Verteilerfahrer in Hamburg: Ich zeig' Dir meine Welt

Vier "Gütertaxis" sind unterwegs. Eines fährt ein Angestellter
© Foto: Sarah Schmerse

"Du bist Lkw-Fahrer?" Die Hamburger Journalistin Sarah Schmerse kannte die Branche vor ihrer Begegnung mit Knut nicht - und ging neugierig mit auf Tour. Ein Schnuppertag im Verteilerverkehr.


Datum:
31.08.2015
Autor:
Redaktion TRUCKER

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Die Luft riecht nach Regen und es ist noch frisch, als Knut um 5:10 Uhr in seinen Truck steigt, um die ersten Kunden im Hamburger Umland zu beliefern. Die Straßen sind fast leer. Seine Lieblingszeit, sagt er. Der erste Griff in seinem Zwölftonner geht zum Radio. Roadmusic. Die ist, neben einem Becher Kaffee, das Wichtigste auf seinen Touren.

5:15 Uhr: Huey Lewis and the News "It hit me like a hammer"

Knut Schultz ist 29 Jahre alt, groß und gutaussehend. Das hört er jedenfalls von den Frauen, wenn er am Wochenende auf dem Hamburger Kiez unterwegs ist. Er widerlegt jedes gängige Klischee des Lastkraftwagenfahrers. Weder hat er einen Bierbauch, noch trägt er Flanell. Vor seiner Zeit auf dem Bock studierte er Biologie und die meisten seiner Freunde arbeiten jetzt in ihren studierten Berufen. Nicht so Knut: Ihm ist es egal, ob es "hip" ist, Lkw zu fahren. Er tut es, weil es ihm Spaß macht und dies seine Leidenschaft ist. "Im Lkw zu sitzen und über die Landstraßen zu fahren, bedeutet für mich Freiheit." Sagt Knut. Vielleicht ist es gerade das, was auch seine Kunden spüren, wenn er sie beliefert. Sie lieben ihn wegen seiner fröhlichen und ausgeglichenen Art. Er singt zu jedem Song mit, laut und meistens falsch, aber aus vollem Herzen.

6:30 Uhr: Bobby McFerrin"don´t worry, be happy"

Die erste Fahrt geht bis nach Lüneburg. Eine Zahnarztpraxis hat eine neue Arbeitsplatte für die Mitarbeiterküche bestellt. Manchmal fährt er eine Tour auch nur für zwei Eimer Farbe, die jemand bestellt hat, der keine Lust hat, in den Baumarkt zu gehen. In den Zeiten der Internetbestellungen lassen sich die Leute am liebsten alles anliefern, ohne das Haus verlassen zu müssen, erklärt Knut. Seit er bei dem Fuhrunternehmen seiner Eltern angestellt ist, trifft er leider auch immer wieder auf Menschen, die wenig Verständnis für seinen Beruf aufbringen können oder wollen. "Viele begreifen einfach nicht, dass ein Lkw nun einmal groß und sperrig ist und nicht in jede Hofeinfahrt oder durch jedes Gartentor passt, um abzuladen. Dann muss ich auf der Straße halten." Doch das sind die wenigen Ausnahmen, die ihm gelegentlich auf die Nerven gehen. An den meisten Tagen sitzt er gerne auf dem Bock. Gerade das selbstständige Arbeiten, der Kundenkontakt und, na klar, das Fahren möchte er nicht mehr missen.

10:11 Uhr: Johnny Cash "Men in black"

Der Verkehr in Hamburg ist dicht. Ampeln und vor allem Baustellen erschweren das Vorankommen immens. Der Zeitplan ist straff, keine Zeit mehr für einen Kaffee an der Tankstelle. Knut sagt, er hätte lieber alle Baustellen auf einmal, einen Monat lang und dann freie Fahrt, als kleckerweise verteilt über das ganze Jahr. "Man weiß nie, wo man als nächstes steht", sagt er. Bei längeren Baustellenphasen telefoniert er via Headset mit seinem besten Freund Fritz. Das lenkt ihn ab und er bleibt entspannt. In Hamburg Lkw zu fahren, ist kein Geschenk, er freut sich immer, wenn er wieder auf der Autobahn ist. Doch auch im Umland, gerade auf den kleineren Dörfern, lauern hinter jeder Ecke Tücken für den Atego. Feldwege, enge Gassen und Schlaglöcher sind neben viel zu schmalen oder zu niedrigen Brücken nur einige davon. "Es ist jedes Mal wieder eine Überraschung, wenn ich einen Neukunden beliefere", erklärt Knut, trommelt aufs Lenkrad und singt den nächsten Song mit.

12:30 Uhr: Phil Collins "You can´t hurry love"

Knuts Oberarme sind muskulös und auch insgesamt wirkt er durchtrainiert. Ein Fitnesscenter besucht er aber nicht, sagt er. Das ständige Einund Ausladen hält ihn fit. An den Wochenenden hilft er oft bei Umzügen in ganz Hamburg. Das ist noch ein ganz netter Zuverdienst, denn die Bezahlung, die er erhält, beschreibt er vorsichtig als "verbesserungswürdig", gerade gemessen an dem Arbeitsaufwand und den langen Tagen. In seinem studierten Beruf würde er wahrscheinlich mit deutlich weniger Zeitaufwand erheblich mehr verdienen. "Ich bin in einer Handwerkerfamilie aufgewachsen. Körperliche Arbeit halte ich schon immer für die ehrlichste Arbeit. Ich möchte abends nach Hause kommen und spüren, was ich den Tag über getan habe. Mir liegt das Arbeiten mit den Händen, da verzichte ich lieber auf eine bessere Bezahlung."

15:30 Uhr: Kings of Leon "Use somebody"

Fast Feierabend. Der letzte Kunde ist eine Herausforderung. Knut lädt 250 Kilo Pappe mit den bloßen Händen auf seinen Lkw, da der Stapler nicht unter die Palette passt. Dass er diesen Job wahrscheinlich körperlich nicht bis zum Rentenbeginn fortführen kann, ist ihm bewusst. Er denkt über eine Weiterbildung zum Verkehrsleiter nach, dann wäre er selbst Fuhrunternehmer und könnte später die letzten Jahre seiner Erwerbstätigkeit im Büro mit logistischen Aufgaben verbringen. Doch diesen Gedanken schiebt er vorerst beiseite: "So lange wie es geht, möchte ich fahren."

Warum wählen nicht mehr Menschen, gerade jüngere, diesen Beruf? Knut erläutert das so: "Die Öffentlichkeitsarbeit in diesem Berufsfeld ist eine Katastrophe. Immer noch überschatten Klischees und ein schlechtes Image die Branche. Viele denken nicht einmal darüber nach, dass hinter dem Steuer auch Menschen sitzen. Sie regen sich über die Autobahnriesen auf, die ihnen im Weg sind und vermuten hinter jedem Lenkrad einen beschränkten, unkonzentrierten und übergewichtigen Fahrer. Man müsste den Ausbildungsberuf viel attraktiver gestalten, dann hätte die Branche auch qualifizierten Nachwuchs." Mir jedenfalls ist klar: Wir haben in Deutschland kluge, gebildete Fahrer, Fahrer mit Charakter. Es gibt sie. Man muss nur ab und zu etwas genauer hinsehen. Sarah Schmerse

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