Prinzessin der Straße

Prinzessin der Straße: Die Welt im Blick und die Gedanken frei
© Foto: Hans Lamminger/truck-shootings.com

Wenn Christina Scheib mit ihren gestylten Nägeln ins Steuer ihres Scanias greift, zeigt sie allen: Was ein Mann kann, kann eine Prinzessin schon lange.


Datum:
15.05.2018
Autor:
Julia Thomsen

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Lkw fahren ist für mich die Erfüllung!" Blonde Haare, gestylte Fingernägel und Perlenohrringe - wer Christina Scheib in ihre von dichten schwarzen Wimpern umgebenen Augen blickt, muss wohl ein zweites Mal hinhören, ob er gerade richtig verstanden hat. Eine hübsche Blondine mit einnehmendem Lächeln am Steuer eines Lkw? Doch genau dort ist Christina seit mittlerweile sieben Jahren zu Hause. Seit sie beschloss, sich mit dem Lkw-Führerschein einen Traum zu erfüllen.

Auf ihrem Schulweg sei ihr täglich ein Sattelzug entgegengekommen, der Fahrer habe ihr immer gewunken, erzählt die 32-Jährige. "Da hab ich gedacht: So einen will ich auch mal fahren!" Heute sitzt sie regelmäßig am Steuer eines Scania R 580 V8 mit Thermokipper.

Für die Firma Internationale Transporte Marcus Hafner pendelt sie zwischen Baustellen und Kieswerken und transportiert Asphalt und frisches Mischgut. Die oft schmutzige Arbeit auf den Baustellen steht für Christina dabei in keinerlei Widerspruch zu ihrem Äußeren: "Ob ich nun ins Büro gehe oder in den Lkw steige - ich mach mich eben zurecht, bevor ich zur Arbeit gehe", sagt sie und ergänzt lachend: "Ich bin eben eine Prinzessin, die auch anpacken kann!"

"ICH WOLLTE DIE RICHTIG GROSSEN DINGER FAHREN!"

Den royalen Titel hat sich die Trucker-Prinzessin selbst gegeben. "Lkw-Fahren ist wie Urlaub", schwärmt sie. "Vor mir die Straße, der freie Blick auf die Welt und Zeit zum Nachdenken - da fühle ich mich wie die Princess of the Road." Dass es in ihrem Job auch mal stressig sein kann, stört sie nicht. "Das ist doch guter Stress. Aber das liegt wohl an meiner positiven Einstellung." Viele würden sich das Leben und ihren Beruf mit ihrer negativen Einstellung kaputt machen. "Die sollten sie sich lieber etwas anderes suchen", meint Christina.

Mit ihrer ansteckend optimistischen Art hat die 580-PS-Prinzessin kürzlich auch die Herzen der DMAX-Zuschauer erobert. Über ihre Facebook-Seite, die inzwischen mehr als 4000 Fans hat, schrieb der Fernsehsender Christina an, fragte, ob sie Teil der Trucker-Reihe "Asphalt Cowboys" werden wollte. "Meine erste Reaktion war verhalten", erzählt sie. "Ich dachte nur, 'Ja, ja, ich bei den Asphalt Cowboys'." Doch schließlich sagte sie zu und ließ sich von der Produktionsfirma bei ihrer Arbeit mit der Kamera begleiten. Die Folge mit der charismatischen Blondine wurde ein voller Erfolg - weitere Folgen werden aktuell gedreht.

Dass sie tatsächlich einmal am Steuer eines 40-Tonners sitzen würde, hätte sich jene Christina, die auf ihrem Schulweg täglich einem Lkw-Fahrer winkte, kaum vorstellen können. Nach der mittleren Reife lernte sie zunächst Arzthelferin. Doch der Wunsch nach einem PS-starken Job blieb. "Ich wollte die richtig großen Dinger fahren!" Nebenberuflich hatte Christina früher schon für den ADAC gearbeitet. "Ich wollte dann fest im Pannendienst anfangen. Aber das ging nur mit Lkw-Führerschein", erklärt sie. Also finanzierte sie sich die Führerscheinausbildung kurzerhand aus eigener Tasche und fing beim ADAC auf einem 12-Tonner an.

Um sich ihren Traum von den "richtig großen Dingern" zu erfüllen, begann die frischgebackene Lkw-Fahrerin, Unternehmen in der Region anzuschreiben, ob sie einen Job für sie hätten. Darunter war damals schon die Firma Hafner. Zunächst hagelte es jedoch Absagen. "Einen Frischling wollte niemand auf seinen Lkw setzen - und erst recht keine Frau", vermutet Christina. Schließlich gab ihr die SHT Transporte in Hausham eine Chance, und die blonde Prinzessin konnte zeigen, was in ihr steckt. "Entweder, das Fahren liegt dir, oder eben nicht. Du darfst keine Angst haben", sagt sie. Kurze Zeit später fragte die Firma Hafner an, ob sie noch immer auf der Suche sei, und Christina wechselte schließlich in das Unternehmen in ihrem Heimatort Gmund.

FRAUEN IN DIESEM JOB VERDIENEN ANERKENNUNG

Seitdem fährt sie etwa zwei- bis dreimal pro Woche mit dem Kipper für Hafner. Da gerade auf Autobahnen oft nachts gebaut wird, ist sie dabei regelmäßig auch in der Nachtschicht unterwegs. Das stört sie nicht: "Wenn ich Zeit habe, fahre ich. Egal, ob tagsüber oder nachts."

Viel mehr als die nächtlichen Arbeitszeiten stören Christina die Vorurteile, mit denen sie es immer wieder zu tun hat. "Als Frau musst du immer 120 Prozent geben", bemerkt sie. "Ich arbeite oft härter als ein Mann." Besonders verletzend seien Vorurteile auf einer persönliche Ebene. "Als Frau zwischen Männern wirst du schnell als Freiwild gesehen", beklagt die 32-Jährige. "Wenn ich mich gut mit einem der Männer verstehe, heißt es gleich 'Ach, schon wieder ein anderer'." Auch deshalb würde Christina sich wünschen, dass mehr Frauen den Job als Fahrerin machen würden, um diese Männerwelt ein wenig aufzubrechen.

Bei ihren Auftritten bei den "Asphalt Cowboys" sieht Christina sich daher auch ein Stück weit als Botschafterin. Sie ist ihrem Chef, Marcus Hafner, dankbar, dass er ihr die Möglichkeit dazu gibt. Es gebe so viele Frauen, die diesen Job machen und dafür Respekt und Anerkennung verdienen. "Ich will mich ja nicht wichtig machen oder ein Promi werden." Denn die wachsende Aufmerksamkeit habe auch ihre Schattenseiten. "Ich bemerke leider, dass einige neidisch sind oder es nicht gut finden, dass ich bei den 'Aspahlt Cowboys' mitmache", erzählt sie. Aber das sei zum Glück eher die Ausnahme. "Die meisten finden es klasse."

Als Christina sich dazu entschied, künftig mit Lkw-Fahren ihre Brötchen zu verdienen, stieß das nicht bei allen auf Zustimmung. "'Du spinnst!', war die Reaktion meiner Oma", erinnert sie sich grinsend. Einige Freunde hatten für ihre Berufswahl auch kein Verständnis. "Die wichtigen sind aber geblieben. Sie akzeptieren, dass ich weniger Zeit habe, die ich mir aber gern für sie nehme." Christina bereute ihre Entscheidung keine Sekunde. "Ein Leben ohne Lkw ist für mich unvorstellbar!"

Derzeit hat die Trucker-Prinzessin dennoch einen Teil ihrer Zeit am Steuer gegen einen Bürostuhl eingetauscht. Im Landratsamt Bad Tölz hat sie eine Ausbildung zur Verwaltungsfachfrau abgeschlossen. "Nur als Back-up", wie sie betont. Wenn demnächst ein paar Kinderchen um die Ecke kämen, möchte sie für diese da sein. "Zumindest eine Weile - bevor ich wieder Lkw fahre." Einmal Trucker-Prinzessin, immer Trucker-Prinzessin.

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