Bolivien: Eine Reise zum größten Salz-Speicher der Erde

Er lebt vom Salz: Trucker Carlos, Bewohner des bolivianischen Hochlands
© Foto: Richard Kienberger/foto-text.com

Im Hochland von Bolivien erstreckt sich der Salar de Uyuni, die weltweit größte Salzpfanne, auf einer Fläche, die fast ein Drittel der Größe der Schweiz beträgt. In der Nähe des Dorfes Colchani wird das Salz mit archaischen Methoden abgebaut. Zum Beispiel von Carlos Andres Lopez Lopez.


Datum:
21.07.2014
Autor:
Richard Kienberger

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Schmatzend ziehen die abgefahrenen Reifen die dicke, weiße Suppe nach oben. Wie in Zeitlupe zerlegen sich die zähen Schlieren in Tropfen, die vor dem schwarzen Gummi aussehen wie schimmernde Perlen. Langsam und vorsichtig bewegt Carlos Andres Lopez Lopez seinen Truck durch die aufgeweichte Salzkruste. Es ist der Übergang in eine schöne, gefährliche Welt, und nicht alle, die hier durchkommen, sind aufmerksam genug, um diese letzte Warnung zu lesen: Wer sich durch das kurze Stück Salzsumpf wühlt, muss gut vorbereitet sein. Muss wissen, wie man in einer lebensfeindlichen Umgebung, in der außer Menschen und einer besonderen Flamingoart keine Lebewesen vorkommen, überlebt. Der Salar de Uyuni erinnert an die alte Weisheit, dass es immer auf die Dosierung ankommt: Eine Prise Salz macht eine Suppe schmackhaft - aber eine Salzpfanne, die sich über Dutzende Kilometer bis weit hinter den Horizont erstreckt, ist so bedrohlich wie eine Sandwüste, die einen Menschen achtlos verschlingt und vielleicht nicht einmal eine Spur zurücklässt. Bis zu 72 Meter tief ist der Salar de Uyuni und vor allem in der Regenzeit gespickt mit Sümpfen, in die man hinein-, aber aus denen man nicht wieder herausfahren kann. Doch hier im Altiplano, dem bolivianischen Hochland, sollte man vielleicht eher von der Höhe sprechen. Auf 3600 Meter liegt der Salzsee, die Einheimischen sind an die dünne Luft gewöhnt. Doch für Fremde und Touristen, die im Altiplano unterwegs sind, stellt die Höhe eine zusätzliche Herausforderung dar. Das Atmen fällt schwer, die peinigenden Kopfschmerzen verschwinden erst nach ein paar Tagen, doch das Erstaunen bleibt: Wie kann man auf dieser Höhe Fußball spielen, im Laufschritt weidenden Lamas nachjagen, Schwerstarbeit verrichten?

MIT EINEM BETAGTEN TRUCK RATTERTC ARLOS DURCH DEN SALZSUMPF

Denn genau das ist es, was Carlos Andres Lopez Lopez an diesem Sonntagvormittag tun wird, an dem er uns erlaubt hat, ihn hinaus auf die gleißende weiße Fläche zu begleiten. Bis zu dem Salzsumpf hat der betagte Truck von Carlos schon eine kleine Tortur hinter sich, auch wenn der verstaubte Flecken Colchani, in dem der junge Bolivianer in der Avenida Ferroviaria wohnt, lediglich eine Handvoll Kilometer entfernt liegt. In den Salar führen nur raue Pisten auf lehmigen Böden, die gerade jetzt, in der Regenzeit, in unbeschreiblichem Zustand sind. Selbst mit gut gefederten Geländewagen kann man die welligen Zufahrten, die wie weit auseinander liegende Spinnenfäden den Salzsee mit dem Rest Boliviens verbinden, nicht mehr "fliegen", sondern muss sich im Schritttempo von Schlagloch zu Schlagloch vorantasten.

Nachdem der Salzsumpf unmittelbar hinter dem kleinen Gedenkstein, der den Beginn des Salar markiert, durchwatet ist, stellt das Fahren kein Problem mehr dar. In dieser Ecke bedeckt eine stabile harte Kruste den Salar, auf der sich auch Busse und Lastwagen bewegen können. Die Luft ist ungewöhnlich klar, Geräusche tragen meilenweit, und ein schneidend kalter Morgenwind hat die Kälte der Nacht abgelöst. Die Sonne brennt sich, von den Salzkristallen vielfach gebrochen und reflektiert, in die Augen. Spuren von den Salztrucks und den 4x4-Fahrzeugen, mit denen die Touristen über den See gefahren werden, durchbrechen das regelmäßige Muster, mit dem sich das Salz an der Oberfläche abgelagert hat. Fast wie Bienenwaben sehen die kleinen vieleckigen Salzfelder aus, die sich bis zum nächsten Wasserloch aneinanderreihen. Schaut man in Richtung Nordwest, besteht die Welt nur aus zwei Teilen, das Weiß des Sees verbindet sich am flirrenden Horizont mit dem Tiefblau des Himmels.

Carlos stellt seinen Nissan an einer Stelle ab, an der das Salz schon teilweise weggekratzt worden ist, so dass der lehmige Untergrund durch die Salzreste schimmert, die wie ein Schleier zurück geblieben sind. Die letzten Tage hat er hier gearbeitet, es ist fast wie die Ernte der Bauern, die in dieser Jahreszeit auf ihren Feldern arbeiten, um das reife Inka-Getreide Quinoa zum Dreschen heimzubringen. Wie eine Feldfrucht wächst das Salz und wird geerntet. Drei bis vier Monate werde es dauern, erzählt der junge Mann, bis das Mineral wieder nachgewachsen ist. Der lehmige Untergrund ist getränkt vom Salz, das an die Oberfläche drängt und einigen Familien in Colchani und anderswo ihr Auskommen sichert. Carlos bereitet sein einfaches Werkzeug vor: Schaufeln und Kratzer sowie eine Hacke. Dazu zwei alte weiße Plastikkanister mit Wasser - der Inhalt ist nicht für ihn bestimmt. Diese Reserve ist für den Truck gedacht, es könnte ja sein, dass der alte Nissan zwischendurch Durst bekommt.

DER NISSAN IST NICHT NUR ALT, ER IST EINE ANTIQUITÄT

Es ist kurz vor acht Uhr morgens, als der Salztrucker mit seiner eigentlichen Arbeit beginnt. Sein Gesicht hat er gegen die intensive Sonnenstrahlung und den Wind mit einer olivgrünen Wollmaske geschützt, die nur zwei ovale Löcher für die Augen frei lässt. Der schmale Schlitz vor dem Mund ist zugenäht, so als würde sich Carlos Andres Lopez Lopez verbieten, während der Arbeit zu sprechen. Etwa zehn Minuten lang kratzt er mit einem offenbar selbst gebauten Schaber das Salz zusammen, danach wird er für den Rest dieses Tages nur noch die breite Schaufel mit dem kurzen Stil benutzen. Der Mann erinnert an eine dieser alten Wanduhren, deren Federwerk man jeden Tag spannen muss. Gleichmäßig messen sie die Zeit, doch wenn man sie aufgezogen hat, kommt es einem vor, als würden sie schneller laufen. Jetzt ist Carlos noch frisch aufgezogen, steckt voller Energie. Würdigt die aus Holzpaneelen gezimmerte Ladefläche, die auch nach einigen hundert hoch gewuchteten Schaufeln noch fast leer wirkt, mit keinem Blick. Arbeitet stoisch weiter, das regelmäßige Kratzen der Schaufel ist der einzige Ton, der die Stille auf dem Salar de Uyuni unterbricht.

Als eine Fläche beiderseits des Trucks abgeerntet ist, muss Carlos den Nissan ein Stück weiter bewegen - und in dem Moment wird klar, dass das Vehikel nicht nur ein etwas älterer Lastwagen ist. "Ja, das ist eine Antiquität," sagt Carlos mit lachenden Augen, als er eine abgegriffene Kurbel vorne durch die Stoßstange steckt und der Motor nach zwei oder drei kräftigen Umdrehungen hustend anspringt. So eine Rarität ist selbst in Bolivien ungewöhnlich. Wie alt der Nissan ist, weiß er nicht. Aber für die Arbeit im Salz ist ein Uralt-Laster vielleicht genau das richtige Arbeitsgerät. Um einen neuen Truck wäre es viel zu schade, denkt man unwillkürlich. Wie lange würden ein neuer Actros, TGX oder Stralis diese Tortur eigentlich aushalten? Wenn sich das tückische Salz erst einmal einen Weg in eines der schicken Elektronikbauteile gesucht hat? Elektronik gibt es in Carlos' Antiquität natürlich nicht, nur Elektrik: Unter dem Lenkrad finden sich etliche Kabel, welche davon noch eine Funktion haben und welche überflüssig sind, wer weiß das schon. Die meisten sind rot, doch die wirklich wichtigen sind das grüne und das weiße Kabel: Verbindet der Fahrer die freigelegten Kupferlitzen an deren Ende, kann er den Motor starten. Zum Abstellen werden sie getrennt.

ERFINDUNGSREICHTUM HILFT BEI DER TÄGLICHEN ARBEIT

Gegen zehn Uhr füllt sich die Ladefläche zusehends. Jetzt bekommt auch die leere Plastikflasche, die der junge Salztrucker zwischen die Stirnwand der Ladefläche und die arg verbogene linke Bordwand geklemmt hat, allmählich eine Funktion: Mit einfachen Mitteln verhindert er so, dass das mühsam hoch geschaufelte Salz wieder auf den See rieselt. Nach einer weiteren Stunde hat es Carlos Andres Lopez Lopez geschafft: Er hat genug Salz auf die hölzerne Ladefläche geladen, um den Heimweg antreten zu können.

Zuletzt hat das Uhrwerk merklich an Schwung verloren. Ist langsamer geworden in seinen Bewegungen und hat immer wieder ausgesetzt, um zu Atem zu kommen. "Sechs Tonnen," antwortet Carlos knapp auf die Frage, wie viel Salz er inzwischen auf seinen Nissan geschaufelt hat. Sechs Tonnen hoch wuchten, später im Dorf sechs Tonnen abladen. Schaufel für Schaufel, auf 3600 Meter Höhe. 24 Jahre jung ist Carlos, er hat das Salzgeschäft von seinem Vater geerbt und arbeitet jetzt seit einem Jahr auf dem See. Wie lange kann man so einen Job machen, bevor der Körper aufgibt, verschlissen von der Arbeit mit der Schaufel, den immer gleichen Bewegungen und der Sonne und der lebensfeindlichen Umgebung? Daran denken die Salztrucker vermutlich nicht, vor allem nicht, wenn sie noch jung sind wie Carlos. Sie sind zuerst einmal froh, in diesem armen Land einen Job zu haben, der vergleichsweise gutes Geld bringt.

DER KOLBENFRESSER WIRD AM STRASSENRAND REPARIERT

Auf dem Rückweg von Colchani über Uyuni nach La Paz halten wir noch einmal Ausschau nach Poli, der seinen Lebensunterhalt ebenfalls mit einem antiken Nutzfahrzeug bestreitet, auch wenn der VW made in Brasil noch nicht so viele Winter gesehen hat wie der Nissan auf dem Salzsee. Poli war unterwegs von Uyuni nach Potosi, als sich rund 20 Kilometer vor der Provinzhauptstadt, die für ihre Silberminen bekannt ist, ein Kolben des alten VW-Vierzylinders gefressen hat. Am Straßenrand beginnt das erste Kapitel der Reparatur. Mit drei Helfern baut der LKW-Fahrer den Motor aus.

In den Gesichtern der ölverschmierten Mechaniker fallen die seltsam ausgebeulten Backen auf, als wären die vier Männer unisono von kaputten Zähnen geplagt, die ihnen das Gesicht anschwellen lassen und die Züge verzerren. Doch es sind nur die schweren Ladungen an Kokablättern, die sie sich in den Mund geschoben haben. Eine Alltagsdroge, die in Bolivien weit verbreitet ist und helfen soll, die Strapazen - vor allem in der Höhe - besser zu ertragen.

Auf dem Asphalt des Highway 5 liegen Dutzende Teile, die normalerweise gut verdeckt vom Fahrerhaus rund um ein LKW-Triebwerk verbaut sind. Öl sucht sich einen Weg in den betonierten Straßengraben, als die Crew den Motorblock mit Hilfe eines schweren Dreifuß, an dem ein Flaschenzug hängt, auf die Straße wuchtet. Aber nachdem er immerhin eingesehen hat, dass so ein Havarist am Straßenrand nicht ungefährlich ist, wolle er versuchen, den Laster nach dem Ausbau des defekten Motors an eine sichere Stelle schleppen zu lassen, murmelt Poli, der den Mund wegen der Kokablätter kaum aufbringt.

Das ist ihm offenbar gelungen, denn auf dem Rückweg ist nur noch der alte VW zu sehen - mit Segeltuchplanen gut verpackt steht er am Eingang zu einem Dorf und wartet darauf, dass die Operation am offenen Herzen erfolgreich verläuft: "Den Motor bringen wir nach Potosi, dort wird er repariert, dann bauen wir ihn wieder ein. Je nachdem, wie lange das dort dauert, werde ich wohl vier Tage oder so stehen," hatte der ausgebremste Fahrer mit stoischer Ruhe erklärt. Vier Tage, an denen Carlos Andres Lopez Lopez wieder hinaus fahren wird auf den weißen See, um schweigsam und zäh jeweils sechs Tonnen Salz auf einen uralten Lastwagen zu schaufeln. Das Salz der Erde, das ihm pro Fuhre 380 Bolivianos einbringt und das für ihn deshalb das Leben bedeutet.

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