Daimler Global Trucks: Töchter von Welt

Daimlers bunte Töchter: vom indischen Bharat Benz über den eCanter bis zum "Inspiration Truck"
© Foto: Karel Sefrna

Auf der IAA lässt Daimler traditionell seine globalen Töchter schaulaufen. Der TRUCKER nutzte die exklusive Gelegenheit zu einer kleinen "Weltreise".


Datum:
21.10.2016
Autor:
Gregor Soller

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Der Daimler-Konzern war schlau genug, zu erkennen, dass seine Premium-Marke Mercedes-Benz im Nutzfahrzeugsegment nicht weltweit funktionieren würde - zumindest nicht, wenn man weltumspannend große Stückzahlen verkaufen möchte.

Also ließ man der US-Tochter Freightliner nach der Übernahme 1981 einfach ihren Namen und verfuhr genauso mit Western Star. Bei Mitsubishi-Fuso in Japan behielt man die Diamanten als starkes, sternenähnliches Logo bei und stärkte den Namen Fuso. Ansonsten lässt man die Kollegen weiterhin machen - vor allem alternative Antriebe und Stromer entwickeln! - und nutzt ihre Kompetenz für den asiatischen und afrikanischen Raum.

Denn dort konnte man nicht ganz so einfach eintreten: In Indien löste sich schon vor zig Jahren das Band zu Platzhirsch Tata und man trat mit Bharat Benz neu in den sehr speziellen Markt ein. Und fand damit auch eine Plattform für den afrikanischen Kontinent - der aber asiatische Marken bevorzugt, worauf man einmal mehr den Namen Fuso spielte.

THEORETISCH KANN DER BHARAT-BENZ AUCH EURO 5!

Mit den beiden "Indern" starten wir unsere virtuelle Lkw-Weltreise: Der Bharat-Benz-Fünfachser "ruht" auf einem klassischen Leiterrahmen mit blattgefederten Achsen, wobei die Triebachse sich gar den Luxus einer Luftfederung gönnt.

Doch sobald man unbeladen erste Querfugen oder Schlaglöcher überrollt, kommt Bewegung in die altgediente Axor-Hütte, die für indische Verhältnisse extrem stabil und solide verarbeitet ist. Da sich die indischen Kollegen durch Personenbeförderung gern ein kleines Zubrot verdienen, besteht der Motortunnel einfach aus einer Platte, auf der noch zwei Mitfahrer im Schneidersitz Platz finden. Die Handschaltung lässt sich exakt bedienen und der kleine aufgesetzte Navi-Bildschirm kündigt auch in Indien moderne Zeiten an.

Vergleichsweise bescheiden fallen Hubraum, Motorleistung und Drehmoment aus: Der wahlweise Euro-3- bis Euro-5-gereinigte OM 906 mit 6,4 Liter Hubraum belässt es bei 238 PS und 850 Newtonmeter Drehmoment, was für indische Verhältnisse in dem Segment Standard ist. Selbst wenn die "37" mal wieder als Nutzlast statt als Gesamtgewicht interpretiert wird.

Das Ganze "auf links gedreht" wurde im Wortsinne beim Fuso TV-R 4043 S. Er wurde für Afrika konzipiert und auf 100 Tonnen Gesamtzuggewicht ausgelegt. Entsprechend arbeitet unter dem ebenfalls brettebenen Motortunnel der OM 457, der hier Euro-5-gereinigte 428 PS leistet, die über die Zwölfgang-Powershift automatisch und vergleichsweise schnell verteilt werden. Trotz Hochdach gilt auch hier: Gehen außer dem Fahrer mehrere Personen auf Tour, wird es eng im Hochdachhaus.

Reisen wir weiter - von Afrika nach Japan, wo die Menschen wegen Platzmangel in Röhrenhotels schlafen und leichte sowie mittelschwere Frontlenker-Lkw einen Großteil der Transporte bestreiten. Und das künftig auch vollelektrisch, wie man im eCanter, einem "echten" Fuso und Kernprodukt der Marke, erfahren kann.

MIT STROM ODER AUTONOM? ALLES IST MÖGLICH!

Im Gegensatz zur robusten indisch-afrikanischen Verwandtschaft wuselt er mit seinen 185 kW (252 PS) flott übers Gelände und stellt ab 0 Umdrehungen 380 Newtonmeter Drehmoment bereit. Innen sorgen Screens und eine interessante Textur für ein bisschen Zukunftsfeeling, mit dem Fahrwerk und Lenkung aber nicht ganz mithalten. Der Prototyp bietet 70 kWh Batteriekapazität und als 7,5-Tonner gut 4,6 Tonnen Nutzlast, womit er rund 100 Kilometer weit kommen sollte. Für die Serie planen die experimentierfreudigen Japaner drei bis sechs Batteriesets mit je 14 kWh.

In den USA mit ihren riesigen Distanzen käme man damit nicht weit. "Weite" ist überhaupt das Stichwort der nächsten beiden Kandidaten: Der Western Star WS 5700 XE und Freightliners "Inspiration" Truck bieten mit ihren Riesen-Hochdachkabinen (fast) so viel Platz wie die 700-Quadratmeter-Häuser der besseren US-Mittelschicht. Dort tun sich nach eigener Aussage sogar ausgewanderte Mercedes-Mitarbeiter mit mehr als zwei Kindern schwer, überhaupt noch alle Zimmer mit Möbeln auszustatten.

Und wenn man den Wohnraum wie im "Inspiration Truck" nur mit einer weißen Sitzecke ausstaffiert, lässt man sich gern autonom durch die Weiten der USA fahren. Auch das Interieur, das noch aus dem Cascadia "Evo" stammt, wurde futuristisch aufgeräumt.

Geradezu bescheiden nehmen sich die 400 PS Leistung des Detroit DD 15 aus, dessen Kraft über das Detroit DR-12-DA gekonnt portioniert wird. In Europa hieße diese Kombination fast baugleich OM 472 plus Powershift-Getriebe. Das wird am gleichen Lenkstockhebel wie beim Actros bedient, kann auch Ecoroll und sorgt auf den langen US-Highways für ein sehr entspanntes, da in dem Fall autonomes, Cruisen.

Doch wie die großen amerikanischen Häuser setzt auch der Freightliner Inspiration Truck auf eine Leichtbau-Hütte und viel Show. Heißt: Im Vergleich zum Actros ist er nicht wirklich leise und trotz Luftfederung an den Hinterhufen und Riesen-Radstand federt er vergleichsweise hölzern, was sich auch bei belasteter Sattelplatte nicht wirklich ändert.

DER WESTERN STAR HÄLT AN ALTEN TRADITIONEN FEST

Das kann der Western Star WS 5700 XE nicht wirklich besser, aber als Cowboy für Owner-Driver schert er sich auch nicht darum! Stattdessen zelebriert er mit zehn chromumrandeten Uhren (elf wären möglich), geteilter Frontscheibe und kastenförmiger Armaturenlandschaft die Heydays der US-Trucks! Und in die goldenen Fünfziger verweisen gar die weiß-roten-Kunstledersitze mit entsprechend sparsamer Konturierung.

Am Steuer kommen dann sofort Filme wie "Convoy" oder das "ausgekochte Schlitzohr" in den Sinn. Und man hätte gute Lust dem Hauber mal richtig die Sporen zu geben, zumal er in den USA "offen" locker 120 Sachen rennt. Und um den Verbrauch nicht völlig explodieren zu lassen, stand auch der 5700er bei seiner Entwicklung zig Stunden im Windkanal: Dort muss er zwar nicht so aerodynamisch sein wie seine gerundeten Freightliner-Brüder, trotzdem dürfen auch seine Kanten nicht mehr allzu hart im Wind stehen. Die kantige Kabine besteht im hinteren Teil aus einer hochmodernen Wabenstruktur und bietet echten "Wohnraum". Der dann wieder klassisch mit reichlich Kunstholz und -leder im typischen US-Style ausgeschlagen ist.

DIE MANUELLEN COWBOYS WERDEN SCHNELL STERBEN

Unter der langen Haube absolviert der 455 PS leistende Detroit DD 15 seinen Dienst, ebenfalls an die Detroit-Automatik gekoppelt. In dieser Umgebung konterkariert sie allerdings das Bild vom harten Cowboy, der nur handgerissene, unsynchronisierte Eaton-Boxen fährt, trefflich.

Müssen die Kollegen in Europa jetzt neidisch werden? Definitiv nicht! Denn die Perfektion aus Triebstrang, hochwertiger Verarbeitung und Stilsicherheit findet man im Gegensatz zu allen anderen nur bei Actros und Co!

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