Jobreport: Frigofahrerin Helin Kara

Helin Kara und Chefin Brigitte Bosshard beim "Stapellauf" des Race-Edition-Renault
© Foto: Gerlach Fronemann

Als sich Helin Kara bei der Hans Bosshard AG vorstellte, hatte sie wenig Praxis, doch man gab ihr eine Chance. Die in der Schweiz lebende Türkin nutzte sie. Seit einem Jahr steuert sie einen feschen Renault Race-Truck.


Datum:
08.10.2012
Autor:
Gerlach Fronemann

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Vor genau einem Jahr stand der anthrazitfarbene, mit roten Streifen und silbernem Frontgrill verzierte neue Camion auf dem Hof der Schweizer Spedition Bosshard. Es war der erste in der Schweiz verkaufte und ausgelieferte Premium Route Truck Racing. Für den TRUCKER-Mitarbeiter war die Überraschung groß:  Der erwartete Chauffeur entpuppte sich als zierliche Chauffeurin. Melek Kara, von Kind an Helin genannt, übernahm symbolisch von Chef Hans Bosshard die Schlüssel und stieg strahlend ein: „Ich bin stolz, dass ich den ersten Truck Racing in der Schweiz fahren darf. Das ist ein Vertrauensbeweis, heißt aber auch gut aufpassen, also Verantwortung.“

Die Hans Bosshard AG in Ober­engstringen ist ein Transportunternehmen mit Tradition. Es wurde 1925 gegründet und hat sich im Lauf der Jahrzehnte zu einem Transportpartner von Industrie und Handel entwickelt. Für die Abwicklung der vielseitigen Aufträge hält der Betrieb rund zwanzig LKW mit entsprechend vielseitigen Aufbauten einsatzbereit: Kühl-, Pritschen- und mit Bordkran bestückte Fahrzeuge, Hänger- und Sattelzüge. Das Unternehmen wird von den Geschwistern Brigitte und Hans Bosshard geführt, seit Vater Hans Bosshard sen. nach schwerer Krankheit früh gestorben ist.

Erprobt: Brigitte Bosshard Fuhr den Saurer

Traditionsgemäß befinden sich im Fuhrpark noch zwei Saurer-Kipper, ein Hauber 5D und ein Front­lenker D330 mit Kran, für Zwecke wie Winterdienst oder im Baustelleneinsatz. Den Hauber hatte Brigitte Bosshard selbst gefahren, als der Vater noch das Geschäft führte. Den Großteil der Flotte stellen Volvo FH und FM, es gibt aber auch drei Scania. Im Juli 2011 übernahmen die Geschwister einen neuen LKW. Diesmal war es aber ein Re­nault, ein besonderer. Hans Bosshard: „Wir haben den Premium Truck Racing Edition gesehen, und er hat uns riesig gefallen. Auch die Wirtschaftlichkeit stimmt, Leer­gewicht, Verbrauch, Wartungsfreundlichkeit und Ausstattung.“ Brigitte und Hans Bosshard nahmen die Fahrzeugübernahme zum Anlass für ein Firmen- und Familienfest. Der aufgereihte Fuhrpark, gedeckte Tische mit groß­zügiger Bewirtung, die Belegschaft sowie Mutter und Verwandte der Geschwister Bosshard waren da. Bei Holzofenpizza und Getränken verabredeten wir eine Mitfahrt.

Im Frühjahr 2012 ist es so weit. Noch bei Mondschein treffen wir uns am LKW. Helin geht um den Lastzug, richtet sich im Fahrerhaus ein, packt Verpflegung in den Staukasten unter der Liege und überfliegt die Unterlagen für den Tag, ein „Migros-Tag“. Zuerst geht es nach Zürich zum Migros-Lagerhaus neben der Zentrale der Genossenschaft, die vielleicht das dichteste und am besten sortierte Einzelhandelsnetz mit Schwerpunkt Lebensmittel in der Schweiz hat. Nach kurzer Anmeldung setzt Helin den Sattelzug rückwärts an die etwas ungünstig gelegene Rampe, regelt die Höhe mit der Luft­federung ein und geht ins Lager.

Es sind 33 Stapel Paletten zu laden. Die junge Frau wuchtet das Überfahrblech an das Aufliegerheck, greift sich eine „Ameise“ und beginnt zügig zu laden. Die Paletten sind für „Z“-Kartoffelchips Zweifel in Spreitenbach bestimmt. Nach kurzer Fahrt kommen wir an. Helin meldet sich und bekommt eine Rampe zugewiesen, entlädt die Paletten und fährt an eine andere Rampe zur Beladung, diesmal unterstützt von einem Lageristen. Mit den Frachtpapieren gibt es für jeden eine große Tüte Chips.
08:45 Uhr. Um 11:00 Uhr ist Entladetermin im Migros-Vertei­lerzentrum Suhr. „Wir liegen gut in der Zeit und können einen Kaffee trinken“, sagt die Chauffeurin gut gelaunt, „ich bin gern vor der Zeit beim Kunden“. An der Raststätte Würenlos wählen wir zwei „Schalen“ (Milchkaffee) und Gipfeli (Croissants). Helin besteht darauf, zu bezahlen: „Du bisch mi Gascht“, sagt sie in bestem Schweizerisch.

Auf eigene Faust: Aus Anatolien in die Schweiz

In der Pause kommen wir auf ihren Werdegang zu sprechen. Sie ist in Westanatolien bei Konya aufgewachsen und hat nach der höheren Schule ein Studium zur Geografielehrerin begonnen, aber bald ab­gebrochen. Auf eigene Faust suchte sie eine Stelle in der Schweiz. Zuerst war sie Verkäuferin in einemtürkischen Geschäft, dann fuhr sie einen Lieferwagen. In dieser Zeit hatte sie ausreichend deutsch gelernt, um den LKW-Führerschein zu machen: "Ich wollte schon als Kind Lastwagen fahren. Die Ausbildung habe ich auf eigene Faust gemacht, die Bücher gekauft und mir alles in Türkisch übersetzt. Oft musste ich andere Chauffeure wegen technischer Begriffe fragen, Schweizer und Türken. "Als sie den "Fahrausweis" hatte, fand sie Arbeit auf einem Kipper: "Das gefiel mir nicht so gut. Da habe ich bei der Firma Bosshard gefragt, und der Chef hat zugesagt. "Das war ein Vertrauensbeweis. Später sagt Hans Bosshard zum TRUCKER: "Ich wollte der jungen Frau eine Chance geben. Außer meiner Schwester hatten wir noch nie eine Chauffeurin im Betrieb. Aber Helin hat sich gut gemacht. Wir sind mit ihr sehr zufrieden."

Dafür gibt es allen Grund. Helin fährt ihren Premium [460] mit Bravour, ruhig und konzentriert. Rangiermanöver beherrscht sie längst, ob an einer ungünstig gelegenen Rampe über das rechte Eck oder an engen Zufahrten. Hilfreich ist auch ihr freundliches Auftreten beim Kunden und ihr Geschick beim Einsatz der "Ameisen".

Und sie liebt ihren Laster: "Das ist ein schöner Camion, tolles Design. Der Motor zieht stark, die Automatik ist megagut. Du kannst supergenau damit rangieren. Auch die Innenausstattung gefällt mir, der Staukasten in der Mitte, der schöne Sitz, der viele Platz. Nur die Ablage auf dem Armaturenträger taugt nichts. Da rutscht alles runter, du kannst nichts drauflegen."

POWER:BEIM AUSLADEN PACKT HELIN MIT AN

Inzwischen sind wir am riesigen Migros-Verteilerzentrum eingetroffen. Helin meldet sich über Telefon an, bekommt ihre Rampe zugewiesen und fährt zur Entladung. Bis die beginnt, geht sie in eine Nachbarhalle und schaut, wo sie anschließend wieder Ladung übernehmen muss. Leerkilometer fallen bei den Migros-Touren kaum an. "Rampe42, umelfi", teilt ihr ein Ladearbeiter mit. Sie kennt die meisten, die wiederum kennen sie und schätzen ihre Freundlichkeit und Zuverlässigkeit.

Zurück am Auflieger greift sie eine Ameise und hilft, die Paletten mit Chips hinunterzuziehen. Anschließend fährt sie zur Rampe 42. Die Ladung geht nach Wil, vorbei an Zürich in Richtung St. Gallen. Doch die Beladung mit kommissionierten Paletten für einen Migros-Markt in der Innenstadt von Wil lässt auf sich warten. Helin: "Das ist selten, aber wir können in der Zeit in der Kantine essen gehen." Die Migros-Genossenschaft unterhält für ihre Beschäftigten gut geführte, preiswerte Betriebsrestaurants. Zurück am LKW, begutachtet die junge Türkin ihre Ladung: "Die packen und stellen die Paletten immer sorgfältig, aber trotzdem will ich sichergehen." Auch bei Migros bekommen wir eine Kleinigkeit mit auf den Weg.

DIE JUNGE FRAU KOMMT MIT DEM DRUCK GUT KLAR

Der Migros-Markt liegt an einer belebten Straße, deren ganze Breite beim Rangieren eingenommen wird. Ein Lagerarbeiter regelt normalerweise den Verkehr, heute tut's der TRUCKER-Mitarbeiter. Neben uns stehen Migros-eigene Auflieger, die von Zugmaschinen abgestellt und nach dem Entladen wiedergeholt werden. Der heute allein anwesende Lagerist hat also gut zu tun. Gemeinsam ziehen wir die Paletten herunter, Normalware hier, Aktionsware dort.

Schon ist der Lieferschein abgezeichnet, es geht weiter. Im Postverteilerzentrum Frauenfeld sind bis spätestens 15:00 Uhr Leerpaletten und -behälter nach Suhr zu übernehmen. Helin kennt die Ladestelle nicht und erwischt die falsche Autobahnabfahrt. Wir kämpfen uns durch das Stadtzentrum, bekommen von einem Fußgänger den Weg erklärt und gelangen noch rechtzeitig zum Paketzentrum.

Die Beladung läuft wie am Schnürchen. Um 15:30 Uhr geht es erneut in Richtung Suhr im Aargau. Der Verkehr verdichtet sich, Pendler, Einkaufstouristen, Wochenendausflügler und Lastwagen verstopfen wie üblich die Strecke um Zürich. Meter um Meter rückt Helin vorwärts. Dazwischen Anruf von Chef Hans Bosshard: "Helin, können Sie morgen eine Migros-Tour fahren?" Die junge Frau hat von einem Kollegen schon gehört, dass einige Samstagtouren anstehen und bejaht. Zum TRUCKER-Mitarbeiter: "Der Samstag wird extra bezahlt. Und der Chef macht keinen Druck. Kannst du nicht fahren, fragt er jemand anderes."

Am Firmenstandort Oberengstringen verabschiede ich mich von der kessen Helin, die ja eigentlich Melek heißt, und wünsche gute Weiterfahrt. Lachend winkt sie mir zu, und ich rufe "güle-güle" hinterher, der türkische Abschiedsgruß für den Zurückbleibenden. Doch das gilt nur bis zum Truck-Festival in Interlaken, wo Helin mit dem Premium Truck Racing Edition der Hans Bosshard AG in Begleitung von Chefin Brigitte und Chef Hans Bosshard stehen wird. In diesem Sinne also: "Uff Wiederluege, Helin".

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