Der Löwenflüsterer

Selbstfahrer zu sein, ist heute alles andere als leicht. Wie es trotzdem Spaß macht, zeigt Jan Baumann
© Foto: Richard Kienberger

Man muss mutig sein, Biss haben und zur rechten Zeit Stärke zeigen als Selbstfahrer in der Branche. Dass es auch Spaß macht, zeigt Jan Baumann.


Datum:
23.06.2014
Autor:
Michael Simon

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Der König ist tot, es lebe der König! Nachdem der Vorgänger abgedankt hat, gebietet ein neuer Herrscher über die Wälder und Straßen der Schwäbischen Alb: Seinen Workingtruck kürte Selbstfahrer Jan Baumann aus Laichingen zum König der Löwen.

Der "König der Löwen 3", so der vollständige Name des MAN, entstammt einer ansehnlichen Herrscher-Dynastie. Der schwarze TGX 18.540 tritt in die Fußstapfen der ersten beiden LKW, die Baumann seit seiner Selbständigkeit fuhr - auch sie trugen diesen Ehrfurcht gebietenden Namen. Doch keiner seiner Vorväter kam dem neuen "Monarchen" an Glanz gleich. "Du willst dich ja auch mit dem Auto sehen lassen können", schwärmt der Löwendompteur Baumann leise. Schon immer hatte er ein Faible für die Verschönerung seiner Autos. Mit den zwei Airbrushs an den Seitenwänden seines im Oktober 2013 zugelassenen Lastwagens erfüllt er sich einen lang gehegten Traum.

ÜBER NACHT: DER CHEF GEHT IN RENTE, JAN WIRD SELBSTSTÄNDIG

Alles begann im Jahr 2000. Damals verabschiedete sich sein langjähriger Chef in den Ruhestand. Baumann hatte die Qual der Wahl, über Nacht sein eigener Chef zu werden oder sich einen neuen Arbeitgeber zu suchen. Nach reiflicher Überlegung entschied er sich für den wenig luxuriösen Chefsessel. Seitdem keimte 14 Jahre der Wunsch in ihm, sein Arbeitsgerät mit den fein gepinselten Karosserie-Tattoos zu verschönern. Für die ersten beiden Könige war nicht genügend Geld für Airbrushs in der Schatztruhe. Sie mussten mit Klebefolien vorliebnehmen.

Die Dynastie der Könige rief ursprünglich der gleichnamige Zeichentrickfilm von Walt Disney aus. Den beiden Kindern von Baumann gefiel die Geschichte von Simba & Co. so gut, dass sie ihren Papa unter Bitten und Betteln dazu bewegten, sein Arbeitsgerät danach zu benennen. Nach anfänglicher Skepsis konnte der Papa mit dem Namen gut leben. Zu einem MAN passte der Name ja recht gut. "Ich habe schon einmal einen DAF in Löwenoptik gesehen. Das geht gar nicht", poltert Baumann. Aus der arrangierten Namens-Ehe wurde im Laufe der Jahre eine herzliche: Den Nachfolger kürte Baumann ebenso zum Löwen-König.

Baumann, der Löwenflüsterer, hat als Selbstständiger üblicherweise mit größeren Problemen zu ringen als mit Design- oder Namensfragen. Schon mehrmals stand seine Karriere vor einer Gabelung ohne Wegweiser. Manchmal führte ihn der eingeschlagene Weg hart an den existenziellen Abgrund. Etwa damals, als er einen Wechselbrückenzug kaufte, um aus dem Solo- einen Paar-Betrieb zu machen. Für den ersten MAN stellte er seine damalige Lebensgefährtin Michaela ein. "Vor fünf Jahren war die Welt noch einigermaßen okay, da haben die Preise noch gepasst", erinnert sich Baumann. Doch dann fing der Auftraggeber das Kürzen an, Konjunkturabschläge heißt das auf Wirtschaftsdeutsch. "Irgendwann habe ich gesagt: Es geht nicht mehr! Ich habe das Auto verkauft und gekündigt. Glücklicherweise bin ich immer wieder zum richtigen Zeitpunkt rausgekommen", sagt Baumann erleichtert.

VIELSEITIGKEIT IST TRUMPF: DANK SZM BREITER AUFGESTELLT

Dabei verhehlt er nicht, dass er auch das Glück des Tüchtigen hatte. Sein Zerwürfnis mit dem ehemaligen Auftraggeber fiel just in jene Zeit, in der er eine neue Sattelzugmaschine, den König der Löwen 3, bestellt hatte. "In dieser Phase hing ich in der Luft; ich wusste ja nicht, ob ich gleich einen neuen Auftraggeber finde", erzählt er. Allerdings hatte Baumann das Risiko minimiert. Mit dem Umstieg auf eine Sattelzugmaschine stellte er sich breiter auf: "Bis auf Silo kann ich jetzt mit dem Fahrzeug alles bewegen: ob Kühler, Plane oder Kipper. Ich bin flexibler."

Die Suche war dennoch kein Zuckerschlecken. Schließlich war für die Holzhandlung Hecht in Bad Wurzach der dritte Löwen-König genau der richtige Truck. Im Umkreis von rund 300 Kilometern transportiert Baumanns Löwe Hackschnitzel, geschreddertes Altholz und Säge mehl zu Biogasraffinerien. Positiver Nebeneffekt: Mit dem Wechselbrückenzug umriss das Aufgabengebiet noch ganz Deutschland, jetzt kommt Baumann beinahe täglich nach Hause.

DER LÖWENMARKE HÄLT DER SELBSTFAHRER EISERN DIE TREUE

"Das ist eine neue Situation", meint die ehemalige Angestellte Michaela, seit 2010 mit Jan verheiratet. "Es war gewöhnungsbedürftig, als er in den Fernverkehr ging und jetzt ist es gewöhnungsbedürftig, dass er jeden Abend zu Hause ist", meint sie schmunzelnd. Auch wenn sie in der Zwischenzeit nicht mehr zusammenarbeiten, harmonieren die beiden prächtig. Wenn er sie nicht gerade mit seiner MAN-Leidenschaft nervt.

Der Löwenmarke hält Baumann seit Beginn seiner Karriere die Treue. Geknistert hat es, als er auf dem F8 seinen Führerschein machte. Eigentlich, schränkt Baumann ein, hätte er nach dem Silo-Zug, einem der ersten TGA in Euro 3, nicht mehr MAN wählen dürfen. "Das Auto war alle vier Wochen in der Werkstatt. Das hat mich viel Geld und vor allem den letzten Nerv gekostet", erinnert er sich ungern. Doch die Treue zahlte sich aus. Die Löwenkönige zwei und drei waren gesünder und robuster: "Der aktuelle TGX ist einfach ein ausgereiftes Auto."

Er hofft, in der Holzhandlung nun einen ebenso verlässlichen Partner gefunden zu haben. "Ein bisschen mehr Konstanz mit dem Auftraggeber wäre schön!", meint Baumann. Die ständige, zermürbende Ungewissheit ist der Hauptgrund, wieso er den Schritt in die Selbständigkeit nicht noch einmal gehen würde.

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