Mit dem Schwerlaster durch Rumänien

Unzählige Kirchen, meist rumänisch-orthodox, säumen die Europastraße.
© Foto: Felix Jacoby

Noch immer ein Abenteuer: Eine Tour an das östliche Ende der EU. Erst recht, wenn man im Schwerlaster nach Rumänien unterwegs ist.


Datum:
17.12.2012
Autor:
Felix Jacoby

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Nur noch wenige Lastwagen westlicher Herkunft fahren nach oder durch Rumänien, da sind die osteuropäischen Transporteure einfach um ein Vielfaches billiger. Als der TRUCKER die Einladung bekam, an einem Maschinentransport dorthin teilzunehmen, mussten wir nicht lange überlegen. Dieses EU-Land muss man einmal gesehen haben - mindestens.

Viele Jahre hatte eine mobile Brech- und Siebanlage, die aus drei Sattelaufliegern besteht, in Nordwürttemberg ihren Dienst verrichtet. Dann entschlossen sich die Eigentümer, die ganze Gerätschaft nach Transsylvanien zu bringen und dort stationär in einem Steinbruch einzusetzen.

Da Friedhelm Dill mit seinem schweren Dreiachs-Scania 124/400 den schwersten Auflieger schon immer von Einsatzort zu Einsatzort gezogen hatte, wurde er jetzt auch mit diesem Ferntransport beauftragt. Den zweiten Scania von Schneider lenkte Nenad Ciric, dazu kam der schöne 143er des Schwarzwälders Martin Burkhard. Weitere Fahrer bei diesem Job waren Martins Kumpel Ralf Riexinger, der österreichische Überführungsspezialist Andreas Klöckl und der Autor selbst, froh, mal wieder ausgiebig LKW zu fahren. Ergänzt wurde das Team von den Maschinisten der Anlage, die Gebrüder Glupczyk, beide urig-nette und kollegiale Typen.

Dank der Doppelbesatzung aller Sattelschlepper spült uns die erste Doppelschicht gleich durch ganz Österreich bis tief hinein nach Ungarn. Mit 66 Tonnen und 400 Pferden ist die schwerste Einheit nicht gerade schnell, dafür bringt uns unsere Ausdauer dann doch ziemlich weit.

Das einzig unterhaltsame Ereignis bis dahin war, dass ich für den gelungenen Versuch, meine Kollegen auf der Autobahn von oben zu fotografieren, 35 Euro an -die österreichische Staatskasse entrichten durfte. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wo der "Kieberer" (österreichischer Volksmund für Sheriff) plötzlich herkam. Budapest umrunden wir nach erledigter Pause in den frühen Morgenstunden, von dort geht es in Richtung Szeged zur ungarisch-rumänischen Grenze. Trotz EU-Mitgliedschaft der Rumänen gibt es hier noch lange Staus, sinnlose Wartezeiten, hochmütige Zollbeamte und ganovenartige Geldwechsler.

LEIDER KEIN VORURTEIL: LAUSIGE LANDSTRASSEN

Kaum hinter der Grenze angekommen, bewahrheiten sich die schlimmsten Mutmaßungen über den Zustand rumänischer Landstraßen. Immer wieder muss der Konvoi bis auf Schritttempo herunterbremsen, um Fahrbahnkanten und Bahnübergänge ohne bleibende Schäden zu überwinden. Kleine Dörfer, rustikale Kneipen, unzählige Gotteshäuser und zwielichtige Frauenzimmer säumen die Landstraße, langweilig wird es einem hier jedenfalls nicht.

Da vergisst man glatt, sich bewusst zu machen, dass man Richtung Arad auf einer Europastraße, der E68, unterwegs ist, einer Fernstrecke via Bulgarien in Richtung Türkei. Wenn man die aberwitzigen Überholmanöver beobachtet, die hier um jeden Meter Straße ausgefochten werden, will man sich gar nicht vorstellen, wie viele Unfälle und Opfer es dabei geben mag. Obwohl die Rumänen sich schon ewig vom Joch der Diktatur befreit haben, ist das hässliche Übel der Korruption bis heute lebendig. Bei einer Straßenkontrolle gibt es Meinungsverschiedenheiten mit den Ordnungshütern. Fahrer Andreas, der die Landessprache beherrscht, findet im Gespräch aber eine Lösung, die die Beamten zu freudigem Lächeln bringt.

Stunde um Stunde geht es weiter voran, bis wir am Nachmittag durch Alba Iulia fahren, von wo aus es in die Berge geht. Hier scheint die Zeit vor Jahrzehnten stehengeblieben zu sein, Ochsenkarren und Pferdekutschen kreuz en unseren Weg. Manche Häuser haben weder Wasseranschluss noch Kanalisation, primitive Brunnen und Gräben müssen für die Menschen dort genügen.

Vor einem Dorf erreichen wir schließlich unser Ziel, wo zukünftig Steine gebrochen werden sollen. Die Auflieger werden ein letztes Mal von den Zugmaschinen abgesattelt, ein schönes Gefühl, ohne große Probleme durchgekommen zu sein. Ein abendliches Festmahl mit den Angestellten der Baustofffirma besiegelt den Erfolg.

Am nächsten Tag geht es mit den Zugmaschinen heimwärts, diesmal durch die Berge nach Oradea. Man sieht verarmte Menschen, die ihr Hab und Gut schleppen müssen, weil das Geld nicht für einen Handkarren reicht. Nach der Rumänientour betrachtet man den Wohlstand in Deutschland mit anderen Augen. Das Land, jüngstes Mitglied der EU, liegt so nah, und ist teils doch so fern.

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