Das Duell: G 63 AMG gegen Actros SLT 4163

Ungewöhnliches Kräftemessen: G 63 AMG gegen Actros SLT 4163
© Foto: Claws Tohsche

"63 gegen 63" lautet das Daimler-interne Duell, bei dem der G 63 AMG den Actros SLT 4163 herausfordert.


Datum:
02.03.2016
Autor:
Gerhard Gruenig

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Nebel wabert über den aufgelassenen Flugplatz mitten im Nirgendwo - aus der Ferne nähert sich undefinierbares Grollen. Die Wattewand reißt auf, ein Riese betritt formatfüllend die Szene: Langsam rollt der silbern glänzende Actros 4163 SLT vor dem verlassenen Tower aus. Zischend aktiviert der Fahrer die Feststellbremse. Der Bass-Sound des Motors erstirbt. Der mächtige Vierachser wartet im Bewusstsein seiner Kraft auf seinen Herausforderer.

Dann zerreißt wildes Auspuffgewummer die Luft - ein schneeweißer G 63 AMG schießt heran, kommt mit quietschenden Reifen neben dem Riesen zum Stehen. Fordernd lässt der Fahrer den V8 ein paar Mal aufheulen, die Karosse bebt unter der Wucht der auf und ab hetzenden Kolben. Es ist, als würden die mächtigen Sidepipes des kantigen G-Modells dem Actros eine Herausforderung zum Duell entgegenschreien.

Ginge es lediglich um die Akustik, der Achtzylinder des G hätte das Duell schon im Stand gewonnen. Bösartig, ja rotzig trompetet es aus den vier Sidepipes. Knallend entzündet sich unverbrannter Kraftstoff im weiten Geläuf der Auspuffschlangen - ein Sound zum Niederknien. Das kann kaum ein Ami-V8 besser.

Trotz des aggressiven Geballers kann der Fahrer am Volant des G den Actros-Chauffeur nicht einschüchtern. Die Herausforderung steht! Beide Mercedes rollen zur Startlinie. Der Klassiker: ein klassisches Flugplatzrennen. Erwartungsgemäß verbläst der AMG den SLT gnadenlos. In 5,4 Sekunden stürmt der geländegängige Ziegelstein auf Rädern auf 100 km/h- um dann bis auf die abgeregelten 210 km/h zuzulegen. Das stets präsente und süchtig machende Auspuffgeboller weicht ab 180 km/h orkanartigen Windgeräuschen. Die verraten, dass die kastige Karosserie vor fast 40 Jahren entworfen wurde.

WIE IM FILM: MANCHMAL KOMMT DER SLT 4163 DEM G 63 AMG VERDAMMT NAHE!

Gegen den Power-Offroader scheint der Actros in Zeitlupe zu beschleunigen - bis er bei 90 km/h abgeregelt wird. Windgeräusche? Kaum. Kurvengeschwindigkeit: Im Gegensatz zum AMG enorm! Mit ausgeschaltetem ESP driftet(!) der Vierachser über alle vier Achsen und mit wimmernden Reifen durch die Kurven. Wie ein gut abgestimmter Rennwagen lässt er sich mit ein wenig Gegenlenken und mit ausschwenkendem Hintern wunderbar kontrolliert und mit über 80 km/h durch die Kurve hetzen.

Ganz anders der G: Sein ESP-Schutzengel bremst den hochbeinigen Allrader trotz seiner fetten Socken im 275er-Format in der engen Kurve auf 65 km/h - da kann der Fahrer noch so an der altmodischen Kugelumlauflenkung kurbeln. Trotzdem reicht die Power auf der Geraden, um das Startbahn-Oval in 80 Sekunden zu umrunden. Der Actros lässt sich - auch noch so engagiert bewegt - zwei Minuten Zeit.

Wäre der G 63 AMG so schnell wie laut, er würde selbst einen Ferrari in die Schranken weisen. Bei Topspeed schwillt der Schallpegel am Fahrerohr auf deutliche 93 dB(A) an - so laut ist auch ein moderner Düsenjet ... Der Actros bleibt dezent: Seine Stimme erhebt sich bei Top-Speed nur auf 75 dB(A). Irgendwie klar: Wer mit dem AMG auf der Leopoldstraße in München oder der "Kö" in Düsseldorf herumproletet, will gehört werden. Wer im SLT mit 150 Tonnen am Haken auf Tour geht, mag's meist lieber leise.

Jetzt ist es an der Zeit, Wertungen zu fahren, bei denen der Riese eine reelle Chance hat. Also geht's beim vierten Duell von 0 aufs Maximaltempo und wieder zurück auf 0 km/h. 28,5 Sekunden stehen auf der Stoppuhr, dann hat der G mit qualmenden Reifen 210 km/h erreicht und mit rauchenden Radhäusern wieder auf 0 reduziert. Der Actros ist schneller! Geschenkt, dass er nur bis 90 muss. Zumindest haben die acht gewaltigen Scheibenbremsen absolut keine Mühe, den silbernen Riesen zum Stoppen zu bringen.

Jetzt will es der G-Lenker wissen - die alte Weltordnung muss wiederhergestellt werden. Duell Nummer fünf: ein Rennen über die berühmte Viertelmeile - aber rückwärts gefahren.

Die Startflagge senkt sich, der SLT-Kutscher schaltet flott in den höchsten der vier Rückwärtsgänge und durcheilt die Lichtschranke nach 38,8 Sekunden. Sein Chauffeur bekommt sich vor Lachen kaum ein. Als der Dicke durchs Ziel donnert, hat der weiße Ziegelstein gerade mal die Hälfte der Strecke bewältigt. Denn der Allradklassiker wird bei 25 km/h gnadenlos abgeregelt. 61,5 Sekunden zeigt die Stoppuhr für den G an. Das letzte Duell läuft ohne den Actros-Fahrer, der ist schon mal 'nen Kaffee trinken gegangen ...

AM ENDE DES DUELLS WIRD ES LAUT: DIE 100 DB(A)-MARKE FÄLLT SCHNELL

Nochmal steht ein Sound-Check an, und zwar direkt am Auspuff und bei den Fanfaren - denn Hupen sind das nicht mehr. Mit 96 dB(A) trompetet es aus den vier Rohren. Ehe die heißen Abgase das Geräuschmessgerät abfackeln, messen wir den Actros: ebenfalls 96 dB(A) und damit Gleichstand. Also könnten allenfalls die Trompeten von Jericho den G noch retten. Auf 102,2 dB(A) bringt es die vergleichsweise dezente Doppeltonfanfare des AMG. Beim SLT macht der Kompressor den verchromten Dachfanfaren ordentlich Druck und schießt das Messgerät in den Error-Bereich!

Der SLT verlässt erhobenen Hauptes den Kampfplatz. Mit 6:2 gewinnt er deutlich gegen seinen weißen Radaubruder. Langsam rollt er in die wieder aufziehende Nebelwand, bis sich sein Sechszylinder-Säuseln im Nebel verliert.

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