Fahrertest Iveco Stralis 480 XP: Die Expertenrunde

Die Fahrwerkauslegung des Iveco Stralis ist exzellent
© Foto: Karel Sefrna

Am New Stralis XP ist vieles neu - wenn auch erst auf den zweiten Blick erkennbar. In Heft 2/17 haben wir ihn im Rahmen des Euro Truck Tests unter die Lupe genommen. Jetzt wollen wir von den Fahrern wissen, was sie von Ivecos neuem Flaggschiff halten.


Datum:
30.01.2017
Autor:
Redaktion TRUCKER

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Strahlender Sonnenschein, aber nur einstellige Temperaturen herrschen am Morgen unseres Testtages Ende November. Wir haben den Euro-Rastpark Jettingen-Scheppach für unseren Fahrertest gewählt - unweit des ehemaligen Stralis-Produktionswerkes in Ulm-Donautal. Dort entstehen aktuell ausschließlich Feuerwehrfahrzeuge. Die Lkw-Produktion ist komplett nach Madrid umgezogen, wo vor Kurzem der "New Stralis XP" vorgestellt wurde.

Den wollen wir jetzt in der 480-PS-Version Berufskraftfahrern für ein Praxisurteil überlassen. Rund 30 Trucks aller Couleur und Herkunftsländer parken hier. Die Heizung im mitgebrachten Promotion-Trailer, vor allem aber heißer Kaffee und frische Butterbrezen, locken die ersten Testfahrer an. Nach der Stärkung und einer Testrunde wollen wir wissen, was am Neuling aus Spanien - engineered in Ulm - gefällt und was nicht. Wo Iveco einen guten Job geleistet hat und wo's eventuell noch kneift.

Um ein wenig aus dem Nähkästchen zu plaudern: Fahrertests mit Scania, Daf, Volvo oder Mercedes sind einfacher. Unser obligates Sprüchlein: "Guten Morgen, der TRUCKER lädt ein zur Proberunde im neuen Stralis XP" führt zunächst zu verhaltenen Reaktionen. Etliche schiefe Blicke, kaum, dass der Markenname ausgesprochen ist. "Nee, mach' nur Pinkelpause. Muss gleich wieder los", heißt es oft. Einer meint: "Iveco? Hatten wir mal, war ' ne Möhre. Nee, danke." Ein, zwei bleiben auf dem Weg zur Dusche kurz stehen, betrachten die beiden Stralis, nicken kurz zustimmend, gehen aber weiter.

NACH ETWAS ZÄHEM ANLAUF BEGRÜSSEN WIR DEN ERSTEN TESTER

Die kurze Nachfrage ergibt: "Ja, sehen toll aus", aber fahren? "Nee, keine Zeit". Dann bricht das Eis - endlich. Zbigniew Pawliszko lässt die Scheibe runter, hört unser Sprüchlein. Zbigniew ist Jahrgang 1982, aus dem polnischen Poznan, versteht uns anfangs nicht. Schwenk ins Englische, das klappt besser. Zbigniew taut auf. "Eine Runde im XP?" Klar, kennt er aus der Zeitung. Seit 2005 fährt er, erklärt er mit einem melodischen Mix aus Englisch, Deutsch und seiner Muttersprache. Und ja, er hat sogar etwas Iveco-Erfahrung, allerdings nur mit einem alten Modell - mit einem Euro Star hatte er einige Zeit seine Brötchen verdient. Zwanzig Minuten dauert seine Testrunde, das reicht für einen ersten Fahreindruck. Unser erster Tester erklärt, dass er die Abstimmung von GPS-Tempomat und ACC für sehr gelungen hält, hätte er auch gerne - ebenso das große Display in der Mitte mit vielen Infos, etwa zu Fahrstil oder Verbrauch. Und leise sei der Iveco, da habe er schon viele lautere Dieselbrummer unter dem Hintern gehabt.

JUAN IST HÄNDLER UND KENNT SICH MIT ALLEN MARKEN GLEICH GUT AUS

Juan Abal, 57, Händler aus Malaga, hat gerade einen weißen Daf XF aus dem Modelljahr 2012 in Holland erstanden und ist nun auf der Rückfahrt. Hier am Burgauer See wartet er auf seinen Auflieger, der wohl erst morgen eintreffen wird - es ist also genügend Zeit zum Fahren und er ist sichtlich gespannt, einen Truck zu lenken, der in seinem Heimatland montiert wird. "Cinco etapas de reducción", schwärmt er beim Aussteigen - vom dem fünfstufigen Intarder im neuen Getriebe ist er zweifellos begeistert. "Muy cómodo", antwortet er, als wir ihm noch den üppigen Kühlschrank und daneben das Tiefkühlfach demonstrieren. Einen Kaffee und eine Butterbreze später wissen wir mehr: Der Südspanier fährt selbst seit mehr als drei Jahrzehnten. Dass er noch 40 Stunden Fahrt vor sich hat, bis er zu Hause ist, scheint ihn nicht zu kratzen. Der Neue aus Madrid, ja, der gefällt ihm - Daumen hoch.

Dass wir Juan getroffen haben, war ein Glücksfall, sonst sind die Fahrer hier alle unter Strom, am Schlafen oder im Standby-Modus, wenn sie sich eine Dusche gönnen können. Mancher outet sich als markentreuer Hardliner - ein Volvo-Überzeugter ("in was anderes kriegst du mich nicht mehr rein") erklärt erbost, dass sein Pkw-Hersteller zum AdBlue-Nachtanken grundsätzlich in die Werkstatt "bittet" und ihn so auf immer und ewig verprellt hätte ...

Auch Eugen Hega aus Slowenien hat eigentlich nicht viel Zeit, ist aber neugierig. Er ist kein Neuling, seit zwei Jahrzehnten kreuz und quer in Europa unterwegs. Er fährt mit seinem Actros derzeit für eine Luxemburger Firma. Über den Sitzkomfort im XP schwärmt er. Mit typischer Handbewegung - Daumen nach oben - beschreibt er die Federung und die Sitzabsenkung bei "Zündung aus", die den Fahrersitz stets komplett herunterfährt. Das gefällt ihm vor allem, weil damit der Ausstieg gerade für große Fahrer, wie er einer ist, nicht zur Hängepartie wird.

Schnell zurecht findet sich auch Paul Ballach aus Hannover. Die Müdigkeit, die man ihm zu Anfang ansieht, weicht rasch, als er hinter dem Lenkrad sitzt und Werksfahrer Erhard Meier bei der kurzen Einführung zuhört, was am Iveco-Arbeitsplatz wo zu finden ist. "Die Getriebeabstimmung taugt", meint der Westfale trocken, nachdem wir wieder am Autohof angekommen sind. Und die weiche Intarderabstimmung mit fünf Stufen, das hat was. "Mein Actros hat nur drei", lacht der Fahrer der Spedition Ebeling Logitec.

Er fährt seit 1975, weiß, wovon er spricht. Beim schnellen Rundgang um den Truck hat er auch das klappbare Sideflap an der Beifahrerseite entdeckt. Der dahinter liegende Griff zum Aufstieg auf die Plattform ist für ihn mehr als praktisch, denn er ist nicht gerade ein Hüne.

Um die Mittagszeit geben uns viele Fahrer einen Korb, sie wollen ihre Ruhe. Aber nicht alle - Roland Braig ist sofort mit dabei, keiner sitzt so schnell hinter dem XP-Steuer wie er. An den GPS-Tempomat muss sich der 43-jährige Schwabe erst gewöhnen. "Wenn vor dem Ende der Kuppe plötzlich des Gas weg isch, macht des vom Verbrauch her natürlich Sinn. Aber do muss mer sich erst amol drauf eilassa", meint der Fahrer aus Ehingen/Donau in breitem Dialekt. Auch die Spiegelsituation ist für ihn nicht ganz stimmig. "Der tote Winkel ist nicht grad klein. Und der Holm zwischen den Fenstern, warum muss der sein? Hat doch sonst keiner!"

VIEL LOB FÜR DEN NEW STRALIS XP, ABER AUCH EIN WENIG KRITIK

Ergonomie sowie Sitzkomfort findet er allerdings "top", die integrierte Lordosenstütze "a spürbare Entlastung für mei Wirbelsäule." Das obere Bett und die Ablage samt Steckdose seien auch klasse und "zum Zurückklappen brauchst du kaum an Daumendruck".

Von einem Fahrlehrer, der mit einem Schüler und seinem Truck vorbeikommen wollte, hat uns der Betreiber des Autohofs nahe Jettingen zwischenzeitlich erzählt. Ob er noch kommt? Gegen 16 Uhr wollen wir beinahe schon zusammenpacken, als zwei dunkelbraun lackierte Mercedes Actros mit rotem Streifen am Fahrerhaus nebeneinander einparken - ziemlich genau vor unserer Nase. Der erste Fahrer des Benz mit Esslinger Kennzeichen steigt aus, mustert unseren Stralis-Neuling. Kaffee? Gerne. Zeit? Vielleicht. Tobias Speier aus Nattenheim, bei Heidenheim an der Brenz, wartet wie sein Fahrerkollege auf Ladung. Er ist etwas nervös. "Ich muss wahrscheinlich gleich wieder weg." Früher ist der 29-Jährige auch schon mal Iveco gefahren.

"Waren Klapperkisten, laut und nicht gerade geräumig." Andererseits lobt Tobias die Fahrwerksabstimmung als schon bei früheren Modellen sehr gelungen: "Da konntest du durch Kurven heizen, die man mit einem Mercedes oder MAN nicht so leicht und schnell nehmen konnte." Nach einem kurzen "Rundgang" durch die aktuelle Kabine verblüfft ihn vor allem das Platzangebot: "Früher hast du ja direkt Platzangst bekommen." Auch die Anordnung und Bedienung der Fahrerassistenzsysteme lobt er: "Da kannst du nix fehlinterpretieren."

KEINER NENNT DEN IVECO TRAUMAUTO, ABER ER IST DURCHAUS AUF AUGENHÖHE

Was er zum Thema Iveco und Zuverlässigkeit meint, wollen wir wissen. Da hätte er nicht so viel Erfahrung, aber "spinnen tut der Marktführer auch", lacht der Actros-Pilot. "So lange ich nicht liegenbleib', ist alles gut." Innen sei alles bedienfreundlich, meint Tobias, aber wie schaue es außen aus?, fragt er. Erhard Maier lässt ihn das Fahrerhaus kippen. "Das wollte früher keiner so gerne machen. Aber das ist hier gut gelöst: elektrisch, ohne dicke Hebel und Quietschen."

Und das Fazit nach sechs Testrunden? Von einem Traumtruck in Bezug auf den New Stralis XP sprach am Ende keiner unserer Testfahrer. Doch alle lobten neben der perfekt arbeitenden Getriebeautomatik die Laufruhe, die gute Innendämmung und Verarbeitung sowie den Sitzkomfort. Dass auch Sicherheit - aktiv wie passiv - beim Stralis XP eine große Rolle spielt, haben unsere sechs Tester schnell erkannt, ebenso wie ein Interieur, das hier keinerlei Provisorien mehr bedarf - ob beim Fahren, Ausruhen oder Schlafen. Mit dem Stralis hat der in Ulm entwickelte Südländer aufgeholt. Wer hinter dem Lenkrad sitzt, merkt sehr schnell, dass der Iveco Stralis ordentlich Fahrt aufgenommen hat und im Reigen aktueller Wettbewerber ein Wörtchen mitreden kann. Gerfried Vogt

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