Polizeischulung für die LKW-Kontrolle

Im Team Besprechen die Polizeischüler die ersten Ergebnisse
© Foto: Reiner Rosenfeld

Die haben ja keine Ahnung?! Wie Polizisten für LKW-Kontrollen ausgebildet werden und wie sie auf aktuellem Stand bleiben - TRUCKER machte sich ein Bild davon, bei einer Weiterbildung der Polizei.


Datum:
18.02.2013
Autor:
Reiner Rosenfeld

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So - und jetzt Fuß von der Bremse, Handbremse lösen und einfach sitzen bleiben!", ruft Polizeihauptmeisterin Brigitte S. dem LKW-Fahrer zu, der seinen Kipperzug gerade auf sechs Radlast-Waagen stellen musste. Kurz vorher hat sie noch sichergestellt, dass die restlichen Räder auf Ausgleichsmatten stehen, die die Höhendifferenz zwischen Waage und Boden glätten und das Fahrzeug mit Keilen gegen Wegrollen gesichert ist. Nur so ist es möglich, das Fahrzeuggewicht aufs Kilo genau zu ermitteln. Das hat die junge Frau zusammen mit 14 Kollegen in den vergangenen beiden Tagen im Fortbildungsinstitut der Bayrischen Polizei in Ainring im Seminar "Gewicht und Ladung" so gelernt.

Für die erfahrene Polizistin, die ihren Dienst bei einer Autobahnpolizeistation an der A 8 absolviert, ist das Wiegen von Fahrzeugen eigentlich nichts Neues. Die meisten Details kennt die 34-Jährige aus dem Effeff, ist aber dankbar, in der einwöchigen Schulung zusätzliche Hintergründe in Erfahrung bringen zu können. Denn bisher hat sie Wiege-Knowhow überwiegend in dienststelleninternen Schulungen vermittelt bekommen; von Kollegen, die vorher Seminare wie das in Ainring absolviert haben.

Wer stattdessen lieber selbst die einwöchigen Intensivseminare besuchen will und sich für einen Platz bewirbt, braucht eine gute Portion Glück. "Die Weiterbildungen sind begehrt in den Reihen der Polizei und stehen in allen Bundesländern nur in begrenzter Zahl zur Verfügung", erklärt der Erste Polizeihauptkommissar Thomas Watzl, der als Ausbilder in Ainring jährlich rund dreihundert Kollegen Wissen zum richtigen Wiegen und über Fahrzeugtechnik vermittelt. Andere LKW-spezifische Inhalte, die im Ainringer Fortbildungsinstitut, ebenfalls in einwöchigen Kursen, ausgebildet werden, sind Sozialvorschriften samt Digitalem Tacho und Ladungssicherung.

Wobei alle Ausbilder absolute Spezialisten sind. Thomas Watzl beispielsweise ist Kfz-Ingenieur, amtlich anerkannter Sachverständiger und regelmäßig aktiv bei Fahrzeugkontrollen am deutschösterreichischen Grenzübergang Walserberg.

THEORIE MIT MATERIAL VON DER STRASSE

Aus dieser Praxis stammt auch das Anschauungsmaterial, das er seinen Seminarteilnehmern, neben rechtlichen und theoretischen Hintergründen zum richtigen Verwiegen, präsentiert. So demonstriert er an einem abgerissenen Königszapfen samt einem halben Quadratmeter verbogenen Stahls, wie sich stetige Überladungen auf die Fahrzeugsicherheit auswirken können.

Der Stahl, der den Königszapfen ursprünglich an einem Schüttgutsilo gehalten hat, war durch Materialermüdung so mürbe geworden, dass er sich in einer Autobahneinfahrt urplötzlich wie eine Bananenschale aus dem Silo gelöst hat. Danach gingen Zugfahrzeug und Auflieger buchstäblich getrennte Wege. Viele der Seminarteilnehmer kennen solche Beispiele von drastischen Überladungen aus der eigenen Kontrollpraxis, wie zum Beispiel einen 3,5-Tonner, der mit irrsinnigen sieben Tonnen Gesamtgewicht gewogen wurde, oder LKW, die mit 50 Prozent Achslastüberschreitung oder 60 Tonnen Gesamtgewicht aus dem Verkehr gezogen werden müssen.

Kopfzerbrechen bereiten Watzl und seinen Teilnehmern auch Langholz- und Schwertransporte, die Überladungen für sich gepachtet zu haben scheinen. Gleichzeitig sind solche Transporte aber nur sehr aufwändig zu wiegen, weil sie wegen der Überlänge nicht auf normale Brückenwaagen passen; und Radlastwaagen gehören noch nicht zur Standardausrüstungen deutscher Polizeiinspektionen. Deswegen bespricht Thomas Watzl auch ganz detailliert mit den Kursteilnehmern, wie Lastfahrzeuge auf Brückenwaagen hundert Prozent rechtlich korrekt gewogen werden können. Dabei scheut er auch nicht vor der Empfehlung zurück, eindeutig überladene Fahrzeuge, die zu lang oder zu schwer für Brückenwaagen sind, wenn möglich abladen und dann Fahrzeug und Ladung getrennt wiegen zu lassen. "Dass das dann etwas länger dauert", so Watzl, "soll nicht unser Problem sein. Schließlich gefährden extrem überladene Fahrzeuge die Verkehrssicherheit und zerstören Straßen."

Tatsächlich schädigt schon eine einzige Tonne Überlast auf einer 11,5-Tonnen-Antriebsachse die Straßenoberfläche so stark wie zusätzliche 160.000 PKW-Überfahrten. "Das sind Zahlen, die auch LKW-Fahrern verdeutlichen, wie wichtig das Einhalten von Achs- und Gesamtgewichten sein kann", ist Thomas Watzl überzeugt.

Gleichzeitig ruft er seine Kursteilnehmer dazu auf, den Bogen trotz bußgeldbewährter Überladungen bei Kontrollen nicht zu überspannen. Das Um- oder Abladen sollte erst dann angeordnet werden, so meint er, wenn wirklich alle rechtlichen Spielräume ausgeschöpft und Toleranzen abgezogen sind. Schließlich können LKW-Fahrer ohne integrierte Waagen kaum erkennen, ob Achsen um ein paar hundert Kilo überladen oder der 40-Tonner ein oder zwei Tonnen zu schwer ist.

FÜR KONTROLLWIEGUNG IST KEIN WEG ZU WEIT

Was darüber hinaus geht, da ist sich Watzl sicher, können Fahrer, die regelmäßig mit demselben Fahrzeug unterwegs sind, aber durchaus einschätzen. Klare Verhältnisse schafft er auch bei der Frage, welche Umwege Fahrer auf dem Weg zu einer Kontrollwiegung in Kauf nehmen müssen. "Entfernungsbegrenzungen gibt es da keine", stellt er klar. Selbst wenn die Waage zwanzig Kilometer gegen die Fahrtrichtung liegt, muss der Chauffeur die Strecke fahren. Allerdings sollte die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden. Die sechs Kilometer, die in Fahrerköpfen rumspuken, stammen noch aus Zeiten, als Lasten mit Pferdefuhrwerken befördert wurden. Das entspricht der Strecke, die in einer Stunde per Huf zurückgelegt werden konnte.

Wenig später informiert Watzl seine Schüler im Unterrichtsabschnitt "Erkennen von Überladungen" über die Tricks und Kniffe, mit denen Fahrer zu hohe Ladungsgewichte verschleiern. Dabei reicht das Spektrum vom gefälschten oder falschen Wiegeschein über getürkte RoLa-Reservierungen bis hin zum höheren Reifendruck, der verhindern soll, dass sich die Pneus unter Überlast zu sehr ausbeulen. Und gegen das alles kennt er ein Rezept: zum Beispiel, bei Kontrollen einen Reifendruckprüfer mitzuführen. Noch professioneller wird's wenig später beim Ortstermin beim LKW-Kranhersteller Palfinger, der seine Brückenwaage zu Demonstrationszwecken zur Verfügung stellt. Dort ist auch Polizeihauptmeister Christian H. anwesend, der extra mit einem Kontrollfahrzeug samt Radlastwaagen aus München angereist ist.

ÜBEN VON FEHLERFREIEN KONTROLLVORGÄNGEN

Nun vermitteln Watzl und sein Kollege direkt an einem Palfinger-LKW, wie auf verschiedenen Waagentypen perfekt gewogen wird. Dabei ist alles darauf ausgerichtet, Achslast, Stützlast und Gesamtgewicht ganz ohne Verfahrensfehler festzustellen. Denn später, in der harten Realität, müssen die Beweise auch vor Gericht Bestand haben. Sonst gehen den Beamten die wirklich dicken Fische, die oft vorsätzlich und extrem überladen und mit knallharten Anwälten vor dem Kadi erscheinen, durch die Lappen.

Bei der LKW-Kontrolle am Nachmittag dürfen die Trainees dann selbst zu Radlastwaage, Stift, Block und Taschenrechner greifen und ihr Können unter Beweis stellen. Tatsächlich ist der Kipperzug, den Polizeihauptmeisterin Brigitte S. zusammen mit einer Handvoll Kollegen aus dem Seminar gerade kontrolliert, an der letzten Achse ordentlich überladen. Statt erlaubter zehn zeigen die Waagen unter den Rädern zusammengerechnet mehr als elf Tonnen an.

Nach Abzug des so genannten Verkehrsfehlers, der aus der Skala der Waagen errechnet werden muss, bleiben exakt zehn Prozent Überladung übrig. Dafür gibt's eine Anzeige, 80 Euro Bußgeld, und umgeladen werden muss auch noch. Denn zum Weiterfahren ist die Achslast einfach zu hoch. Aus Sicht von LKW-Fahrern ist die Übungskontrolle der Seminaristen dennoch ein kleiner Erfolg. Denn von zwölf kontrollierten Lastwagen hat nur einer, der österreichische Sattelkipper, ernsthafte Probleme wegen seiner Tonnage. Zu denken sollte allerdings geben, dass vier Fahrzeuge erhebliche Mängel an Reifen haben und ein Baustellenfahrzeug wegen technischer Mängel aus dem Verkehr gezogen werden muss.

RESPEKT GEGENÜBER DEN KOOPERATIVEN FAHRERN

Festgestellt hat den Mangel Thomas Watzl, der sich bei den Seminarübungen nicht mit dem Beobachterstatus zufriedengeben will. Schließlich verfolgen Polizeiseminare, laut Watzl, das Ziel, die Teilnehmer umfassend fit zu machen für den Beruf, auch durch den Austausch unter Kollegen. Der Sachverständige Watzl nimmt das wörtlich, klettert deswegen im grünen Polizeioverall unter Fahrzeuge und zeigt den Kollegen dort, wie sie mit fachkundigen Griffen und Blicken die Technik von Fahrzeugen prüfen können. Oder er erklärt, aus welchem Blickwinkel am einfachsten der Zustand von Bremsscheiben und Beläge gecheckt werden können, ohne unterm Auto zu liegen. Währenddessen diskutieren andere Seminarteilnehmer am Objekt, wie eine unzureichend gesicherte Stahlladung nachgesichert werden kann, ohne einen Kran anzufordern.

"Es ist auch dieser Austausch unter Kollegen, der Weiterbildungsseminare so attraktiv macht", fasst Polizeihauptmeisterin Brigitte S. ihre persönliche Motivation zusammen, regelmäßig an Weiterbildungen teilzunehmen.

Wobei sich die Ordnungshüter dann auch über LKW-Fahrer unterhalten, und zwar sehr respektvoll. Zumindest über den Großteil der Fahrer. Das sind die, die sich in Kontrollen professionell und kooperativ verhalten. Und die wenigen anderen, die Unbelehrbaren, werden mindestens schmunzelnd zur Kenntnis genommen. So wie der Kieskutscher, der vor ein paar Monaten trotz Polizeieskorte auf dem erzwungenen Weg zur Waage einfach angehalten und seine Ladung in den Straßengraben gekippt hat. Sinn hat's keinen gemacht: Die Strafe wegen Überladung musste er trotzdem zahlen und zusätzlich einen Batzen Geld für das Abkippen. Das Gesetzbuch stuft so etwas als Straftat ein.

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