Holzlogistik: Vom Baum zum Brett

Aus dicken Stämmen werden Bretter geschnitten
© Foto: Johannes Reichel

Am Anfang und am Ende der Holzproduktion geht nichts ohne LKW. Und dazwischen schuften jede Menge schwerer Geräte, die Maschinistenherzen höher schlagen lassen.


Datum:
25.02.2013
Autor:
Johannes Reichel

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Der Wald macht's einem nicht leicht: Ohne Unterlass wächst er vor sich hin. Jede Sekunde rücken in Deutschland zwei Kubikmeter Holz nach, jährlich schieben sich über 90 Millionen Kubikmeter frisch aus dem Boden. Und die Leute rund ums Sägewerk Beckmann in Elsfeld im Hochsauerland dürfen es dann "ausbaden". Wobei sie das gerne machen, denn sie leben von den "Früchten" des Forsts. "20 bis 40 LKW-Ladungen täglich verarbeiten wir hier", erklärt Ulrich Baust, Juniorchef im Sägewerk. Zurzeit ist es wetterbedingt ruhiger, Schnee bedeckt die weiten Wälder des Hochsauerlands und erschwert die Holzernte. "Aber bisher läuft es noch erstaunlich gut", freut sich Dietmar Otte, der für Beckmanns "Haustransporteur" Wengeler Transporte aus Grevenstein unterwegs ist. Am Spätnachmittag verstaut er noch die Ladung verarbeiteter Bauholzlatten in seinem Curtainsider und verlegt akribisch die Zurrgurte, damit nichts verrutscht. "So, dann ist aber auch Feierabend", meint er.

Er hofft, dass die ordentliche Auftragslage noch ein wenig anhält, auch wenn die Holztransporteure natürlich am Tropf der Bauwirtschaft hängen und im Winter immer Pausen entstehen. Zurzeit macht den Sauerländern zusätzlich zu schaffen, dass deutsches Holz auf dem Weltmarkt relativ teuer ist. Sonst hätte es durchaus passieren können, dass man auf Baustellen in Südamerika Holz aus dem Sauerland antrifft. Relativ locker geht es an diesem Tag auch im Sägewerk zu, wo Ottes Holzfracht zuvor millimetergenau fabriziert wurde.

IM SOMMER LAUFEN DIE MASCHINEN HOCHTOURIG

Im Sommer herrscht hier eine andere Schlagzahl: "Wenn da mal ein LKW hängenbleibt und sich verspätet, kommt gleich der Anruf aus dem Sägewerk", weiß Ferdinand Müller, Inhaber des gleichnamigen Elsloher Fahrzeugbauers, der seinerseits eine wichtige Rolle im hiesigen Holzkreislauf spielt (siehe Kasten). Man kennt sich eben hier und weiß, wie wichtig der Beitrag jedes Beteiligten für das Funktionieren des lokal enorm wichtigen Wirtschaftszweiges Holz ist. Viel Puffer hat die Holzfabrik in der Tat nicht, gut eine Stunde Vorrat ist im Sommer vorhanden, dann drohen die sündteuren Maschinen und Fließbänder stillzustehen. Riesige Sägen, gigantische Greifer, monströse Raspeln, Fließbänder - die ganze gewaltige Maschinerie giert nach dem hölzernen Rohstoff.

Wobei es auch zu viel des "Guten" sein kann, wie nach dem großen Sturm Kyrill von 2007, der dem Sägewerk auf einen Schlag so viel Holz im wahrsten Sinne des Wortes "hinhaute", dass man gar nicht mehr nachkam: 25 Millionen Bäume allein in NRW fielen Kyrill zum Opfer, die Hälfte der gesamten deutschen Holzverluste. "Seit dem 18. Januar 2007 verging kein Tag, ohne dass ich das Wort Kyrill in den Mund genommen habe", erinnert sich Baust an den großen Kahlschlag, der auch von daher eine Katastrophe war, dass er die kontinuierliche Produktionsweise im Sägewerk über den Haufen warf. 450.000 LKW-Ladungen wären zum Abtransport der 15 Millionen Festmeter Holz nötig gewesen. "Wir wissen hier im Hochsauerland, was ein Windbruch für Auswirkungen hat. Auf den Schlag Aufträge ohne Ende, dann die große Flaute", erzählt Ferdinand Müller, dessen Großvater einst einen Holzfuhrbetrieb gründete, der mittlerweile wieder vom Fahrzeugbau separiert ist und von Bruder Heinz-Josef geführt wird. So war es, in extremer Form, auch bei Kyrill.

KEIN BARCODE NÖTIG: JEDER STAMM IST ANDERS

Sebastian Schreck, gelernter Sägewerker und sogenannter "Einteiler" thront weit oben in einer Art "Turmstüberl" und überblickt die über eine Hochebene rollenden Stämme, die hier automatisch gescannt, klassifiziert und bereits virtuell millimetergenau zugeschnitten werden. Ein prüfender Anschnitt, ob es sich innen auch kein Borkenkäfer bequem gemacht hat oder das Holz fault, und in Sekundenschnelle wandert der mächtige Stamm, eisern umklammert von den unerbittlichen Zähnen einer gewaltigen Stahlzange, durch die Säge.

Schon zuvor ist klar, was aus welchem Stamm mal werden soll, Barcodes braucht es hier nicht: "Jeder Stamm ist anders, das ist wie ein Fingerabdruck", erklärt der Beckmann-Chef. Danach wird das Holz weiterverarbeitet, im ersten Schritt vorgemodelt, im zweiten Lauf zu exakt dem Kantholz verarbeitet, das der Auftragsspezifikation entspricht. Anschließend wird das Holz, nicht minder faszinierend, "fahrtauglich" gemacht und verladegerecht konfektioniert.

Am Ende warten schon die Fahrer von Wengeler & Co, im Sägewerk in respektvollem Anachronismus Fuhrmänner genannt, auf die Beladung. Etwa Franz-Josef Völlmecke, der im letzten schrägen Licht dieses Wintertages auf seinem Tieflader balanciert. Er bestreut die bereits verladene Tranche seiner Fracht mit Salz, damit sich zwischen den Hölzern kein Eis bilden kann und die Haftung besser ist. "Die Polizei kennt hier kein Pardon", begründet er die akribischen LaSi-Bemühungen, die vor allem aus einem guten Dutzend Zurrgurten besteht. "Wenn's nach der Polizei ginge, müsstest du da 35 Stück drüber werfen - und dann reicht's immer noch nicht", weiß der erfahrene Trucker.

Derzeit hat er gerade mal einen Punkt in Flensburg, aber er macht sich Sorgen wegen der Neuregelung: "Wenn bei acht Punkten der Schein weg ist und kleinere Vergehen wie LaSi nicht mehr nach zwei Jahren gelöscht werden, wie soll das bei uns im Holzbereich gehen?", fragt er. Erst mal hat er andere Sorgen: "Weih nachten ist immer zwei Wochen zu. Danach fahren wir abhängig vom Wetter mehr oder weniger."

LaSi-Sorgen kennt der Kollege von der Langholz-Fraktion Dietmar Funke mit seinem brandneuen Euro-5-Fahrzeug nicht mehr. Klar, dass es sich um eine "lokale" Scania-Müller-Kombi mit integrierten Sicherungsketten in den Rungen handelt, mit der Dietmar rundum zufrieden ist: "560er-V8 hatten wir vorher schon, der läuft astrein."

WIE STREICHHÖLZER: DIETMAR ZIRKELT EXAKT

"Aber seit ich die neue LaSi habe, gibt's mit der Polizei überhaupt keinen Stress mehr", erklärt der knuffige Sauerländer, der im Dreimann-und-Fahrzeug-Betrieb seines Bruders arbeitet. In Windeseile löst und rollt er die Ketten ein, erklimmt den Sitz seines Epsilon-Krans und zirkelt die Fracht von der "Ladefläche" - nur zu Demo-Zwecken übrigens. "Weil, im Winter ist hier ja eh nicht so viel los", wie er mit leisem Bedauern feststellt. Um anzufügen: "Na ja, dafür kommen wir im Sommer ja kaum nach." Weil der Wald aber auch wachsen muss wie wild. JR

FAHRZEUGBAU MÜLLER UND SCANIA

Aus einer Hand durch Forst und Tann

"Klar gibt es Konkurrenz, hier einmal über den Berg drüber", erzählt Ferdinand Müller mit einem Schmunzeln im Gesicht. Und der Wettbewerber praktiziert es wohl ähnlich wie Müller, dessen Konzept ist: eine feste LKW-Marke, eigene Aufbauten, individuelle Lösungen und alles aus einer Hand, samt dem Service. Eine Konstellation, die die Kunden in der Holzlogistik sehr zu schätzen wissen. Wie Fahrer Dietmar Funke: "Da hast du einfach weniger Ärger und rennst nicht von A nach B. Wenn irgendwas ist, hast du eine Adresse und einen Ansprechpartner." Und ein Fahrzeug, das aus einem Guss individuell zusammengestellt ist. Und wie individuell! Ferdinand Müller, dessen kleine, aber feine Fahrzeugbauschmiede etwa 35 Fahrzeuge jährlich maßanfertigt, kapituliert vor fast keiner Anforderung. Ein norwegischer Kunde verlangte nach einem Trägerfahrzeug für seinen Hacker samt Kran, ein anderer wollte einen Verlade-LKW, der sich selbst seitlich versetzen kann, einer ein Fahrzeug für den Umzug von Werkzeugmaschinen, einer einen Kombizug für Landund Kurzholztransport, ein weiterer einen Kurzholzzug mit "Huckepack"-Option des Anhängers. Und ein weiterer verlangte nach einem Separatlader, um für den Transport selbst mehr Nutzlast zur Verfügung zu haben. Hier sieht Müller seine Firma übrigens in einer Pionierrolle. "Mit Euro 6 wird sich die ohnehin schon brisante Nutzlastfrage in der Holzlogistik noch akuter stellen. Und wir können da bereits ein komplettes Angebot machen", preist Ferdinand Müller das eigene Portfolio. Wobei die Rolle als Pionier bei Müller Tradition hat: Der Großvater war unter den ersten, die überhaupt motorisierten Langholztransport betrieben, später der erste, der eine hydraulische Nachlenkung in einem Nachläufer realisierte - übrigens auf Basis des ersten selbst konstruierten Langholzzuges. In den 70er-Jahren stieg Müller Senior dann neben dem Holzfuhrgewerbe in den Fahrzeugbau ein, seit 1981 ist man zudem Scania-Vertragspartner in Eslohe.

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