Jobreport Elektro-Lkw-Fahrer: Uwe steht unter Strom

Lautlos: Von Passanten wird der Lkw beim Rangieren leicht überhört
© Foto: Gregor Soller

Meyer Logistik betreibt zwei 18-Tonnen-Elektro-Lkw. Wir begleiteten Fahrer Uwe Steffen auf einer Tour durch Berlin und erlebten Erstaunliches.


Datum:
04.08.2016
Autor:
Gregor Soller

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Uwe Steffen lenkt einen der beiden 18-Tonner E-Force Elektro-Lkw bei Meyer Logistik. Mit dem flüsterleisen Fahrzeug macht er seine Verteilertouren in Berlin und Umgebung.

Der E-Force basiert auf einem Iveco Stralis 190 S 31, bietet aber im Gegensatz zum 310 PS Basis-Diesel bis zu 408 PS bzw. zwei mal je 150 Kilowatt Leistung. Als Dauerleistung stellen die beiden Akkus 252 PS respektive zwei mal 93 kW zur Verfügung. Viel beeindruckender ist aber das Drehmoment, das am Getriebeausgang auf die Kardanwelle geht: 4000 Newtonmeter stehen praktisch ab 0 Umdrehungen bereit - das "nutzbare" Drehzahlband reicht theoretisch bis 13.000 Touren!

Wer jetzt meint, dass Uwe damit bei Bedarf alles in Grund und Boden "brennt", täuscht sich allerdings: 18 Tonnen bleiben 18 Tonnen. Und selbst wenn er den E-Force am Rewe-Zentrallager in Oranienburg gewichtsseitig nicht komplett auslädt, startet er seine Tour immer mit zweistelliger Tonnage.

STROMFLUSS WIE IN EINEM KLEINEN KRAFTWERK!

Die beginnt je nach Auftrag zwischen fünf und sechs Uhr morgens und endet je nach Ladestellen und Verkehr zwischen zwölf und 14 Uhr nachmittags. Dann muss der Elektro-Lkw wieder an die Ladestation. Mit einem Anschluss mit 400 Volt, 63 Ampere und 44 kW schmelzen immer mal wieder die Kunststoffnippel der Ladedosen weg, so heftig saugt sich der 18-Tonner in sechs Stunden voll - und bietet offiziell bis zu 300 Kilometer Reichweite. In der Realität sind es laut Uwe eher zwischen 160 und 200 Kilometer. Die genügen aber sommers wie winters locker für eine große oder zwei kleinere Tagestouren, zumal er theoretisch auch hier und da etwas Reichweite "nachladen" kann - sofern er eine Ladestelle mit Stromanschluss bekommt.

Nachts hängt der E-Force regelmäßig an der Ladestation im Rewe-Zentrallager in Oranienburg. Von dort stöpselt Uwe ihn jetzt ab, bevor er praktisch lautlos an die Rampe rangiert. In Berlin bedeutet diese Lautlosigkeit oft Stress, da den Stromer trotz Rückfahrpiepser niemand hört - oder hören will: "In der Hauptstadt kämpft manchmal jeder gegen jeden", erzählt der einheimische Fahrer. Und da alle immer möglichst schnell ankommen wollen, huschen sie gern noch schnell hinter dem Lkw durch - trotz eingeschalteter Rückfahrscheinwerferbatterie und Piepser. Da ist die Rückfahrkamera dann Gold wert!

REKUPERIEREN MIT LINKS ERHÖHT DIE REICHWEITE

Das Laden und Sichern der Fracht per Sperrbalken und -stangen ist dann Standard, ebenso die "Post" für die Märkte: Riesige Papierbündel mit akribischen Frachtpapieren, manchmal noch zusätzlich Werbehefte zum Auslegen in der Filiale.

Heute geht Uwe schon auf die zweite Tour und programmiert die ins Navi: Sie wird, übereinstimmend mit den Papieren, 90 Kilometer lang sein - die Restreichweite beträgt laut Anzeige 98 Kilometer - das wird klappen. Denn über das Rekuperationspedal links neben der Lenksäule, das im Handschalter-Stralis zum Kuppeln dient, wird Uwe die Reichweite noch um einiges verlängern. "Wenn man hier vorausschauend fährt, braucht man die Betriebsbremse gar nicht", erklärt er. Dann zieht er vor, schließt die Ladebordwand per Taster von der Kabine aus und stromert los.

Und das tatsächlich in beeindruckender, fast Pkw-artiger Geschwindig- und Leichtigkeit. Jede Kreuzung und jedes Hindernis bremst respektive rekuperiert er "mit Links" an. Und tatsächlich sinkt die Reichweite langsamer, als die gefahrenen Kilometer steigen. Nach einer Ladestelle in Oranienburg geht es auf die Ringautobahn A 10 nach Berlin, auf der Uwe den E-Force schnell auf gut 80 km/h hochzieht. Jetzt entsprechen sich gefahrene Kilometer und Reichweitenverlust in etwa, was immer noch angenehmer ist als bei vielen Pkw-Stromern, die auf der Autobahn weit über Gebühr Reichweite vernichten und so für Schweißausbrüche beim Fahrer sorgen.

In Berlin rekuperiert Uwe wieder fleißig und hält die Restreichweite so lange konstant. Nach der nächsten Ladestelle im Stadtteil Weißensee geht es zur ehemaligen Schultheiss-Brauerei (einst die größte Deutschlands) am Prenzlauer Berg, wo der Flüster-Lkw immer wieder begeistert aufgenommen wird. Eine Mutter mit Kinderwagen wundert sich, warum der Laster so leise ist und ein Rentner reckt den Daumen nach oben. Uwe lädt seine letzte Partie ab und den Rücklauf der Filiale auf - mehrere leere Rollies, Paletten mit Pappe und leeren Kunststoffflaschen - leer fährt er nie. Beim leisen "Ablegen" aus dem Hof der "Kulturbrauerei" wundern sich ein paar Arbeiter, wie Uwe ohne gestarteten Motor vom Hof rollt: Er erklärt es ihnen mit einem Lächeln und stromert zurück ins Zentrallager, dank geringem Ladungsgewicht noch zügiger und Pkw-ähnlicher als zu Beginn der Tour. Trotz Autobahn bleiben am Ende der Tour 39 Kilometer Reichweite - gut rekuperiert ist halb gewonnen!

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