Fahrbericht Scania-Streamline - die neuen R-Modelle

Gut im Wind: Scania optimierte mit kaum sichtbaren Kniffen die Aerodynamik
© Foto: Johannes Reichel

Die Premiere des Scania Streamline ergab für uns klare Antworten auf die Fragen: Sechs- oder Achtzylinder, asketischer 410er oder 450er-Standard?


Datum:
04.07.2013
Autor:
Gerhard Gruenig

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Mit den neuen Streamline-Modellen belebt Scania eine Idee aus den 90er-Jahren wieder. Noch heute erinnern sich Fans des Greif an die aerodynamisch optimierte 3er-Reihe mit ihren sparsamen Sechs- und Achtzylinder-Motoren. Und schon damals beschäftigte die Frage: Reicht der Reihensechser oder gleich V8?

Inzwischen ist Scania der einzige Anbieter von V8-Motoren in Euro 6. Die basieren künftig auf dem vom 730er bekannten 16,4-Liter. Die Technik gleicht denen der Sechszylinder, dem Scania-Baukasten sei Dank: Common-Rail-Einspritzung, variabler Turbolader, SCR-System mit Abgasrückführung (AGR) und Dieselpartikelfilter. Der Einstieg in die V8-Welt beginnt nun bei 520 PS und 2700 Nm. Von Neuem stellt sich die Frage, ob's der Achtzylinder sein muss oder ob der ebenfalls erstarkte Sechser mit 490 PS und satten 2550 Nm reicht?

Eine Testrunde in beiden Fahrzeugen führt für uns zu einer klaren Antwort: Nach wie vor überzeugt der Achtzylinder mit tollem Sound - obwohl er gegenüber Euro 5 viel leiser ist. Er wiegt ein wenig mehr, hat dafür einen legendären Ruf als Dauerläufer und bietet bei schweren Einsätzen - nur da macht er Sinn - die Zusatzpower, die man beim R6 vielleicht vermisst.

Zudem wissen wir aus den Supertests im TRUCKER, dass der V8 kaum mehr verbraucht als ein Sechszylinder - was mit der neuen Einspritzung sicher noch mehr zum Tragen kommt! Nicht zu vergessen hat er positiven Einfluss aufs Fahrverhalten. Weil er schwerer auf der Vorderachse lastet, federt der Schwede geschmeidiger und lenkt viel direkter ein. Alles in allem eine starke Mixtur, die der 490er in dieser Qualität nicht bieten kann.

Mit "Stufe Zwei" bei Scanias Euro-6-Technik steigt die Leistung der anderen 12,7-Liter auf 410 und 450 PS - ein 370er folgt. Vor allem aber wachsen die ohnehin üppigen Drehmomente um weitere 50 Nm.

Eine echte Überraschung ist der neue 410er, der ohne AGR und mit Standard-Turbolader auskommt und bei etwas höherem Adblue-Konsum trotzdem mit extrem niedrigen Kraftstoff-Gesamtkosten glänzen soll. Da drängt sich die Frage auf: Müssen es 450 PS sein oder tun es auch 410?

Der direkte Vergleich beider Motoren zeigt, dass der 410er trotz schlichterer Ladertechnik nicht schlechter am Gas hängt. Wer nicht permanent 40 Tonnen in schwerer Topographie herumzerrt, kommt prima mit dem "kleinen" Sechser aus. Und wenn's mal härter kommt, stemmt das SCR-Only-Triebwerk 2150 Nm auf die Kurbelwelle und bietet so manchem Konkurrenten Paroli, der bei 450 PS auch nicht mehr Mumm hat.

Die Auswertung aller Testfahrten zeigt am Ende, dass der 410er bei identischem Einsatz - 40 Tonnen, eher leichte Topographie - das Fahrzeug mit dem weitaus niedrigsten Dieselverbrauch war. Sein Adblue-Konsum liegt dem Vernehmen nach immer noch so niedrig, dass die Kraftstoff-Gesamtkostenbilanz positiv ausfällt. Erste Messungen liegen bei den EGR-Triebwerken bei rund 2,5 Prozent Adblue-Verbrauch in Relation zum Diesel. Der 410er "SCR-only" liegt bei knapp unter sieben Prozent.

Der Vergleich von G 450 und R 410 lässt weitere Empfehlungen zu: Die kompakte, tief auf dem Rahmen sitzende G-Kabine vermittelt ein direkteres Fahrgefühl, subjektiv mehr Lenkpräzision, aber natürlich auch einen geringeren Federungskomfort. Für nationale Touren mit ein, zwei Übernachtungen reicht der Platz. Im Fernverkehr sollte es trotzdem die R-Kabine sein - auch wenn ihre leichte Schaukeltendenz nicht unbedingt einer hohen Verbundenheit zur Straße dient. Sie schluckt aber die Stöße des hart abgestimmten Fahrwerks viel besser, der Motortunnel ist wesentlich kleiner, die Stauräume größer. Klare Ansage: "kleiner" Motor, große Hütte. Das sollte Fahrer wie Unternehmer glücklich machen.

Bei der Wahl der Motoren ist das Fazit also eindeutig: Für die Standard-Anwendung empfiehlt sich der 410er als gelungener Allrounder. Wenn's schwieriger wird, gleich Nägel mit Köpfen: R 520, am besten als Topline. Wer rechnet, für den verbieten sich 580er und der im Herbst folgende 730 Euro 6 sowieso!

Unter dem Label "Streamline" realisiert Scania an der Vorderseite optimierte Radien mit integriertem Luftkanal. Der sorgt für einen besseren Luftwiderstand und gleichzeitig für weniger Schmutz auf Türgriffen und Spiegeln. Die Lippen der Windabweiser wurden noch besser an die unterschiedlichen Fahrerhäuser angepasst. Nicht zu vergessen, erfuhren die Sonnenblenden leichte Retuschen.

MIT OPTICRUISE "ECO" NOCH SPARSAMER UNTERWEGS

In jedem Fall profitieren die Antriebsstränge von der Neuprogrammierung der Opticruise-Schaltung. Künftig stehen drei von vier (Standard, Eco, Power, Off-Road) Programmen zur Wahl. Neu ist der "Eco"-Modus, in dem der jetzt serienmäßige GPS-Tempomat CCAP anders agiert. Statt wie bei Standard vor Anstiegen auf vier Prozent über das fixierte Tempo zu ziehen, gibt "Eco" hier kein Gas. Dafür lässt es das Tempo zum Überrollen der Kuppe auf unter zwölf Prozent (8 Prozent in Standard) fallen. Das spart Kraftstoff - führt aber zu mehr Irritation beim nachfolgenden Verkehr ...

Generell verspricht Scania alleine durch die neuen Motoren zwei Prozent Verbrauchsreduktion (drei Prozent beim 410er) gegenüber der ersten Generation Euro 6. Dazu kommen im Falle der Streamline-Modelle LED-Rückleuchten, die durch ihren geringeren Energieverbrauch 30 l/Jahr sparen sollen! Außerdem gibt's neue, abschaltbare Luftpresser, die für weniger Verlustleistung sorgen. H7-Licht ist künftig Serie. Wer hier sparen will, kann nach wie vor H4 ordern - oder Xenon, wenn es heller sein soll. Allerdings missfallen die Gasentladungslampen nach wie vor durch eine ausgeprägte Hell-Dunkel-Grenze und wenig Licht in der Weite. In der R-Kabine sorgen jetzt serienmäßig die breiten Ausziehbetten für mehr Schlafkomfort. Die neuen Recaro-Sitze sind eine weitere Neuheit, sie verfügen über ein integriertes Gebläse und eine leichter bedienbare Verstellung.

Wer gehofft hatte, dass Scania (noch) ein komplett neues Modell bringt, sollte sich nicht täuschen: Fünf bis acht Prozent sparsamer sollen die "neuen Alten" aus Södertälje sein. Eine starke Ansage an die Konkurrenz - und mithin längst keine alten Eisen.

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Mehr Informationen vom Truck

Ein neuer "Dealer Locator" hilft dem Fahrer, schnell die nächste Werkstatt zu finden. Er bekommt automatisch Adresse und Telefonnummer mit Navigationshinweisen. Der "Serviceplaner" ermöglicht eine direkte Kommunikation mit dem Scania-Portal über Smartphone oder Tablet. Der Fahrer kann Störungsmeldungen weiterleiten, diese werden im Serviceplan gespeichert.


Scania-Streamline: die neuen R-Modelle

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