und dafür sorgen, dass die Vorschriften zur Sauberkeit beachtet werden - und immer dabei sind Kameras, die wirklich alles filmen. 500 Dollar für einen achtlos auf den Boden geworfenen Zigarettenstummel, bis zu 1000 Dollar für ein Blatt Papier - und das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Es gibt fast keine Kriminalität, alle sind höflich und die Sauberkeit könnte sogar der Schweiz ein Vorbild sein. Für Arun war das alles zunächst ein Schock. Er hat sich aber rasch an die neuen Gegebenheiten gewöhnt und schätzt es mittlerweile sehr, in einer gesunden, sauberen Umwelt zu leben und zu arbeiten.

RIESIGE CONTAINERSCHIFFE
IN SINGAPURS HAFEN

Im Restaurant neben dem Eingang zum Hafen ist es ruhig - ruhiger als in einer Kirche unter der Woche. An die zehn Fahrer schlingen hier ihr Essen in sich hinein. Der einzige Begleiter ist das Display ihrer Handys. Stumm zeigt ein Fernseher an der Wand Bilder, die niemanden zu interessieren scheinen. Ein indischer Fahrer reibt sich gedankenverloren am Ohrring und starrt in die Luft. Er ist völlig übermüdet.

Draußen fahren unablässig Lastwagen vorbei. Der Hafen von Singapur ist nach Shanghai der zweitgrößte Containerhafen weltweit und Haupteinnahmequelle des Landes. Aufgrund seiner strategischen Lage zwischen Europa, Asien und dem Nahen Osten ist er eine unverzichtbare Transportplattform geworden. Auf engstem Raum bietet Singapur eine perfekte Lagerung und einen optimalen Containerumschlag. Nun hat die Regierung den Bau eines neuen Hafens beschlossen, ein gigantisches Vorhaben: Das riesige Terminal besteht aus 222 Boxen, die im Meer versenkt werden und deren Abmessungen jeweils einem zehngeschossigen Gebäude gleichkommen. Mit der Automatisierung der Krane und den neuen Hafenanlagen wird die Produktivität weiter steigen, der Containerumschlag soll von jetzt 33,6 auf 65 Millionen Standardcontainer (TEU) verdoppelt werden. Zum Vergleich: In Hamburg werden jährlich rund 8,8 Mio. Container umgeschlagen.

VOM HIMALAJA ANS
SÜDCHINESISCHE MEER

Vor Lkw-Fahrer Arun steht ein Fisch-Currygericht. Er erzählt seine Geschichte, die ihn von den Bergen des Himalaja an die Ufer des chinesischen Meeres geführt hat. Fahrer wurde er durch seinen Einsatz im nun schon seit Jahrzehnten andauernden Konflikt zwischen Indien und Pakistan. "Während meiner Zeit in der indischen Armee konnte ich den Lkw-Führerschein machen und meinen Beruf erlernen", erzählt er mit sichtlichem Stolz. "Dann wurde ich direkt in die Provinz Kaschmir geschickt, wo ich die Truppen an der Front in über 5000 Höhenmetern versorgen musste."

Für den Fahrunterricht in einer rauen Umgebung kann man sich eigentlich keinen besseren Ort vorstellen. Erdrutsche, Schneefall und nicht enden wollende Lkw-Konvois auf den Höhenstraßen waren viele Jahre lang sein Alltag, bis er das Militär verließ. Dank dieser Erfahrungen - und einer ordentlichen Summe, die Arun einem Beamten gezahlt hat - bekam er dann auch seinen ersten Job als Fahrer in Singapur. Bei seiner Ankunft war für ihn natürlich alles Neuland. Durch die Disziplin, die er beim Militär erfahren hat, hat er sich jedoch rasch an die ebenso strenge Disziplin gewöhnt, die in seinem neuen Land herrscht. Am Steuer seines Fuso transportiert er mittlerweile Baustellengeräte quer durch die Stadt und dankt den Sternen immerzu für all das Glück, das ihm widerfahren ist. Ein Monatslohn von 3000 Euro und alle zwei Jahre eine Reise nach Indien, an deren Ende seine Frau mit der Zuverlässigkeit eines Schweizer Uhrwerks schwanger ist, machen aus ihm einen ganz besonders glücklichen Mann.

SELBSTFAHRENDE LKW
GEGEN DEN FAHRERMANGEL

Auf den Straßen Singapurs trifft man viele indische Staatsbürger, denn dem Land fehlt es an Fahrern. Es fördert die Zuwanderung, um diesen Mangel zu beheben. Und es ist einer der Gründe, warum die Regierung von Singapur als Pionier auftritt und in Zusammenarbeit mit Scania und Toyota die ersten selbstfahrenden Lastwagen auf die Straßen bringt. Sie transportieren Container zwischen den Hafenterminals hin und her. So einfach das Prinzip ist, so schwierig ist die Umsetzung: Konvois aus vier Lastwagen, an deren Spitze sich ein selbstfahrender Lkw befindet, dem die drei anderen mit einem Großaufgebot an Steuertechnik aus GPS, Radar und WLAN folgen.

Langfristig sollen auch das Löschen und Anlegen voll automatisiert werden, um die Produktivität weiter zu steigern. Die Transportunternehmen profitieren doppelt: Sie müssen sich nicht mehr in anderen Ländern auf die Suche nach Fahrern begeben, die sich über kurz oder lang in dem völlig überbevölkerten Singapur niederlassen, und sparen zudem Kraftstoff, da die Folgefahrzeuge dicht hintereinanderfahren und so den Luftwiderstand verringern. Auch die Erwartungen der Regierung sind groß, denn zwölf Prozent der Fläche des Landes sind den Straßen und Autobahnen vorbehalten. Jede Idee, die eine Reduzierung des Verkehrsflusses birgt, ist erwünscht. Das kleine Land ist ein lebendiges Labor für neue Konzepte der Transportbranche, um die Produktivität zu erhöhen und die Straßennetze zu optimieren. Singapurs Fahrer leben in der Stadt der Zukunft.

Autor: Claude Barutel


Singapur: Synonym für Wirtschaftskraft

Der Stadt- und Inselstaat Singapur liegt tief südlich vor Malaysia und ist seit 1965 unabhängig. Dank seiner außergewöhnlichen maritimen Lage wurde es zu einem Handels- und Finanzzentrum mit der größten Konzentration von Millionären vor den Golfstaaten - ganz ohne natürliche Ressourcen. 5,5 Millionen Einwohner, hauptsächlich Chinesen, leben hier und produzieren das weltweit drittgrößte BIP pro Kopf. Man muss sich wegen der niedrigen Fruchtbarkeitsrate auf starke Einwanderung verlassen, um das Wachstum aufrechtzuerhalten und den Arbeitskräftemangel zu überwinden. Singapur gilt als "autoritäre Demokratie".  

Autor: Claude Barutel


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