Philippinen: Taifun stürzt Land in große Not

In zwei Stunden hat dieser Fahrer alles verloren. Der Aufbau seines Lebens wird lange dauern
© Foto: Claude Barutel

Taifun Hayan hinterließ auf den Philippinen Chaos und Elend. Jeder LKW wird gebraucht. TRUCKER war vor Ort.


Datum:
30.12.2013
Autor:
Redaktion TRUCKER

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Die Kolonne aus fünfzehn Lastwagen bahnt sich ihren Weg durch ein Gewirr aus umgestürzten Bäumen, Strommasten und Haustrümmern. An der Seitenwand der Fahrzeuge flattert die israelische Flagge. Krisenmanagement ist für das israelische Militär Alltag, und so wird aus einer Entfernung von 10.000 Kilometern wertvolles Know-how auf den Weg gebracht. Know-how und Effizienz werden auch notwendig sein, denn der Taifun, der die Philippinen vier Tage zuvor heimgesucht hat, ist einer der schlimmsten, den die Welt je gesehen hat - mit Windstärken von mehr als 300 Kilometern pro Stunde und Riesenwellen, die mehr als 6000 Menschen das Leben kosteten.

Über eine Strecke von rund zehn Kilometern bietet sich das Bild einer Apokalypse. Kakao- und Bananenplantagen wurden dem Erdboden gleichgemacht, Häuser zerquetscht wie Streichholzschachteln. Tausende Menschen stehen dicht gedrängt am Straßenrand, um etwas Reis und Wasser zu ergattern. Dem Hungertod zu entkommen, steht für die Katastrophenopfer im Vordergrund, und alle warten auf eine Hilfe, die viel zu schleppend ihr Ziel erreicht. Die Philippinen sind ein aus über 7000 Inseln bestehendes Archipel, von denen etliche nun vor katastrophalen Schäden der Infrastruktur stehen.

Doch die internationale Hilfe, die bisher in Manila und auf Cebu ankam, muss irgendwie weitergeleitet werden. Alle fahrtauglichen Transportfahrzeuge sind bis an den Rand mit Reis, Medikamenten, Generatoren und Mineralwasser beladen. Internationale Organisationen, das Philippinische Rote Kreuz, private Spender, Städte und Gemeinden - alle sind auf der Suche nach Transportmitteln. Einige Nicht-Regierungsorganisationen sitzen deswegen tagelang fest.

SALVADORS LKW WIRD SOFORT ZUM RÄUMEN DER STRASSEN GEBRAUCHT

Mit seinem ausgebleichten Hut und seinem Acht-Tage-Bart gleicht Salvador eher einem Südseepiraten. Bei den meisten erweckt er nicht den Eindruck, allzu wichtig zu sein. Mit seinem alten Ami-Kastenwagen aus dem Zweiten Weltkrieg, vom Rost zerfressen und von den Kindern ausgelacht, erreicht er jetzt einen unglaublichen sozialen Aufstieg. Sein Fahrzeug wurde von den städtischen Behörden von Bogo City gemietet, um die Straßen für den Verkehr freizuräumen, "Das hatte oberste Priorität", erklärt er in erstaunlich gutem Englisch. "Ohne brauchbare Straßen kommt keine Hilfe an." Eine wahre Fleißarbeit, die mit Hilfe der ansässigen Bevölkerung in Rekordzeit erledigt war.

Überall entlang der Straßen steigt einem beißender Rauch in die Augen, von den vielen Feuern, die alles verschlingen, was nicht mehr verwertet werden kann. Vom Wind geknickte Lichtmasten werden an den Fahrbahnrand geschoben. Salvador hatte noch Glück im Unglück, denn der Taifun verschonte immerhin seinen Lastwagen. Auf einem freien Feld abgestellt entkam er den umstürzenden Bäumen. Ein paar hundert Meter weiter wurde eine Kirche vollständig vom Wind verschluckt, übrig blieb nur die Statue der Jungfrau Maria auf einem Zementsockel. "Der Sturm dauerte zwei Stunden und sechs Minuten", erinnert sich Salvador. "Ich habe mich unter dem Motor meines LKW verkrochen. Überall um mich herum flogen Häuser und entwurzelte Bäume durch die Luft. Es war wie die Hölle auf Erden." Obwohl grundsätzlich nicht sehr gläubig, ging Salvador am nächsten Sonntag zuerst zur Messe, bevor er sich noch mehr betrank als sonst.

Als die Straßen freigeräumt waren, konnte die humanitäre Hilfe endlich eintreffen. Zuerst über die Luft per Hubschrauber und Flugzeug, um die dringendste Not zu lindern, dann auf dem Landweg. Eine Woche nach der Katastrophe sieht man eine ununterbrochene Schlange von Lastwagen, die sich in Richtung Norden der Insel Cebu bewegt. Neben der Versorgung mit Lebensmitteln, die absolute Priorität hat, konzentriert man sich auf die Wiederherstellung der Kommunikations- und Stromnetze. Dutzende LKWs der philippinischen Telekom sind unterwegs, das über weite Gebiete vollständig zerstörte Strom- und Telefonnetz muss instandgesetzt werden. Der Aufwand, die Masten zu erneuern, ist riesig, aber lebensnotwendig. Man sieht den Männern die Erschöpfung deutlich an. Sie arbeiten ohne Unterbrechung in der Gluthitze.

Es herrscht dichter Verkehr aus Fahrzeugen, die von mehr oder weniger vertrauenswürdigen Organisationen angemietet wurden und die eine günstige Gelegenheit sehen, groß herauszukommen. Politiker gehörten zu den ersten, die auf diesen Zug aufsprangen, für die lokale Bevölkerung ist das ein altes Lied. Es gehen Gerüchte um, wonach gewisse Amtsträger auf Hilfspakete werbewirksam ihren eigenen Namen drucken. Salvador spuckt verächtlich aus, als er an die feinen Herren Politiker denkt. Wie viele andere Fahrer hat er seine Motorhaube mit einem großen Banner versehen. Darauf steht "NO POLITIC", womit er verdeutlichen will, dass er sich von niemandem vor den Karren spannen lässt. Hinter uns wirft eine Kolonne nagelneuer Allradfahrzeuge mit getönten Scheiben den am Straßenrand stehenden Menschen Mineralwasser und Gebäck zu. "Die Reichen von Cebu werden sehen, wie die Armen durchhalten", bemerkt Salvador, und seine Miene verdüstert sich noch etwas mehr. Kein Wunder bei diesem Anblick. Man fotografiert sich gegenseitig mit dem iPad, macht dabei das Siegeszeichen. Die vom Taifun verwirbelten Holzhäuser bilden die traurige Kulisse. Es erinnert an eine Werbekampagne, nur dass hier Elend und Verzweiflung zum Bild gehören. Wir kommen an einem Gebäude vorbei, das Dach weggerissen, ein Metallgerippe auf einer Flotte geparkter LKW liegend. Der Besitzer dieses Transportunternehmens ist verzweifelt. In nur zwei schicksalhaften Stunden hat er alles verloren. Eine Versicherung hat hier keiner.

DIE ÄRMSTEN DER ARMEN PLÜNDERN IN IHRER NOT HUMANITÄRE HILFSKONVOIS

Guillermo war in Leyte, als der Taifun zuschlug. Zum Glück blieb sein Haus verschont, und er konnte zur Insel zurückkehren, wo er regelmäßig als Fahrer für eine große Transportfirma arbeitet. Undenkbar, in diesen schweren Zeiten einen Zahltag auszulassen. Sein Laster wurde vom Philippinischen Roten Kreuz gemietet und fuhr in den gänzlich zerstörten nördlichen Teil der Insel, mit einer Ladung Medikamente und Reis an Bord. "Die Lage in Leyte ist noch schlimmer als hier", erklärt er mit Entsetzen. "Die Konvois mit den Hilfsgütern an Bord werden teils mit Waffen von Menschen angegriffen, die nichts mehr zu essen haben. Es gilt das Recht der ausweglos Verzweifelten. Ich gehe da nur noch mit Begleitschutz durch das Militär hin." Der Mangel an Fahrzeugen macht die Lage noch explosiver. Leichen verwesen entlang der Straßen, Solidarität ist zum Fremdwort geworden und die zuständigen Behörden verteilen die Lebensmittel nur in Dörfern, wo die richtigen Kandidaten gewählt wurden. Guillermo versteckt seine vor Schlafmangel geröteten Augen hinter einer Brille. "Frachtflugzeuge mit Hilfsgütern landen auf dem Flughafen in Cebu, aber es gibt nicht genügend LKW für den Transport", sagt er mit erschöpfter Stimme. Und doch kann die Versorgung der geschädigten Gebiete sichergestellt werden. Motorrad-Taxis befördern Kühe, Schweine oder Geflügel. Fahrräder biegen sich unter der Last eines Zentners Reis. Improvisationsgeschick ist gefragt, und jeder Besitzer eines fahrbaren Untersatzes weiß, dass er Gold wert ist. Doch den meisten stehen schwere Zeiten bevor.

Die Katastrophe zeigt einmal mehr auf ihre Art, welche Bedeutung der Straßenverkehr hat. Hinter der Windschutzscheibe sitzt Guillermo mit traurigem Lächeln und Tränen in den Augen. "Es wird sehr lange dauern, bis alles wieder aufgebaut ist", so sein Schlusssatz, aus dem auch ein gewisser Stolz spricht. Geht es bei dem ganzen Chaos doch um sein Land.

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