Automatisiert: Ferngesteuerter Schneebesen

Die Schneeräumzüge sind jeweils 23 Meter lang und 25 Tonnen schwer
© Foto: Daimler

Automatisiert auf der Piste: Mercedes-Benz zeigte vier Arocs-Schneeräumfahrzeuge, die nur noch einen Fahrer als Aufpasser brauchen.


Datum:
22.12.2017
Autor:
Serge Voigt

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Die Generalprobe ist schon mal geglückt: Von einer unsichtbaren Kraft gesteuert fahren vier Mercedes-Benz Arocs wie an einer Perlenkette aufgereiht über den Taxiway des ehemaligen Militärflughafens Pferdsfeld: vor dem Kühlergrill ein acht Meter breiter Schneepflug, auf der Sattelkupplung ein 13 Tonnen schweres Kehr-Blasgerät. Lediglich im ersten Fahrzeug sitzt ein Bediener - kein Fahrer. Nach dem Einbiegen auf eine Startbahn fächert der Konvoi treppenförmig auf, senkt die Schilde und wirft die Räumgeräte an. Am Ende der Startbahn geht es im Gänsemarsch wieder zurück auf die Startposition.

An diesem sonnigen Oktobertag demonstrierten der Lkw- Hersteller Daimler und der Flughafenbetreiber Fraport damit, wie Sattelzüge automatisiert und im ferngesteuerten Verbund eine Startbahn vom Schnee befreien könnten.

DER MENSCH KANN DIE TECHNIK ÜBERSTIMMEN

Ob die automatisierte Räumaktion auch bei schlechtem Wetter, mit tonnenschweren Schneelasten und mit den 14 Fahrzeugen klappt, die für eine Startbahn am Frankfurter Flughafen benötigt werden, ist noch zu beweisen. Auf dem Fliegerhorst im Hunsrück wurde zunächst der Ablauf des Ganzen deutlich: Der Kolonnenführer wählte aus einer Flotte bereitstehender Sattelzugkombinationen eine aus und bestimmte diese als "Leit-Truck". Danach definierte er über ein im Fahrzeug verbautes Bedienpaneel die Anzahl und die Reihenfolge der weiteren Lkw im Konvoi und machte einen Betriebs-Check sowohl für seinen als auch für die drei weiteren Sattelzüge. Danach ging es, wie an einer unsichtbaren Schnur gezogen, via Taxiway Richtung Startbahn.

Im Test gab ein vordefiniertes Räumprogramm - unter der ständigen Kontrolle des Konvoi-Leiters - Strecken, Richtung und Tempo vor. Die Räumstrecken sind kartografisch festgelegt und werden durch ein Differenzial-GPS sowohl vom Führungsfahrzeug als auch von den folgenden Konvoi-Mitgliedern durch permanenten Soll-Ist-Abgleich eingehalten.

Beim Differenzial-GPS verfügen die Lkw über eine doppelte GPS-Ortung. So können sie besonders exakt - mit einer Toleranz von drei Zentimetern - arbeiten.

Wenn etwas nicht nach Plan läuft, kann der Konvoi-Führer jederzeit ins im Fahrzeug vorhandene, beim Test aber unbenutzte Lenkrad greifen und selbst steuern. Die Folgefahrzeuge übernehmen dann sofort und vollautomatisch die sich aus der Änderung der Fahrtstrecke von "Wagen 1" für sie ergebenden veränderten Bahnen.

Dazu sind die vier Arcos-Sattelzugmaschinen mit dem neuen Remote Truck Interface (RTI) ausgestattet. Dabei handelt es sich um eine Schnittstelle, mit der Fahrzeugfunktionen und die Funktionen des Räumgerätes fernbedient und Daten ausgetauscht werden können. Durch das RTI sind alle Fahrzeuge mittels Telematik miteinander vernetzt, fahren automatisiert und können im Verbund sowohl führen als auch folgen. Dazu verfügen alle Fahrzeuge über ein System zur "Vehicle-to-Vehicle"-Kommunikation. Durch das Zusammenspiel der Schnittstelle RTI sowie der Steuerungs- und Fernbedienungseinheit gelingt ein schneller und sicherer Datenaustausch zwischen den Fahrzeugen.

SCHNEERÄUMEN SOLL NUR DER ANFANG SEIN

Damit das in Echtzeit funktioniert, findet alle 0,1 Sekunden ein kompletter Datenaustausch zwischen den Fahrzeugen und der Hauptsteuerungseinheit des RTI statt. Übertragungstechnik ist die "Digital Short Range Communication DSRC".

Bei der Demonstration in Pferdsfeld bildete das Remote Truck Interface die Schnittstelle zwischen Fahrzeug und Außenwelt. Die Steuerungsfunktionen zur Bahnführung und Bedienung des Konvois liegen in zusätzlichen externen Steuergeräten wie dem Bahnrechner, dem Bedienpaneel und der Funkschnittstelle. Dadurch können die Arocs ferngesteuert folgende Funktionen ausführen: Motor an/aus, Parkbremse, Licht, Blinker, Gasgeben und Bremsen, Lenken, Schalten, Zuund Abschalten der Differenzialsperren und Steuerung der Räumgeräte. Das RTI macht es möglich, alle Fahrzeugfunktionen über eine Schnittstelle (CAN) anzusteuern. Die für die Fernsteuerung benötigte Funkschnittstelle ist ebenfalls an den CAN angeschlossen.

Die Daimler-Ingenieure denken neben dem Schneeräumen noch an weitere Einsätze für diese Technologie. Beispielsweise könnte der Fahrer eines konventionellen Lkw diesen von außen zum Rangieren fernsteuern.

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