Rettungsaktion der NVG: Keine Nachwuchssorgen

Kaum zuhause, hat Jannis damit begonnen, den Magirus auf Vordermann zu bringen
© Foto: Hermann Huentemann

Im E-Mail-Postfach des TRUCKER landete kürzlich eine ungewöhnliche Mail. Entsorgungsunternehmer Rainer Hofmann wollte uns seinen Magirus übereignen, um den Oldtimer vor dem Verschrotten zu bewahren.


Datum:
23.07.2017
Autor:
Gerhard Gruenig

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Als TRUCKER-Chefredakteur Gerhard Grünig vor einigen Wochen sein E-Mail-Postfach öffnete, staunte er nicht schlecht. "Liebes TRUCKER-Team", stand dort in einer Mail zu lesen, "seit meiner Kindheit und Jugend bin ich euer begeisterter Leser. Aufgewachsen in der Zeit von Franz Meersdonk und Günther Willers war es mein Traum, ein Unternehmer mit vielen Lkw zu werden. Das hat auch geklappt."

Klar freut man sich mit, wenn jemand seinen Traum verwirklichen konnte. Doch dann kam Rainer Hofmann, der Mailverfasser, zum Punkt: "Wir haben in unserem Unternehmen einen Magirus- Deutz-Oldie. Den nannten unsere Mitarbeiter liebevoll 'ALF'. Wir hatten ihn vor vielen Jahren im Einsatz und er war ein treuer Begleiter auf vielen Trucker-Treffen. Das ist Vergangenheit. ALF bräuchte wieder einiges an Zuwendung. Wir kommen nicht mehr dazu, aber verschrotten wollen wir ihn nicht. Wir würden euch gerne ALF für ein Projekt kostenfrei zur Verfügung stellen."

ERST NACH JAHREN WURDE ALF ZUM FESTIVAL-TRUCK

Keine Frage, die TRUCKER-Redaktion hat ein Herz für Lkw im Allgemeinen und Oldies im Speziellen. Doch einen alten Magirus zu restaurieren, das übersteigt unsere Möglichkeiten. Aber wir wussten Rat. Schon länger kennen wir Jannis. Der 17-jährige Konstruktionsmechaniker hat schon eine DKW Hummel in Topzustand restauriert, er langt kräftig mit hin, wenn Papa einen seiner Lkw-Oldies instand setzt und kurvt nur zu gerne bei Treffen in der Grube, denn da geht's meist ohne Führerschein. Von unserem Anruf bei ihm mit der Nachricht, dass er einen alten Magirus haben könne, bis zu "Hey Papa, spann den Mercedes vor den Tieflader, wir müssen nach Nürnberg" waren es nur Minuten.

Doch vor den Lohn hat der liebe Gott den Schweiß gestellt. Ehe "Paps" anspannen konnte, musste der alte Daimler NG erstmal über den TÜV. Wie man sich vorstellen kann: Mal eben schnell ist nicht. Vorne eine neue Lenkschubstange, hinten neue Buchsen für den Stabilisator - und weil Jannis und der Herr Vater schon mal dran waren, bekam der Tieflader auch noch schnell neue Blattfederaufnahmen. Lohn der Mühe: Tadellose Werte auf dem Bremsenprüfstand und eine Plakette ohne Mängel.

600 KM AUTOBAHN UND VIELE STAUS BIS BÜCHENBACH

Wir schreiben Freitagnachmittag, 15.30 Uhr: Abfahrt mit dem NG samt Tieflader ins gut 600 Kilometer entfernte Büchenbach bei Nürnberg. Kurze Zeit später der erste von insgesamt sechs Staus - und gut zwei Stunden verloren. Aber irgendwie und irgendwann geht's weiter Richtung Nürnberg. In den Kasseler Bergen stellt man fest, dass die dreißig Jahre jüngeren Lkw mit gut 500 PS doch ein wenig überlegen sind. Nach gut zehn Stunden Fahrt erreichen Jannis und sein Chauffeur - pardon, Vater - um Mitternacht den Firmenhof von Rainer Hofmann. Kein Hotelzimmer weit und breit ... Also testet das Vater-Sohn-Gespann die vierzig Jahre alten NG-Betten. Muss man nicht haben, gehört aber dazu. Samstagmorgen, 6.30 Uhr: Aufstehen, Zähne putzen, Katzenwäsche, saubere Klamotten angezogen und noch schnell zum Bäcker, Brötchen und Kaffee mitnehmen.

Pünktlich um acht Uhr steht Jannis vor der Werkstatt von Hofmann und erspäht zum ersten Mal, was er bislang nur von Bildern kennt: "seinen" Magirus. Rainer Hofmann betritt die Szene und lädt zum zweiten Frühstück. Mit dabei viele Weggefährten der Trucker-Treffen aus vergangenen Zeiten, die alle Abschied nehmen wollen. Zwei der ehemaligen Erbauer helfen wehmütig mit, den Magirus auf den Tieflader zu verstauen, und erzählen dabei immer wieder von den schönen Treffen. Wer saß nicht schon alles in ALF: Die Band Truck Stop, Redakteure des Bayerischen Rundfunks, sogar ein paar bekannte TV-Größen. Vierzehn Pokale bekam ALF in all den Jahren.

Dass ALF so bunt ist, liegt daran, dass er nach dem Umbau bei der Friedrich Hofmann Betriebsgesellschaft für Umweltlösungen im Landkreis Nürnberg an Schulen und öffentlichen Einrichtungen alte Batterien und Farbreste abholte. Wenn man so will, war ALF eines der ersten Umweltmobile.

MIT BUNTER FARBE VOM LKW ZUM EVENTMOBIL

Aus den alten Farbresten schuf ein Pinselkünstler den farbigen Magirus. Jahre später wurde aus ihm das Eventmobil. Ein wilder Ruhestand mit Truck-Grand-Prix am Nürburgring und zahlreichen anderen Festivals. Aber das Alter setzte ihm mächtig zu. Die jungen Männer widmeten sich Frau und Kindern. Für ALF hatte keiner mehr Zeit. So stand er 15 Jahre neben der Halle.

Und trotzdem: Jannis schloss die mitgebrachten frischen Batterien an und nach ein wenig Orgeln lief der Motor rund. Luftkühler werden nicht alt - nur besser! Jannis war außer Rand und Band und drehte ein paar vorsichtige Runden, ehe ihn der alte Herr auf den Tieflader dirigierte. Dann verzurren, Hände waschen, Danke sagen, viele wehmütige Blicke der Hofmann-Truppe und los ging's zurück nach Hause.

Es war Jannis Tag. Mit ALF auf dem Trailer ging es ohne Stau Richtung Heimat. Bei den Pausen gab der junge Lkw-Besitzer vielen staunenden Reisenden gerne Auskunft über seinen neuen Freund.

Chef und Kollegen der Firma Hofmann wollen im Juni den guten ALF auf dem NVG-Treffen in Aschen Diepholz besuchen. Bis dahin wartet noch jede Menge Arbeit auf Jannis, der die alte "Maggie" wieder in ihren Ursprungszustand zurückversetzen möchte - als knallgelben Post-Lkw.

Irgendwann soll ALF Teil des Museums "Die Oldieschrauber e. V." werden. Doch wie wir Jannis kennen, finden wir ALF eher auf diversen Treffen, als dass sich der heulende Luftgekühlte in einer Ausstellung die Reifen platt steht. Hermann Hüntemann

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