Vorbildlicher Trucker von allen im Stich gelassen

Sein vorbildlicher Einsatz half ihm wenig: Bernd Pankowski erhält nach seinem Herzinfarkt kaum Hilfe
© Foto: Bernd Pankowski

Mit letzter Kraft bringt Bernd Pankowski seinen LKW mit Fracht in Sicherheit, verständigt Polizei und Sanitäter. Dann ereilt ihn ein Herzinfarkt, den er nur knapp überlebt. Dank erhält er danach keinen, Hilfe nur mühsam.


Datum:
10.03.2014
Autor:
Johannes Reichel

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Akkurat streicht Bernd Pankowski das Laken seines Krankenhausbettes zurecht - mit dem, was ihm von seiner linken Hand noch übrig blieb nach seinem schweren Herzinfarkt an diesem Schicksalstag am Autohof Düsseldorf. Man merkt an der Geste: Bernd Pankowski ist ein sehr ordentlicher Mensch. Genauso hielt er noch vor kurzem seinen 540er-MAN TGX picobello sauber und versah seine Arbeit mit der Leidenschaft und bisweilen selbstaufopfernden Zuverlässigkeit eines geborenen Kraftfahrers. Und genauso wohlstrukturiert erzählt er uns die traurige Geschichte, die ihm seit unserer letzten Begegnung widerfuhr. Noch im Herbst 2012 war er einer der befragten Fahrer im Rahmen unseres Porträts der Firma Schmechel in Bad Oldesloe. Er schwärmte von seinen Ferntouren und den tollen Arbeitsbedingungen.

45 MINUTEN WURDE ER REANIMIERT. DOCH DER PREIS WAR HOCH

Nicht nur die Meinung über seinen Arbeitgeber hat sich komplett verändert, sein ganzes Leben. Nach jenem 5. Januar 2013 war nichts mehr wie vorher. Er war auf dem Weg mit Medikamenten nach Barcelona, "Sicherheitsware bei fünf Grad", präzisiert er. Er wollte vor der Pause eigentlich bis Frankreich. Auf der Autobahn spürte er eine aufsteigende Übelkeit, dann ging es ihm rapide schlechter. Er sah ein Autohofschild. Mit gewaltiger Disziplin schafft er es auf den Truckstop Düsseldorf. "Ich erinnere noch, wie ich Polizei und Krankenwagen verständigt habe, wie ich überm Lenkrad hing. Dann noch, wie sie mich aus dem LKW rausholen, an mir rumzerren. Danach war alles Weiß." Nichts bekam er mit vom Kampf der Rettungshelfer, Pankowskis kollabierten Körper zurück ins Leben zu holen. "Da hatte ich noch Glück, im Ausland wird bei Infarkten nicht so lange reanimiert", erzählt Pankowski. 45 Minuten lang setzten die Ärzte die Wiederbelebung fort, so ein Gutachten - mit Erfolg.

Doch der Preis war hoch. Anfangs wollte man Pankowski noch mit der Wahrheit verschonen, doch der geradlinige Mann wollte Gewissheit darüber, was sich unter seinen Bandagen verbirgt. Das rechte Bein musste bis zum Oberschenkel amputiert werden, die rechte Hand beinahe komplett. Es grenzt an ein Wunder, dass er mental keinen Schaden nahm und wie früher bei glasklarem Verstand ist, was wohl auch mit der extremen Kälte an diesem Tag zu tun hatte. "In einem wohltemperierten Raum hätte ich heute vielleicht noch Hände, aber wohl 'ne Macke", kommentiert Bernd trocken im schnodderigen Berliner Dialekt.

Über Wochen verbrachte er jeden zweiten Tag im OP. "Immerhin haben sie von der linken Hand meinen Daumen gerettet". Ein bisschen stolz und erstaunlich flink greift er wie zum Beweis zum Teebecher. "Ich bin trotzdem froh, dass ich noch lebe", sagt er und erklärt mit der Technikverliebtheit eines Kraftfahrers die Funktion seines Kunstherzens. "Magnetgelagerte Pumpe", schließt er schmunzelnd. Verhehlt aber nicht, dass er viele düstere Stunden in der Klinik verbrachte, in denen er zweifelte, ob das ein lebenswertes Leben wäre, wenn er allen zur Last fiele.

Dass ihm sein fortan stark eingeschränktes Leben leichter gemacht würde, das hätte er sich aber schon gewünscht. Denn wohin er sich auch wandte nach dem schweren Schlag, er stieß allerorten auf Widerstände. Die Berufsgenossenschaft wollte seinen Infarkt nicht als Arbeitsunfall anerkennen, obwohl das bei einem Stressjob wie dem des Fernfahrers durchaus zu argumentieren wäre. Ein Funke Hoffnung an dieser Front ist der VDK, dessen Anwälte den Fall prüfen.

Tiefer getroffen hat ihn aber, dass sich sein Arbeitgeber kein einziges Mal persönlich bei ihm gemeldet hat. "Der ehemalige Fuhrparkleiter war mal für eine kurze Visite da. Schmechel selbst nicht." Der Senior rechtfertigt diese Unterlassung dem TRUCKER gegenüber mit dem offensiven Auftreten von Pankowskis Partnerin und will auf keinen Fall auf sich sitzen lassen, er kümmere sich nicht um seine Fahrer. Man habe sich im "Fall Pankowski" nichts vorzuwerfen.

VERSCHLEPPUNGSTAKTIK: STATT REHA ABGESCHOBEN IN DIE PFLEGE

Viel übler spielt ihm nach wie vor die Krankenkasse mit: Nachdem das Krankenhaus ihn nach Heilung der akuten Wunden entließ, hätte er eigentlich die Reha anfangen sollen - oder wollen. "Doch ohne Prothesen keine Reha. Und die Prothesen verweigert mir die Krankenkasse", beschreibt er den bürokratischen Teufelskreis. Eigens war er bei einem Prothesenspezialisten in Berlin. Amerikanische Experten bescheinigten dem hochmotivierten Patienten erstaunliche Beweglichkeit in der linken Hand und fertigten als Beweis ein Video. "Doch das genügt der Kasse nicht", klagt Pankowski, der statt der angebotenen Unterbringung im Pflegeheim lieber zuhause in der Pflege "stagniert", wie er sagt. "Mobilitätsgrad 3" habe ihm der Prothesenexperte als Potenzial attestiert, die Kasse meint, Mobilitätsgrad 2 muss genügen. Ein Kleinkrieg, dessen Hintergrund Pankowski darin vermutet, dass allein die Spezialhandprothese bis zu 58.000 Euro kosten könnte.

Und das für einen Mann, dessen Lebenselixier es war, mobil zu sein: Als Weltenbummler sah er sich, genoss seine Touren von Portugal bis Norwegen, von Schweden bis in die Türkei. Diesen "Mobilitätsgrad" wird Bernd Pankowski nie mehr erreichen. Dennoch: Er kämpft weiter um jeden Zentimeter. "Es muss ja immer vorwärts gehen", meint er. Und sieht's positiv: "Ich kann jetzt zweimal im Jahr Geburtstag feiern".

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