BKF-Azubis in Wetzlar haben Bock auf Bock

BKF-Azubis an der Werner-von-Siemens-Berufsschule in Wetzlar
© Foto: Gerhard Grünig

Junge Leute begeistern sich wieder für den Fahrerberuf. TRUCKER drückte mit Azubis die Schulbank und fragte nach ihrer Motivation.


Datum:
18.01.2014
Autor:
Gerhard Gruenig

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Mäßiges Image, maue Bezahlung, Mangel an Fahrern - Probleme, mit denen sich die Transport- und Logistikbranche auseinandersetzen muss. Doch zuletzt schien Licht am Ende des Tunnels zu schimmern. Denn in einigen Regionen nimmt das Interesse am Fahrerjob wieder zu, die Zahl der BKF-Azubis steigt.

TRUCKER war in der Werner-von-Siemens-Berufsschule in Wetzlar zu Besuch und hat sich mit acht Azubis aus allen drei Lehrjahren über den Grund für die Berufswahl und ihre Zufriedenheit im Job unterhalten. Die Wahl fiel auf Wetzlar, weil die dortigen Dozenten, allen voran Jörg Biemer und Roland Macht, über den Lehrerjob hinaus erhebliches Engagement aufbieten, um junge Menschen für den Beruf zu begeistern. Unter anderem haben sie eine Ausbildungsinitiative gegründet (s. Interview S. 85), die zusammen mit Verbänden und Transportunternehmen zeigt, wie interessant der Job ist.

Geld mag nicht alles sein, aber eine ordentliche Bezahlung ist nun mal wichtig fürs Selbstverständnis, aber vor allem die Möglichkeit, davon leben zu können. "Die Einstiegsgehälter für BKF-Azubis variieren", erläutert Jörg Biemer. "Es gibt Unternehmen mit einem Anfangslohn von 450 Euro im ersten Lehrjahr. Ich denke aber, dass es auf Dauer schwierig sein dürfte, für dieses Salär gute Auszubildende zu finden!"

Als "normal" bezeichnet Biemer 700 Euro im ersten, 900 im zweiten und über 1000 Euro im dritten Ausbildungsjahr. "Zumal die jungen Azubis schon recht bald die gleiche Arbeit machen wie die ausgelernten Fahrer!" Und wie es nach der Lehre weitergeht, hängt vom Arbeitgeber ab. Mathias Förster, angehender Auslieferfahrer bei Coca Cola, rechnet mit 2000 bis 2500 Euro Bruttolohn. "Zudem bezahlt unsere Firma Spesen, Urlaubs- sowie Weihnachtsgeld." In dem Punkt kann Mathias also halbwegs beruhigt nach vorn schauen.

HAT DER JOB TATSÄCHLICH NOCH EIN IMAGEPROBLEM?

Dozent Jörg Biemer stellt durchaus noch ein gewisses Imageproblem fest: "Viele schämen sich noch immer, im Freundes- und Bekanntenkreis auf Anfrage 'Ich bin Berufskraftfahrer' zu sagen". Azubi Maximilian Schneider hält dagegen: "Ich hatte noch keine Probleme, wenn ich den Leute erzählt habe, was ich beruflich mache!"

Am runden Tisch ist die Meinung der BKF-Azubis einhellig: "Ohne LKW gibt's keine Versorgung. Das wird den Leuten inzwischen bewusst. Also ist unser Job durchaus zukunftsfähig." Und alle sind sich einig, dass man als BKF etwas "in der Birne haben muss".

Unterstützt werden sie in der Argumentation von Holger Dechant, Mitglied der Geschäftsleitung von Universal Transport und damit Chef der beiden Azubis Sebastian Sommer und André Lauth. "Die Zeiten sind doch längst vorbei, wo es hieß, ,1000 Watt im Arm und oben brennt keine Lampe'!" Nach Ansicht Dechants hat sich der Arbeitsplatz LKW in den letzten 30 Jahren dramatisch verändert. "Klar gibt es heute viel mehr Komfort. Aber die Fahrzeuge sind komplexer, die Fahrer müssen viel mehr über Paragraphen und Transportregularien wissen. Da braucht's Menschen mit Intelligenz."

Umso mehr ist der Logistik-Spezialist enttäuscht, wenn er sieht, wie andernorts mit Fahrern umgegangen wird. "Neulich fuhren wir als Sub für einen großes Transportunternehmen. Weil's Probleme gab, konnte unser Chauffeur nicht mehr am Freitagabend entladen." Also habe er ihm einen Leihwagen spendiert, damit er das Wochenende zuhause verbringen konnte. Die Rechnung sollte der Auftraggeber bezahlen - "das gab ein Geschrei".

"So ein Laden muss sich nicht wundern, wenn er von Fahrermangel geplagt wird. Wenn man so mit den Leuten umgeht!" Dechant fährt eine andere Strategie - und die kommt bestens bei seinen Azubis an. "Ich habe immer eine offene Tür für die Belange der Fahrer, wir haben junge und gut ausgestattete Fahrzeuge und bezahlen leistungsgerecht." Der Geschäftsführer räumt aber ein, dass man sich einen Teil des Lohns über Verbrauchsund Schadensfreiheitsprämien erst mal verdienen muss.

VERANTWORTLICH FÜR ÜBER EINE MILLION EURO

Dass man durchaus stolz sein kann auf den Fahrerjob, verdeutlicht Salih Ates. "Mein Chef schickt mich mit Warenwerten von über einer Million Euro auf Tour. Wer kann im normalen Leben schon von sich behaupten, dass er mit so viel Kohle zu tun hat? Ich wiederum bin froh, dass mir so viel Vertrauen entgegengebracht wird." Salih ist auch ein wenig stolz darauf, dass er einen Gliederzug fährt und inzwischen mit dem Drehschemelanhänger sehr gut umgehen kann. Weil er schon im dritten Lehrjahr angekommen ist, rückt die Prüfung näher - und damit auch gewisse Bedenken, dass man eventuell in der Theorie versagen könnte. "Die Anforderungen sind schon recht hoch. Es ist eine Menge Wissen, die vermittelt wird. Und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie man so etwas in einer verkürzten Ausbildung von 140 Stunden lernen soll."

DIE MOTIVATION ZIEHT JEDER AZUBI AUS ANDERER QUELLE

Mit seiner Prüfungsangst ist Salih nicht alleine. Längst ist allen klar, dass man für eine Kaufmannslehre nicht weniger wissen muss. Aber alle sind sich einig, dass man kein Schreibtischtäter sein möchte. Auch wenn Matthias froh ist, jeden Abend zuhause zu sein, während es Sebastian in die Ferne zieht.

Die Segnungen des Fahrerjobs werden von den Meisten gleich eingeschätzt: "Der Digi-Tacho hat schon dazu geführt, dass die Regeln genauer eingehalten werden. Solche Auswüchse wie früher gibt es heute nicht mehr - schon weil der Chef bei negativen Kontrollen den Ärger mit abbekommt!"

Das Thema Telematik scheidet die Geister: "Teils geht es in Richtung Überwachung", meint Florian nachdenklich. "Ich sehe es vor allem aus dem Aspekt der Ferndiagnose, des optimierten Kraftstoffverbrauchs und einer verbesserten Kommunikation", entgegnet Nico. "Ist doch gut, dass wir uns heute jederzeit und überall melden können. Wer hat schon Lust wie früher Telefonzellen zu suchen."

Zumindest nach einem Tag in der Schule in Wetzlar sieht es so aus, als müsse man sich über die Zukunft des Berufsstands keine Sorgen machen. Schlagworte wie "Fahrermangel", "Imageproblem" und "Niedriglohn" sind längst ersetzt durch "intelligente Routenplanung", "LaSi-Spezialist" oder "Transportmanager". Jetzt muss nur noch in der Bevölkerung ankommen, was für wiefe Jungs (und immer mehr Mädels) da hinterm Lenkrad sitzen.

HASHTAG


#BKF-Azubi

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