Scania Fahrvorstellung: Neue Hülle, bekannter Kern

Die neuen Scania standen zum Fahrtest bereit
© Foto: Karel Sefrna

Nach 21 Jahren bringt Scania wieder einen komplett neuen Lkw. Er soll in Sachen Haptik, Komfort und Wirtschaftlichkeit Maßstäbe setzen. Wir haben ihn schon mal Probe gefahren.


Datum:
13.10.2016
Autor:
Jan Burgdorf

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Die Erwartungen an die Schweden waren groß. Doch der von vielen erwartete Wow-Effekt blieb bei der Enthüllung von Scanias neuer Lkw-Baureihe aus. Zu ähnlich sieht der Neue auf den ersten Blick dem Vorgänger.

Tatsächlich handelt es sich aber um eine komplette Neuentwicklung - und die Ähnlichkeit sei gewollt, versichert der Hersteller. Schließlich solle man den Neuen schon von Weitem als Scania ausmachen können und außerdem sei beim Alten vieles so gut gewesen, dass man es nicht mehr verbessern konnte. Trotzdem beeilen sich die Schweden, hinzuzufügen, dass die jetzt "R" und "S" benannten Modelle bei Wirtschaftlichkeit, Verbrauch und Service ebenso einen neuen Maßstab setzen sollen wie in puncto Fahrkomfort, Haptik und Verarbeitung.

Das zu überprüfen, unterzogen wir den neuen Greif einer ersten Inspektion. Der Türgriff ist schon mal wie beim Vorgänger, er fasst sich aber wertiger an und es benötigt weniger Kraftaufwand, um den Weg zu den vier Stufen der niedrigeren R-Kabine beziehungsweise den fünf der S-Kabine (siehe Kasten Seite 34) freizugeben. Die Tür fällt mit einem dezenten "Flopp" ins Schloss, ähnlich wie bei Oberklassen-Pkw.

Gleiches gilt für die Materialien in der Kabine. Vorbei die Zeiten von biederem Beige und düsteren Kunststoffen. Der neuen Generation spendierte man wertigere, teils hinterschäumte Kunststoffe und alle Schalter und Tasten rasten satt. Man nimmt den Entwicklern ab, dass sie sich in diesem Kapitel an der Konzerntochter Audi orientieren durften ...

Was beim Armaturenträger ebenfalls ins Auge sticht: Auch hier stand der Vorgänger Pate, schließlich gehörte dessen Cockpit bis zum Schluss zu den besten am Markt. Auch die Hebel für Handbremse, Opticruise und die Lenkradtasten wirken vertraut. Bei der Lenkradentriegelung, die weiter versteckt an der Lenksäule ihren Platz hat, bieten andere Hersteller aber schon länger elegantere Lösungen.

Ein Fragezeichen setzen wir hinter den, zusammen mit vielen weiteren Knöpfen in die Türbrüstung gewanderten Lichtschalter. Auch wenn Scania vehement versichert, dass selbst Starkregen hier keinen Schaden verursachen soll. Ob's stimmt, wird erst die Zukunft zeigen. Vorerst lassen wir unseren Blick nach rechts schweifen und registrieren, dass Scania bei der Entwicklung offenbar manchen Blick nach Stuttgart warf. Die große Ablage unterhalb der Mittelkonsole inklusive Schubladen findet man in ähnlicher Form im Actros. Ebenfalls dem Mercedes nachempfunden wurde der große ausziehbare Kühlschrank (Option), dank dem nun endlich auch Scania-Fahrer 1,5 Liter große Flaschen aufrecht mit auf Tour nehmen können.

DIE GUTE NACHRICHT: DEN BULLIGEN V8 BEHIELT SCANIA IM PROGRAMM

Genug geforscht, jetzt wollen wir die Zylinder hören. In Fall unseres "S 580" acht an der Zahl, was eingefleischte Scania-Fans mit Genugtuung registrieren werden. Den prestigeträchtigen Achtzylinder mit dem Modellwechsel aus dem Programm zu streichen wagten die Schweden nicht. Sondern beließen es - übrigens auch bei den allesamt Only-SCR-Sechszylindern - bei einer überarbeiteten Motorsoftware und neuen Injektoren, was bis zu drei Prozent Verbrauchsersparnis bringen soll.

Von seiner Souveränität und dem unverwechselbaren Sound hat der V8 aber nichts eingebüßt. Ist er mit dem brachialen Beschleunigungsvorgang fertig, blubbert er im Eco-Modus gern mit 850 Touren vor sich hin. Auch dank der noch mal nachgelegten Dämmung, die gleichermaßen der Isolation zugute kommt, sind ab da fast nur noch Windgeräusche vernehmbar. Und die Klimaanlage, die von Scania ebenfalls endlich überarbeitet wurde und nicht mehr plötzlich eiskalte Windstöße durch die Kabine pustet.

Fahrwerk und Lenkung? Ohne Befund. Soll heißen: Der Scania lässt sich weiterhin Pkwartig durch Kurven führen, die Steuerung gibt jederzeit gute Rückmeldung und die Federung findet - zumindest mit 40 Tonnen - den tadellosen Kompromiss aus Komfort und Sportlichkeit, den man von einem Scania erwartet.

Unserer Meinung nach überflüssig ist die Option "luftgefederte Vorderachse", mit der wir die Gesamtabstimmung als zu weich empfanden.

Fahrwerkstechnisch noch eine Spur verbindlicher geben sich die mit dem DC13-Sechszylinder bestückten Modelle. Schließlich lastet hier nicht der schwere V8 auf der Vorderachse. Mit 40 Tonnen die wirtschaftlichere und leichtere Alternative zum V8 ist vor allem die um zehn auf 500 PS erstarkte stärkste Einstellung. Die ist mit 2550 Newtonmeter Drehmoment ein starkes Stück Schwedenstahl und fühlt sich im Drehzahlkeller wohl, ohne Vibrationen zu entwickeln.

Sowohl dem V8 als auch dem Sechszylinder zugute kommen die verkürzten Schaltzeiten des Opticruise-Getriebes. Dem spendierte Scania zusätzlich eine Vorgelegewellenbremse. Diese bremst die Welle beim Auskuppeln hydraulisch ab, wodurch die Zahnräder schneller einrücken können. Die Folge sollen laut Scania um 45 Prozent schnellere Gangwechsel sein. Das ist beim Fahren durchaus zu spüren, mit dem Volvo-DSG-Getriebe kann sich Opticruise aber weiter nicht messen. Vom schwedischen Konkurrenten stammt auch die Idee des drehbaren Beifahrersitzes, die Scania nun ebenfalls optional anbietet.

Ob die Investition in das auf einen Meter Breite ausziehbare Bett lohnt, muss jeder selbst entscheiden. Für die Extrabreite müssen nämlich, wie beim Vorgänger, zunächst die Sitze nach vorn geschoben werden. Da wird es mancher beim Serienbett (in der Mitte 80 cm breit, hinter den Sitzen 67 cm) belassen. Auch wegen der eher weichen Matratze, die zudem ohne Lattenrost auskommen muss, stellt der Scania beim Thema Schlafen nach wie vor nicht den Benchmark - obwohl die Kabine eine zum Vorgänger zehn Zentimeter längere Kabine hat.

Dem Greif hätte außerdem eine Single-Ausführung à la Mercedes-Solostar gut zu Gesicht gestanden. So etwas haben die Schweden allerdings bisher nicht vorgesehen. Lediglich zusätzliche Stauräume an der Rückwand anstelle des oberen Bettes kann man hinzukonfigurieren.

DER DACHSPOILER LÄSST SICH PER KURBEL IN DER HÖHE VERSTELLEN

Scania vergrößerte die Außenstaufächer, die jetzt nicht mehr vor Getränkekisten kapitulieren müssen. Die S-Kabine verfügt zudem darunter über ein zusätzliches Staufach - eine weitere Parallele zum Mercedes Actros ...

Von DAF inspirieren ließ man sich dagegen hinter der Kabinenrückwand. Der Dachspoiler lässt sich per Markisenkurbel einfach und schnell an die Aufliegerhöhe anpassen. Aber wenn die Schweden schon hinter die Kabine von CF und XF schauten, hätten sie auch gleich die elegante Lösung der Niederländer für das Aufräumen der Bremskabel übernehmen können. Die fummeligen Kabelhalter des neuen Scania werden den Fahrer stets aufs Neue zum Fluchen bringen.

Ein großer Teil der Entwicklungskosten floss dagegen in den Service. Dank digitaler Vernetzung kann Scania beispielsweise die Wartungsintervalle genau auf die Einsatzbedingungen des jeweiligen Fahrzeugs abstimmen. Im besten Fall werden so Intervalle von bis zu 150.000 Kilometern möglich, ehe sich der Bordcomputer meldet. Aber auch der Fahrer profitiert von der Vernetzung und kann beispielsweise per Handy-App die Standheizung aktivieren.

Auch hier bietet der Neue mehr als der Vorgänger, auch wenn er ihm optisch ähnelt. Und wer das Vormodell trotzdem vorzieht: der "Alte" wird noch bis ins nächste Jahr produziert.

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