Länderreport Dänemark: Paradies mit Schönheitsfehlern

Dänemark hat 406 Inseln und 7300 Kilometzer Küste
© Foto: picture-alliance/Stuart Black

Skandinavische Länder gelten als Paradies für Arbeitnehmer. In Dänemark gilt das nur bedingt für Kraftfahrer.


Datum:
16.11.2015
Autor:
Redaktion TRUCKER

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Irgendwann soll es mal schneller gehen von Deutschland nach Dänemark. Seit einem Jahrzehnt ist der Tunnel zwischen Fehmarn und Lolland geplant. Doch das Projekt gleicht dem Bau des Berliner Flughafens - neue Termine, Verschiebungen, die Kosten steigen. Ob er jemals fertig wird, weiß niemand. Die Fehmarnbelt-Querung wäre eine gewaltige Erleichterung im Güterverkehr zwischen Norddeutschland und den skandinavischen Ländern. Die Fahrt in die dänische Hauptstadt Kopenhagen würde sich um mindestens eine Stunde verkürzen. Eigentlich hätte 2021 Eröffnung sein sollen. Jetzt soll es 2025/26 werden, bis rund 1600 Lkw den Tunnel passieren.

Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Dänische Politiker melden immer wieder Zweifel an, ob sich der Aufwand rechnet. Schließlich finanziert das Land das Sieben-Mil liarden-Euro-Projekt alleine. Deutschland muss nur für die Hinterlandanbindung sorgen. Allein das ist problematisch: Während es auf dänischer Seite kaum Einsprüche gegen das Projekt gibt, müssen deutsche Behörden mehrere Tausend Einwände abarbeiten ...

Nicht alle Fahrer sind traurig, dass die Verbindung noch dauert. In der Praxis wird die Fährfahrt gerne in die Lenk- und Ruhezeitenplanung eingearbeitet. Der meiste Verkehr rollt heute über die Autobahn A 7/E 45, die "Jütlandroute". Drei Viertel des dänischen Exports und rund 60 Prozent des Imports werden über diese Verkehrsverbindung abgewickelt.

BEZAHLUNG UND SOZIALE ABSICHERUNG SIND SEHR GUT

In Dänemark selbst ist der Lkw mit einem Anteil von über 90 Prozent vorherrschendes Transportmittel. Entsprechend gut ausgebaut ist die Infrastruktur mit zahlreichen Brücken und Tunneln, welche die einzelnen Inseln verbinden.

Dänemark ist eines der wenigen EU-Länder, in denen Gigaliner rollen. Seit 2008 läuft ein großer Test mit den 25,25-Meter-Zügen. Eigentlich sollte er bis 2017 auf ausgesuchten Strecken laufen. Mittlerweile wurde auf Druck der Transportverbände bis 2030 verlängert und auf mehr Strecken ausgeweitet. Für Arbeitnehmer gilt Dänemark als gelobtes Land. Die Bezahlung ist gut, ebenso die soziale Absicherung. Das liegt vor allem an der traditionell starken Stellung der Gewerkschaften. Zwei von drei dänischen Arbeitnehmern sind organisiert. Die hohe Zahl erklärt sich allerdings auch daher, dass die Gewerkschaften die Arbeitslosenkassen verwalten und das Arbeitslosengeld auszahlen.

Die hohen Sozialstandards erkaufen sich die Dänen durch Zugeständnisse an die Arbeitgeber. Angestellte haben einen vergleichsweise geringen Kündigungsschutz. Wer arbeitslos ist, wird streng kontrolliert und muss an Umschulungen, Weiterbildungen und anderen Maßnahmen teilnehmen. Dieses Modell der sogenannten Flexicurity, eine Mischung aus Flexibilität und Security, also Sicherheit, gilt bei vielen Wirtschaftswissenschaftlern als vorbildlich. Umgesetzt wird es allerdings in kaum einem anderen Land. Und auch in Dänemark wird der seit langem geltende gesellschaftliche Konsens von immer mehr Unternehmen aufgekündigt. In den vergangenen Jahren verlagerten viele Transporteure ihre Zentrale nach Deutschland, um die hohen heimischen Sozialabgaben zu sparen. Seit einiger Zeit verlagert sich dieses Lohn- und Sozialdumping mehr nach Osteuropa. Auch wenn das Ansehen der dänischen Fahrer vergleichsweise hoch ist, leiden sie unter der wachsenden Zahl der osteuropäischen Billig-Transporteure. Seit 2009 sollen die Unternehmen nach Berechnungen des Transportverbands DTL etwa 7000 Arbeitsplätze abgebaut oder in andere EU-Länder verlagert haben.

VIELE SELBSTFAHRER OHNE WEITERE ANGESTELLTE

Dänemark hat 5,6 Millionen Einwohner. In der Transportbranche finden derzeit rund 130.000 Menschen Arbeit. Etwa ein Drittel der Unternehmen haben nur einen Lkw; die meisten Transporteure beschäftigen weniger als zehn Angestellte. Große Speditionen mit eigenen Fahrzeugen gibt es kaum. Am bekanntesten ist die DSV mit weltweit mehr als 9000 Mitarbeitern und 17.000 Fahrzeugen, die unter der DSV-Flagge fahren.

Um die Arbeitsbedingungen der Fahrer wenigsten etwas zu verbessern, versuchen Staat und Gewerkschaften seit Jahren Sozialdumping, illegale Beschäftigung, unterbezahlte Angestellte und schlechte Arbeitsbedingungen zu verringern. So kontrolliert Dänemark als eines der wenigen Länder sehr konsequent, ob die Kabotageregelungen eingehalten werden. An der Grenze erfassen Kameras jeden Lkw bei der Ein- und bei der Ausreise. Daraus wird die Dauer des Aufenthaltes in Dänemark errechnet. Verstöße werden mit Strafen von rund 4600 Euro geahndet. Zudem wurden immer wieder die Geldstrafen für Verstöße erhöht. Die Polizei kontrolliert häufig und konsequent die Lenk- und Ruhezeiten, um Verstöße gegen die Sozialstandards zu verhindern.

EIN EIGENWILLIGES LAND: KÖNIGIN UND HIPPIE-STAAT

Ansonsten leisten sich die Dänen ein paar Eigenheiten - wie eine Königin. Die 75-jährige Margarethe II. regiert das Land seit 1972, doch wie die britische Queen hat sie in der Tagespolitik wenig zu sagen. Sie beschränkt sich auf repräsentative Aufgaben. Die Dänen lieben ihre eigenwillige Monarchin, die sich nicht immer an die höfischen Regeln hält. Sei es, dass sie in der Öffentlichkeit flucht oder raucht, was in Dänemark eigentlich verboten ist - zu gesundheitsschädlich.

Oder die so genannte Freistadt Christiana in Kopenhagen. Anfang der 1970er-Jahre besetzten Hippies eine leer stehende Kaserne und gründeten einen autonomen Kleinstaat. Bis heute wird dieser von der Regierung akzeptiert, auch weil die Ex-Hippies mittlerweile Steuern zahlen, die besetzten Häuser teilweise gekauft oder neu erbaut haben und sich ihrer touristischen Wirkung durchaus bewusst sind. Auch der - illegale - Drogenhandel macht einen Teil seines Einkommens aus und beschert Christiana in regelmäßigen Abständen massive Polizeirazzien. Vorsicht ist dennoch geboten. Denn Christiana gilt auch als rechtsfreier Raum, in dem sich die Bürger schon mal handgreiflich ihr vermeintliches Recht verschaffen. Fernfahrer werden allerdings nur an freien Tagen in die Nähe der Freistadt kommen. In Kopenhagen gelten zahlreiche Fahrverbote für Lkw und Christiana selbst ist ohnehin komplett autofrei. Alexander Heintze

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