Der Traum blieb ein Traum

Schwergewicht: Die Testzugmaschine brachte fast neun Tonnen auf die Waage
© Foto: Karel Sefrna

2004 legte Scania mit dem Longline einen echten Fahrertraum auf. Auf Dauer etablieren konnte sich die Riesenkabine allerdings nicht.


Datum:
28.05.2018
Autor:
Jan Burgdorf

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Beim Anblick des 580er-Longline, der 2004 bei der TRUCKER-Redaktion vorfuhr, bekommen nicht nur eingefleischte Scania-Fans noch heute feuchte Augen.

Denn dieser Spezial-Greif war angetreten, mit einem Hauptkritikpunkt der Fahrer an europäischen Lkw Schluss zu machen: dem eingeschränkten Lebensraum auf langen Touren. Dafür nahmen die Schweden normale Topline-Modelle vom Band in Södertälje und schafften sie in ihre Spezialmanufaktur in Laxa, wo bis heute die Schwerlastzugmaschinen und Mannschaftskabinen entstehen.

Dort wurde die Rückwand abgetrennt und eine 1,3 Meter lange Kabinenverlängerung eingepasst. Kostenpunkt: 25.000 Euro! Hinzu kam der happige Preis fürs Basisfahrzeug, denn Scania baute nur Exemplare um, die vom damaligen Top-V8 mit 580 PS befeuert wurden. Das rote Testexemplar hätte der Hersteller daher nur im Tausch für beeindruckende 215.000 Euro hergegeben - nicht verhandelbar!

GESCHLAFEN WURDE IM LONGLINE LÄNGS ZUR FAHRTRICHTUNG

Dafür durfte sich der Käufer über in Europa bis dato nicht gekannte Platzverhältnisse freuen, die ein komplett neues Einrichtungskonzept ermöglichten. Das bei Scania damals übliche Alkovenbett oberhalb der Frontscheibe verstand sich hier als Notliege. Geschlafen wurde im Longline längs zur Fahrtrichtung hinter dem Beifahrersitz auf einem breiten Bett mit 20 Zentimeter dicker Federkernmatratze.

Tagsüber diente die Schlafstatt als bequeme Couch. Direkt gegenüber fand sich eine weitere, großzügige Sitzgelegenheit - falls mal Gäste kommen sollten. Mit denen konnte man bequem am massiven Holztisch sitzen und über den aus der Seitenwand klappbaren Flatscreen samt DVD-Rekorder Filme schauen. Auch die Bewirtung der Gäste war kein Problem. Dafür beherbergten die im oberen Bereich der Kabinenrückwand angebrachten Staufächer sowohl Kaffeemaschine als auch Mikrowelle und einen 71 Liter fassenden Kühlschrank. Und wenn man wieder allein war, ließ sich das schmutzige Geschirr an der hinter dem Fahrersitz verbauten Spüle samt klappbarer Arbeitsplatte abwaschen.

Etwas unwürdig geriet allerdings der Zugang zum Cockpit und erinnerte daran, dass der Longline eben auf einem normalen R-Modell aufbaute. Im vorderen Bereich war die Motorkiste im Weg und musste überklettert werden. Auch beim Stauvolumen erntete der Longline die Kritik des TRUCKER-Testers. Insgesamt bot die Riesenkabine nur 950 Liter an Stauraum, ein damaliger Volvo Globetrotter offerierte kaum weniger Platz.

Begeistern konnten dagegen die Fahreigenschaften - entgegen aller Erwartungen fuhr sich der lange Schwede äußerst geschmeidig.

ZU TEUER, ZU LANG, ZU SCHWER - DER LONGLINE FAND KAUM KÄUFER

Ein Erfolg wurde der Longline trotzdem nicht. Wegen des hohen Preises und der eingeschränkten Nutzungsmöglichkeiten aufgrund der Überlänge der Zugmaschine hatte Scania sogar Probleme, die wenigen schon umgebauten Exemplare an die Unternehmen zu bringen. Das Projekt Longline war damit schnell wieder Geschichte.

Zumindest bei Scania, denn wer heute Longline fahren möchte, dem erfüllen mehrere niederländische Umbauer gern diesen Wunsch - nicht nur auf Scania-Basis.

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