Ende der Ära Renault Magnum

Renault AE von 1990 trifft Renault Magnum von 2013
© Foto: Gerlach Fronemann

Am 26.6.2013 lieferte Renault Trucks den letzten Magnum aus. Der TRUCKER spürte die erste noch fahrbereite Version auf und stellte ihr die letzte Variante gegenüber. Damit endet die 23-jährige Geschichte eines revolutionären LKW-Konzeptes.


Datum:
25.07.2013
Autor:
Gerlach Fronemann

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Einige wenige Renault-Mannen kennen sie, die geheimen Hallen um Lyon herum. Sie bergen die Schätze der französischen LKW-Marken Berliet, Saviem und Renault, bleiben der Öffentlichkeit aber in der Regel verschlossen.

Neben einigen Gebäuden auf dem Renault-Werksgelände gehören dazu auch zwei große Industriehangars am Rand der Ortschaft Le Montellier, in denen die Berliet-Stiftung das Erbe der Marke verwaltet. Für den TRUCKER macht Philippe Brossette, der Präsident der Stiftung aber eine Ausnahme: Mit einem der letzten in Bourg en Bresse gebauten Magnum wartet Renault-Trucks-Demofahrer Philippe Calvi darauf, dass Brossette das Tor öffnet, hinter dem neben den gigantischen Berliet T100-Zugmaschinen auch der erste noch fahrbereite Renault Magnum steht, der damals noch "AE" hieß.

DER 23 JAHRE ALTE AE IST (NOCH) EIN YOUNGTIMER

"Mit 23 Jahren ist er laut unseren Statuten eigentlich zu jung, um in die Sammlung aufgenommen zu werden", bemerkt Brossette streng, "aber als uns eine Berufsschule ihr ehemaliges Übungsfahrzeug anbot und wir herausfanden, dass das Fahrzeug wohl der älteste noch existierende Magnum ist, mussten wir zugreifen". Nummer 01 stand nach ihren Demotouren also die meiste Zeit in der Werkstatt, wo sie demontiert und anschließend wieder zusammengesetzt wurde. Zwar hinterließ die Zeit ihre Spuren, wie man an den abgeschabten Sitzbezügen sieht. Trotzdem ist Nummer 01 in Würde gealtert und alles funktioniert noch - obwohl die späten Achtziger und frühen Neunziger als "Heydays" der Elektronik- und Kunststoffexperimente gelten.

Da gingen die Renault-Designer, die damals auch PKW und Transporter verantworteten, in die Vollen: Die eckige, wie in einem Raumschiff schwebende Armaturentafel holte einige Taster aus dem R5 in die Realität zurück. Und weil der klobige Standard-Tachograf so gar nicht ins futuristische Layout passte, verbannten ihn die Gestalter in eine Nische zwischen Tür und Instrumententafel.

Im Laufe der Jahre schliff man dem Magnum seine Kanten ab. Das mitgebrachte Modell der letzten Serie ist deutlich konventioneller, aber auch etwas softer und hochwertiger gestaltet. Es erlaubt sich mit dem digitalen Tachografen immer noch eine typisch gallische Eigenheit. Nichts geändert hat sich dagegen am stockbettartigen Einstieg und der Fußauflage auf der Beifahrerseite. Bis 2008 mussten die Kunden auf große Staufächer und eine üppige Stehhöhe warten: Das bis dahin verbaute flache Dach beließ es bei 1,86 Meter Stehhöhe. Das Gepäck musste beim AE an den Wänden, auf dem Bett und in kleinen Staufächern verteilt werden. Hier forderte Nummer 01 noch echte Zugeständnisse des Fahrers.

DIE MAGNUM MIT V8 HOBEN GERN EINEN ÜBER DEN DURST

Die Vorhänge ersetze Renault durch Rollos, was die Raumschiff-Atmosphäre eher noch verstärkte. Auch sie blieben bis zum Schluss erhalten.

Der für den AE eigens entwickelte Isri-Fahrersitz ist ungefedert, da die Kabine auf vier (zu weich abgestimmten) Luftpolstern ruht. Darum neigt sich die Hütte des Ur-Magnum in Kurven stark zur Seite und nickt beim Bremsen gern nach vorn. Immer mal wieder ging einer Aufhängung die Luft aus. Dann hatte der große Renault "Schlagseite" und sah aus, als hätte er einen über den Durst getrunken. Darum hat Renault die Kabinenfederung ab 1995 gestrafft: Das Fahrerhaus der letzten Generation thront viel straffer auf dem Antriebsstrang als beim AE.

Das anfängliche Nicken war auch ein Grund, den 3,9 Meter "kurzen" Radstand bald aus dem Programm zu nehmen und die Sattelzugmaschinen nur mit üppigen 4,12 Meter Achsabstand anzubieten.

Die Motoren kamen anfangs aus den USA: Der 16,4 Liter große Mack-V8 machte den AE 500 mit 503 PS zum nicht unbedingt sparsamen Leistungskönig in Europa. Daneben gab es einen 12,0-Liter-Reihensechser, ebenfalls von Mack, der 374 PS leistete. Entsprechend kehlig "trommelt" Nummer 01 nach dem Dreh am Zündschlüssel vor sich hin. Da gibt sich die letzte Generation mit dem von Volvo stammenden D13 akustisch viel dezenter. 1993 experimentierte Renault dann mit einem elektronisch geschalteten TBV-Getriebe, das auf der B18-Schaltbox basiert.

1995 erstarkte der V8 auf 530 PS, bevor er 1997 Renault-Reihensechszylindern weichen musste, die 390 und 470 PS leisteten. Ab da hieß der AE nur noch Magnum und wurde "vernünftig". Das galt auch für den Innenraum: Im selben Jahr verrundete Renault die kantig-futuristische Armaturentafel. Ein letztes Aufbegehren des alten Revolutionärs war die Sitzecke auf der Beifahrerseite, die die Kabine für die Einmannbesatzung in einen Arbeits-, Wohn- und Schlafbereich teilte.

Nach einer kurzen Ausfahrt kehrt Nummer 01 wieder zurück in die Halle der "Fondation de l'Automobile Marius Berliet". Dort werden die Vereinsmitglieder Jean-Claude Olagnon und Maurice Chevalier den einstigen Revolutionär in den Oldtimerstatus pflegen.

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