Norwegen-Auswanderer: Ein Wintertraum

Herrliche Landschaften in Norwegen
© Foto: Richard Kienberger

Bodo Falkenstein ist vor zweieinhalb Jahren nach Norwegen ausgewandert. Im Norden Skandinaviens fährt der deutsche Trucker mit seinem MAN- Tankzug noch in einem richtigen Winter über enge, verschneite Straßen.


Datum:
20.12.2016
Autor:
Richard Kienberger

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Ein wolkenverhangener Morgen auf einer verstopften Autobahn, die Lkw Stoßstange an Stoßstange. Trotzdem frisst der digitale Tachograf unerbittlich die Minuten, die dann später am Tag oder irgendwann die Woche fehlen werden. Und beim nächsten Stopp wieder nur genervte Kollegen oder schlimmer: Die "Rampenkönige" der Supermarktketten, denen es sadistische Freude zu bereiten scheint, die Lkw-Fahrer nach ihrer Pfeife tanzen zu lassen.

Es gibt unzählige Lkw-Fahrer, deren Tage so aussehen. Freiheit und Abenteuer und ein selbstverantwortliches Leben zwischen Laden und Entladen? Kaum mehr in diesem Job. Heute arbeiten Fahrer, vor allem wenn sie in den dicht besiedelten Ballungsräumen Europas unterwegs sind, unter anderen Voraussetzungen.

Für Bodo Falkenstein sind das alles nur noch Erinnerungen an eine vergangene Zeit. Er hat seinen Traumjob gefunden - wenn auch auf Umwegen. Es war eine Überraschung, als mein norwegischer Kollege Halvdan am Abend vor unserem Treffen mit "dem Fahrer eines MAN-Tankzugs", den wir am nächsten Morgen begleiten wollen, ganz nebenbei erwähnte, dass dieser aus Deutschland stamme.

DIE LANDSCHAFT WIRKT WIE EIN TRAUM AUS NEBEL UND WIRBELNDEN FLOCKEN

Ein Deutscher, den es ausgerechnet in den kalten Norden Norwegens verschlagen hat? In die Region Tromsø, wo die Straßen schmal und kurvig sind und der Winter noch für Abenteuer sorgt? Wir treffen den 41-Jährigen frühmorgens an einer Shell-Station am Stadtrand von Finnsnes, um ein paar Fjorde herum südwestlich von Tromsø. Nach Flakstadvåg auf die Insel Senja müsse er fahren, erzählt Bodo, und dort Fischabfälle laden. Was sich nach einem Auftrag anhört, der Unbedarften möglicherweise die Nase reizen oder auf den Magen schlagen könnte ... Doch es kommt ganz anders.

Nachdem Falkenstein mit seinem MAN die hohe Brücke über den Fjord überquert hat, der Senja zur Insel macht, tauchen wir ein in eine andere Welt. Der Winter ist in Senja mehr noch als auf dem Festland das, was man eigentlich darunter versteht. Eine Jahreszeit, in der ein Landstrich unter Schnee und Eis verschwindet. Nein, nicht verschwindet: Die Landschaft wirkt in der langen Dämmerung mit ihrer weißen Decke viel dramatischer als im Sommer, manchmal unwirklich konturlos, wie ein Traum, der sich in Nebel und wirbelnden Flocken auflöst und dann wieder wie ein kaltes, auf die Farben Schwarz, Weiß und Grau reduziertes Bühnenbild. Der nahe Atlantik sorgt für unstetes Wetter: Manchmal verändern dann Sonne und Wolken das Zusammenspiel von Bergen und Meer innerhalb weniger Minuten mit geradezu dramatischen Stimmungswechseln.

Hier im Norden sind die Tage um diese Jahreszeit noch erheblich kürzer als in der Mitte Europas. Auf den ersten Kilometern schrumpft Bodos MAN in der weißen Einöde auf die Größe eines Spielzeugautos. Die Scheinwerfer tasten sich vorsichtig durch schier endloses Weiß, leuchten weiße Kurven aus und streifen über die weiße Fahrbahn, auf der kaum Fahrspuren zu erkennen sind.

DER NORDISCHE WINTERTRAUM VERLANGT NACH VIEL ERFAHRUNG

Mit dem beginnenden Tag ändert sich das Licht. Auch an diesem Morgen reißt die Wolkendecke immer wieder auf. Und während der Truck im Schatten eines Berges unterwegs ist, leuchten im Hintergrund schroffe Felshänge oder Wolkenfetzen in diesen intensiven Farben, die für den arktischen Norden typisch sind. Die norwegische Insel ist fraglos ein Wintertraum. Doch die Straße mit der Nummer 86, auf der sich Falkenstein seinem Ziel am Westrand der Insel nähert, ist eben auch weit weg von mitteleuropäischen Verhältnissen. Er muss oft lange im Voraus einschätzen, ob die schmale Fahrbahn mit ihren kernigen Steigungen und Gefällen ohne Ketten zu schaffen ist. Am Berg hängen zu bleiben, ist so ziemlich das Unangenehmste, was einem Fahrer hier passieren kann. Jedenfalls, solange der Truck noch auf der Straße steht. Inzwischen kennt er die Strecke gut. Die Ladestellen sind ja immer die Gleichen, zum Beispiel sieben oder acht auf Senja, die zweitgrößte norwegische Insel. Trotzdem: Die Verhältnisse ändern sich schnell, eine Haarnadelkurve, die auf der Fahrt zur Ladestelle noch problemlos zu meistern war, kann sich bei entsprechenden Wetterverhältnissen auf dem Rückweg in eine tückische Eisbahn verwandelt haben.

"Es ist nicht ganz einfach," erzählt Falkenstein. "Aber ich bin auch früher schon gerne im Winter gefahren, wenn viele Kollegen nur die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben." Seit 1997 arbeitete der gelernte Metallbauer, der aus Dresden kommt, zu Hause als Lkw-Fahrer.Die Antwort auf die Frage, wie es dazu kam, dass er jetzt seit zweieinhalb Jahren in Norwegen fährt, fällt nüchtern und kurz aus, skandinavisch zurückhaltend eben: Er sei zu Besuch bei einem Freund gewesen, es habe ihm gut gefallen "und drei Monate später war ich da".

HIN UND WEG: AUSGEWANDERT NACH EINEM BESUCH BEI EINEM FREUND

Manchmal wechselt ein Leben erstaunlich unkompliziert die Richtung. Zunächst fuhr er zehn Monate lang bei einer Spedition, was aber wohl nicht das Richtige für ihn war. Danach heuerte er bei seinem derzeitigen Arbeitgeber Akva-Ren an, deren Logistik-Chef ebenfalls ein deutscher Auswanderer ist. "Der Job hier ist perfekt, im normalen Speditionsverkehr will ich eigentlich nie wieder fahren", erzählt der Chauffeur.

Inzwischen spricht Falkenstein sehr gut Norwegisch. Am Anfang hat er eine Sprachschule besucht, um sich schneller zurecht und Kontakt zu finden. An der Ladestelle unterhält er sich problemlos und fließend mit einem Mitarbeiter der Fischfabrik.

Man plaudert über dies und jenes. Was zu tun ist, weiß der ausgewanderte Deutsche ohnehin: Zunächst rangiert er problemlos seinen Hängerzug zentimetergenau rückwärts zwischen einer Fabrikhalle und großen Felsblöcken neben einen Silo. In dem befinden sich die Abfälle des Verarbeitungsbetriebs - doch strenge Gerüche gibt es hier nicht: "Was bei der Verarbeitung der Lachse übrig bleibt, wird zerkleinert und mit verdünnter Säure vermischt. Das ist wie ein dicker Brei, den meine Firma weiterverarbeitet. Das stinkt nicht - weder nach Säure noch nach Fisch." Stimmt, es ist keine Behauptung von einem, der vielleicht immun geworden ist gegen den gewohnten Geruch, hier riecht es nur nach frischem Schnee.

VIEL GEWICHT AUF DER ANTRIEBSACHSE FÜR DIE FAHRT ÜBER DIE BERGE

Das Ganze ist letztlich ein geschlossener Kreislauf. Aus dem Silo wird der Brei mit den Schläuchen, die der Truck an Bord hat, direkt in die Tanks von Truck und Trailer gepumpt. Bodo hat ein wenig Spielraum und befüllt die Kammern auf dem Lkw-Tank zunächst so, dass die angetriebene Achse satt belastet wird. Später, noch auf der Insel, aber nach dem steilsten Streckenabschnitt, wird er die Ventile zwischen den Kammern öffnen und so dafür sorgen, dass sich der Brei gleichmäßig verteilt und damit die Achslasten hundertprozentig passen - sollte er zufällig kontrolliert werden.

Den schmucken dunkelblauen MAN TGX fährt Falkenstein erst seit Anfang des Jahres. Der Vierachser wird von einem D38-Motor mit 560 PS angetrieben - angesichts der schwierigen Topografie ist das sicher eine angemessene Leistung. Aufbau und Hänger, beide von der finnischen Firma Nordic Tank, sind schon älter. "Die halten zehn oder fünfzehn Jahre", erklärt Bodo. Mit seinen sechs Achsen ist der Zug für ein Gesamtgewicht von 50 Tonnen gut. "Das Leergewicht ist mit rund 22 Tonnen vergleichsweise hoch. Aber nachdem die Pumpen ebenso wie alles andere säurefest ausgeführt sind - und mit den ganzen ADR-Extras - wird so eine Kombination einfach schwerer. Die Nutzlast mit rund 28 Tonnen reicht gerade so, manchmal wird es halt grenzwertig." Rund 130.000 Kilometer schafft Bodo Falkenstein pro Jahr. Eine erstaunliche Leistung angesichts der anspruchsvollen Straßenverhältnisse in Norwegen.

Es ist nicht nur ein Touristenklischee, das Land besteht tatsächlich aus einer Mischung aus Fjorden und Bergen, in die vereinzelte Dörfer und Städte eingestreut sind. Gerade Straßenabschnitte sind selten, Fahrbahnen winden sich immer um einen Meeresarm herum oder einen Berg hinauf. Fahrstrecken, die auf der Karte wie ein Katzensprung aussehen mögen, dauern meist viele Stunden. Allerdings hat Falkenstein einen unschätzbaren Vorteil: Er hat nie Wartezeiten beim Be- oder Entladen. Zudem unterliegt der Transport der Fischabfälle einer Sonderregelung, er ist sozusagen "tachografenfrei". Nur in den Sommermonaten, wenn die Schlachtereien den Betrieb herunterfahren, muss Bodo den elektronischen Aufpasser ebenso wie viele Kollegen minutengenau im Auge behalten: "In der Zeit fahren wir das Futter, das unsere Firma aus den Abfällen erzeugt, nach Finnland zu den Fuchs- oder Minkfarmen. Diese Transporte fallen unter die normalen Vorschriften."

OHNE DEN LÄSTIGEN PAPIERKRAM GEHT ES HIER LEIDER AUCH NICHT

Als der Tankzug nach kurzer Zeit beladen ist, holt Falkenstein einen Laptop und einen mobilen Drucker aus den Staufächern. Papierkram schätzt er nicht sonderlich, aber das gehört eben dazu. Für den Auftraggeber druckt er eine Seite aus und gibt sie im Büro ab. Danach gehen die Informationen über Ladezeit- und Ort sowie das Gewicht der Ladung elektronisch an die Firma. "In fünf Minuten hat der Kunde die Rechnung auf dem Tisch", schmunzelt der 41-Jährige und schwingt sich wieder hinters Cockpit des MAN. Inzwischen ist es hell geworden, aber die Sonne steht hier im arktischen Norden immer noch flach über dem Horizont. Die Wolken sorgen einmal mehr für eine dramatische Szenerie, als der Truck auf der leicht ansteigenden Straße aus Flakstadvåg hinausfährt. In diese unfassbar schöne Winterlandschaft mit ihren Bergen, den tief verschneiten Bäumen - und der schmalen Straße, die auch für einen souveränen Fahrer wie Bodo Falkenstein immer wieder eine Herausforderung darstellt.

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